Metaphernnot im Hirn des Chefredakteurs

Der Journalismus befindet sich wie das Staatstheater in einer permanenten Krise, seit die Stützbalken der Objektivität, die wie die Zeit, als sie noch still um kurz vor 12 über Jahrzehnte feststand, und jetzt auch plötzlich die Ausgewogenheit der Feindbilder mit dem Ende des kalten Krieges zusammengebrochen war. Wir haben zwar ein neues Feindbild, den Terrorismus, doch dieser Feind hat islamische Wurzeln, die man nicht unter Generalverdacht stellen darf. Eine verzwickte Lage, die der Journalismus mit vielen anderen Problemen gleichzeitig zu bewältigen hat. So fragt sich Walter Roller, der Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, oft täglich, wann er seine Leser als Bürger, oder ganz unprätentiös als einfache Leute, oder schlicht als Menschen ansprechen soll. Wie kann Europa beispielsweise „den Herzen der Menschen“ wieder näher gebracht werden, wenn den Leuten jedes „konkrete Konzept“ fehlt. Und wenn er, Roller, bedenken muss, dass dem Bürger die „deutsche Marschroute“ nicht mehr voll bewusst ist, da die Reise einerseits in den „unverwüstlichen Nationalstaat“ zurückführt, andererseits von globalen Plänen im „Raumschiff von Brüssel“ in vollkommen falsche Richtungen gesteuert wird. Rollers Feder gerät hier oft ins Schwitzen, wenn ihm dann auch noch die Rede Präsident Junckers in die Parade fährt , deren Geist von jenen „Visionen in Atem“ gehalten werde, die, wie Roller meint, den sturen Widerstand der Menschen gegen einen Superstaat Europa hervorrufen, weil der Bürger als Europäer ein Höchstmaß an Selbstbestimmung und Eigenständigkeit einfordert. Da geraten die sprachlichen Bilder in einen inneren Anschauungs-Krieg mit sich selbst und Walter Roller in Not, für seine Leser einigermaßen „übersichtliche Verhältnisse“ wieder herzustellen. Wie einfach war das früher, denkt sich Walter Roller, als man noch auf jedem Schreibtisch die Weichen stellen und das „Rad der Geschichte“ immerzu vorwärts rollen sah: „Unabhängig, objektiv und parteienübergreifend.“ Aber dann starben auch noch die wahrhaft großen Journalisten und überließen uns Leser ihren kleinen Brüdern und Neffen. Roller sucht noch nach einer Schlusspointe seines Artikels. Vielleicht: „ Europas Realität braucht wieder einen neuen Traum?“ Oder: Mückenplage im Brüsseler Raumschiff?

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