Frieda Grafe- Filmkritikerin

Auf meinen Nachtischchen liegt ein Bändchen von unschätzbarem Wert.Ich lese mich immer wieder fest darin. Gedanken und ihr einzig angemessener Stil bilden ein unzertrennliches Paar, das die Unbilden der Zeit federleicht übersteht. Frieda Grafe musste sehr früh gehen. Ihr unnachahmlicher Blick auf das europäische und amerikanische Kino fehlt mir und vermutlich uns allen heute sehr. Echte, erhellende Kritik ist eben nicht zu ersetzen wie ein noch so hoch dotierter Bürostuhl sonst. Das Kino braucht den leidenschaftlichen Betrachter wie das Buch den kongenialen Leser. Grafes Thema ist die Sichtbarkeit, Sichtbarmachung des Realen, das eben nicht bloß abbildlich und realistisch zu erfassen ist. Das Sichtbare ist eine Konstruktion und der manchmal auch verzweifelte Versuch, den hörbaren Text von den Bildern zu trennen. Die Gesten allein erzählen zu lassen, was die Rede überfordert und vergisst. Die Story zu fragmentieren, um das Mechanische im Alltagsbetrieb schärfer wahrzunehmen. Grafe zeigt, wie die europäischen Filmkünstler die amerikanischen Filme sehen, zitieren und verwerfen, um auf ihr Eigenstes vorzustoßen. Gelingen und Scheitern an dem Widerständigen und Unbegreiflichen im Wandel sind dabei keine einfachen Gegensätze, die durch Erfolg und Misserfolg abzuschätzen sind. Das Rätselhafte und das Interessante sind die ästhetischen Kategorien, die die Kritikerin an den künstlichen Streifen zu ergründen sucht, aber nicht als ihre Trümpfe ausspielt, welche sie in ihrem Besitz zu haben wähnt. Übergangslos kommt sie von der formalen Beschreibung der Kameraeinstellung und Montagetechnik auf Themen, wie die Schwierigkeit des Mannes erwachsen zu werden, etwa bei Wim Wenders und seinem Vorbild Nicholas Ray. Wobei Wenders das Thema des Wanderns und Herumziehens , nicht aber die konstanten Elemente: -Dokument und Entertainment- des Amerikaners übernehmen kann. Europa fühlt, lebt und sieht anders auf das Leben. Im europäischen Kino kommen die Fragen nach unserem Kontinent deutlicher ans Licht, als in den politischen Diskursen und im Fernsehkino von heute, die beide in der papierenen Oberfläche stecken bleiben. Das alte europäische Kino, das sich damals neu nannte, also die französischen und italienischen Filme Godards, Antonionis usw., – viel weniger die deutschen Filmemacher,- interessierten sich sehr für Amerika, ahmten es aber nicht einfach nach. Sie glaubten sich stärker der Kunst verpflichtet als dem Kommerz, diesem Widerspruch, der freilich hier und dort immer eine hintergründige Rolle spielt; wie das Geld überhaupt, das so schwer in Bildern wahrzunehmen ist, wie fast alles, das es bestimmt, sogar bei Asketen wie Bresson. Das übermächtige Geld ist so schwer darzustellen wie die wahren Kulissen, in welchen es sich verbirgt. Die ins Auge fallenden Probleme, schon beim augenblicklichen Drehen des Filmes, sind bei den Europäern bedeutender als die gut und perfekt gemachte Story . Heute ist auch bei uns Entertainment alles, denn der Probleme sind wir auf Erfolg Dressierten überdrüssig, sie überlassen wir den Funktionären. Wie hätte Frieda Grafe darauf reflektiert? Sie fehlt uns wirklich sehr. Und ich sehne mich nach einem europäischen Kinosaal, in welchen alle Filme, die sie bespricht und beschreibt, endlich wieder und wieder zu sehen sind.

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