Von der Poesie – (Versuch)

Der Autor eines poetischen Textes wird allzu geläufigen Wendungen keinen Vorzug geben, er wird zum Beispiel niemals „anständig schlafen“. Denn das ist gar nicht möglich. Mit Anstand lässt sich Vieles erledigen, aber schlafen? Nein, gut schlafen ist schon nichtssagend genug und mag allenfalls einen sinnhaften Reim ergeben, wenn einer Krankenschwester in einem gewöhnlichen TV- Drehbuch aus dem Munde schlüpft. Auch leichter oder tiefer Schlaf sind konventionelle Metaphern für den Hausgebrauch, der in einem poetischen Text keine Funktion hat. Es sei denn, man charakterisierte damit eine drollige Figur, die wörtlich dann aber auch anstatt von Tiefe, besser davon redete, wie ein Bär geschlafen zu haben. Meinetwegen , Tiervergleiche haben oft Witz und einen absurden Reiz.

Ähnlich wie mit den üblichen Metaphern steht es um die landläufigen Sachen und Zwänge, die sich angeblich in „trockenen Tüchern“ oder „grünen Bereichen“ finden lassen. Nichts als Ausreden, Verlegenheiten, die Dinge aus Zeitmangel nicht genauer beschreiben zu können. Vermutlich sind sie in Amtsstuben ersonnen worden, wo die schöne leidenschaftliche Sprache ihr Leben wie die Natur notdürftig in Topfpflanzen verbringen muss. Kurz, die Sprache soll ausreißen, ihre Automobile stehen lassen und zu Fuß zum reißendem Strom zurückwandern, ihre geschniegelten Manieren und Gebräuche abwerfen, aber das heißt beileibe nicht , zu den Rohköstlern oder Nacktbadern überzulaufen. Zu diesen Witzbolden und Gurus der Gottsucher-Banden.

Die Poesie kennt weder ein Ursprungsland noch pflegt sie die Fiktion vom reinen Naturzustand. Sie träumt davon ja, aber sie ist ein Mischwesen, das sich nach Klarheit und Schönheit sehnt, wie nach nichts anderem. Beide sind schöpferische Zustände, die nicht wie politische oder ökonomische Werte eingefroren oder in Glasvitrinen gestellt werden können. Die Poesie erlauscht, wie die Sprache mit sich selber redet. Sie hört von diesen Ideen und Antriebskräften, wie sie sind, nämlich immerzu im Fluss, weder greif-noch begreifbar; – die Poesie wiederholt den schöpferischen Akt, indem sie ihn je neu erfindet. Mitten unter uns. In Argumentationsketten wie in Entwicklungsstufen ist sie freilich nicht zu erkennen, auch wenn sie diese parodiert und ist weder rein logisch oder so wenig vernünftig, wie wenn man den Fischen das Leben auf dem flachen Lande beibringen wollte, oder den Vögeln das Tiefsee-Tauchen,oder den Rindviechern das Einmaleins. Aber ich gebe zu, wer die Sprache nur aus dem Missbrauch der Kommunikation her kennt und gewöhnt ist, wird den poetischen Akt nicht verstehen. Und was der kommunikative Kompetenzler nicht versteht, achtet er gewöhnlich nicht. Sein Pech.

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