Selbst im Allgäu gibt es noch eine Zeitung

In meiner Berliner Zeit las ich öfter die BZ, wenn mich eine ihrer „hammermäßigen“ Titelzeilen in ihren Bann schlug. Besonders, wenn es wieder einmal um eine Erhöhung der Hundesteuer ging. Dieses Thema brachte den Berliner in Rage, weit mehr als die Korruptionsskandale eines SPD-oder Senatsfritzen, denn das kam ja alle Tage vor, aber die Hundesteuererhöhung war ein Tabu und wehe ein Politiker rührte daran, dann riskierte er jedes Mal einen Aufstand gegen sich und seine Partei.

Jetzt hier im Allgaü lese ich hin und wieder die Augsburger Zeitung mit dem hiesigen Allgäuer Lokalteil. Hier dient alles hauptsächlich dem Lokal-und Breitensport und dem Trost wegen der Erhaltung des leider dahin siechenden Brauchtums. Auch der Allgäuer muss schließlich lernen, wir müssen in Zukunft noch viel moderner werden. Die vorwiegend alte Leserschaft ästimiert das alles sehr und ist froh, nicht unnötig in Aufregung versetzt zu werden. Manchmal stelle ich mir die Leserschaft wie einen armen Greis vor, der vor Jahren seine Brille verlegt hat und inzwischen längst die Suche nach ihr vergessen hat. Öfter liest ihm jetzt sogar seine polnische Betreuerin in ihrem gebrochen Deutsch etwas vor, sodass ihm die Zeitung auch als Schlafmittel die besten Dienste leistet .So wird ihm auch der unfreiwillig komische Beitrag völlig entgangen sein, der neulich als Leitartikel gleich auf der ersten Seite Platz fand.

Der Augsburger Leitartikler, naturgemäß ein Mitglied der Chefredaktion, dachte plötzlich: es wird Zeit, endlich wieder einmal zu Bildung und Schulpolitik etwas überregional Brisantes zu sagen. Da fiel ihm flugs als sog. Aufhänger der Name des großen Wilhelm von Humboldt ein, den er deshalb ganz vertraulich als unseren „guten alten Wilhelm Humboldt“ anredete. Denn, und jetzt kam er gleich zur Sache, wenn dieser alte Bildungsfreund heute ein Gymnasium im Regierungsbereich Schwaben besuchen könnte, dann müsste er sich wohl sehr wundern, dass sich seit seiner Zeit kaum etwas Neues getan hat. Noch immer herrscht Kreidezeit und noch immer müssten sich die Oberschüler mit den alten Gedichten von Goethe und Schiller „herumschlagen“, statt mit Beamer und allen W-Lan-Finessen für die Digitalisierung gerüstet zu werden und im Unterricht zu lernen, wie heutzutage eine objektive Nachricht im Netz zustande komme. Zu recherchieren, wie der professionelle Journalismus, -hier dachte der Schreiber sicher intensiv ans eigene Blatt- präzise arbeite, um nicht wie die Hobbyblogger auf alle möglichen fakes hereinzufallen. Es war klar, er dachte an die nahe Zukunft, dann aber ruderte er unverhofft ein Stück zurück und sagte im objektiv ausgewogenen Handwerkerstil, den er selbst noch im kalten Krieg gelernt hat: „ Nichts gegen Goethes Gedichte und Schillers Dramen, aber ein bisschen mehr Praxisbezug kann nicht schaden.“ Der bayrische Minister Dr. Ludwig Spaenle wird ihm dieses Fazit sicher sofort unterschreiben. Ob Wilhelm von Humboldt freilich ihm darin heute schon zustimmen könnte, ist die aktuelle Frage, die der Redakteur da einfach mal in den politischen Raum stellen wollte. Und fragen wird man noch dürfen, ohne damit der konservativen Klientel aus der Kreidezeit gleich vor den Kopf zu stoßen.

Die polnische Betreuerin hat unserem armen Mann diesen Artikel erspart, weil sie ohnehin der Meinung ist, ihr Patient sollte nicht zu viel Zeitung lesen, sondern lieber etwas für seine Gelenke tun.Wie recht die gute Frau doch hat.

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