Lachen im Theaterkästle

Gestern in einem Boulevardtheater auf dem Lande. Das Laientheater ist immer wieder erfrischend. Es gehorcht der Pflicht, dem Zuschauer zu Diensten zu sein,es zu umschmeicheln und in seinen geliebten Vorurteilen zu bestärken. In dem amerikanischen Pointenstück gestern herrschte natürlich wieder das gesunde Vorurteil, welches das gemeine Volk schon immer liebt. Denn logisch: Psychotherapeuten sind Scharlatane , die sich mit wissenschaftlichen Federn schmücken. Um 1. einen großen Reibach zu machen und 2. möglichst viele Frauen aufs Kreuz zu legen. Aber nein, keine Bange, es kommt nicht zur Pornografie auf der Landbühne. Die Schriftstellerin auf der Couch zieht noch nicht einmal ihren Bikini aus, aber lange noch hält die Spannung an, genau das könnte geschehen.
Alles tendiert natürlich in diese Richtung, denn der Mensch denkt seit der Antike nun mal andauernd an seine schweinische Natur, wenn er ehrlich ist. Aber zu dieser Ehrlichkeit braucht er jede Menge Kitsch und verbrauchte romantische Liebesphrasen, um den Kitzel zu bändigen. Denn unverschämte Nacktheit und ungeschminkte Wahrheit auf der Bühne, wie sie auf den Staatstheatern üblich und Mode geworden sind, wollen sich die Laienspieler nicht leisten, sie müssen schließlich am nächsten Tag wieder ihre ehrbaren Alltagsrollen einnehmen. Am Schalter in der Sparkasse oder im Supermarkt in der Kosmetikabteilung. Alles ganz logisch.

Das Publikum liebt die Verwechslung und den Selbstbetrug, welchem die Figuren auf der Bühne ausgesetzt sind, während es selbst behaglich schmunzelnd in den Sesseln sitzt und alles voraus weiß, und auf den Höhepunkten des plots in Lachsalven ausbricht, weil es den ganzen Schwindel natürlich von Anfang an durchschaut. Ja, die Kunst deckt die Lüge im Leben auf, besonders einfach und virtuos tut das jenes Boulevardtheater, das ich gestern wieder einmal genießen durfte. Nie erlebt man die einfachen Leute so kindlich und dankbar wie vor der Laienbühne. Natürlich denkt man dabei oft an Stars wie den Juhnke oder die neuen Idole aus den beliebten TV Serien, also Liefers, Ochsenknecht und wie sie alle heißen. Wie würden die die Pointen auf die Bretter schleudern. Jeder Pointe, und es gibt jede Menge davon in dem Stück, gewönnen sie nicht nur einen doppelten, sondern oft sogar noch ein dritten und vierten Unter-und Hinterboden ab. Das ist klar. Die Rolle des Kaufhausdiebes, der sich als Psychotherapeut ausgibt und einen Finanzbeamten kuriert, der sich einbildet Elvis Presley zu sein und unglaublich, er bringt diesen Patienten dazu , es am Ende sogar zu sein, als Elvis auf der Bühne dessen Songs mit Gitarre zu servieren. Das Publikum raste und klatschte mit im Rhythmus des unvergesslichen Rock’n Roll-Zeitalters. Diese Szene hätte eine Profibühne, selbst mit einem Till Schweiger, niemals so hingekriegt, geschweige denn besser machen können. Das Publikum wollte hier mitmachen, nostalgisch mitgrölen, nicht nur virtuose Schauspielkünste bewundern. Würde ich in der Heimatzeitung darüber schreiben müssen, spräche ich hier von grandioser Authentizität und von Einmaligkeit einer Symbiose von Publikum und Laienspielern.

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