Kulturlose Demokratie

Wie ich als Oberschüler zum ersten Mal etwas von Meinungen verstehen wollte, hatten die etwas fast Glänzendes, Ehrbares. Man musste sie erringen, sie hatten etwas von Haltung und Überzeugung an sich. Wenn ich mir heute die Meinungsschlachten anhöre und ansehe, bekommen sie immer öfter etwas Ordinäres, etwas, das ich nicht unbedingt haben will. Etwas Wertloses wie eine Bierdose im Rinnstein. Im Fernsehen kämpfen sie um die Zeit wie Hunde, die nach der Wurst schnappen. Schicke Anstandsdamen verteilen die knappen Zeitrationen, „nein, sie sind jetzt nicht dran, sie hatten schon zuviel Redezeit, jetzt wollen wir zum nächsten Thema kommen“ und in die Lücken, die die Zeitverwalterinnen lassen, preschen die Kontrahenten sofort hinein:“Nur ein Satz, lassen sie mich bitte ausreden..ich habe ihnen auch lange zugehört.“ Zuhören ist was für Looser, Winner reden, gewinnen die meiste Redezeit. Und sie schnurren die Statements herunter, die sie schon hundertmal wo anders in Broschüren und Livespots verkündeten, als kämpften sie um ihr Überleben.

Kein Funken Humor, kein Charme, keine Eleganz kommt dabei zum Vorschein. Kein scharfer Witz, kein geistreiches Bonmot. Nur die Qualen des Rechthabens. Nur Gier, den eigenen Senf unbedingt loszuwerden und nochmal und noch einmal zu wiederholen. Was soll das für eine Kultur sein? Dass sie nicht merken, wie ärmlich und bedürftig sie dabei aussehen? Wie würdelos und zänkisch sie sich dabei selbst darstellen. Was sagt ihr Coach dazu, wenn sie sie sich ihr Eiferertum nachträglich zusammen noch einmal anschauen? Sieht so jemand aus, der überzeugend ist oder gar faszinierend ? Für wen, für die Masse denkfauler Zuschauer, die erst vollkommen zufrieden wären,wenn sich die Streithähne tatsächlich an die Gurgel gingen und noch scheußlicher mit den Zähnen fletschten, als sie dies tierische Gebaren bisher eben noch zu verbergen wissen. Dabei werden die Zeitrationen von Tag zu Tag immer noch knapper, denn auch die Online-Laberer müssen jetzt noch mit eingeschaltet werden, sodass die rhetorischen Mittel immer plumper und phrasenhafter werden , sodass eine Atmosphäre wie in den McDonalds-Buden entsteht. Viele Pappe auf den Tischen und Essmanieren, die eher an Futtertröge erinnern, als an gesittete Mahlzeiten.

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