Verlust der Freiheit- Flucht nach innen

Habe mich allzu lange vom Wahn des Infozeitzalters mitsamt seinen Millionen von Daten ablenken lassen, aus dem ich mich schrittweise zurückziehe, denn es geht darin um viel weniger als die meisten vermuten, von der neuen Technik geblendet und von der Angst geschüttelt, sie könnten abfahrende Züge verpassen, von denen einer gewiss in ein Neuland der Offenbarung führen würde. Bluff, nichts als Bluff. Das sieht man schon daran, dass ausgerechnet Journalisten die anführenden Agenten sein sollen..Der Wahn geht so weit, dass jeder jetzt Journalist sein will, von Recherchen reden sogar die Hausfrauen, wenn sie sich bei Google über die Lebensmittelangebote unterrichten lassen.-Recherche- das Schlagwort der Epoche. Ich bin nicht mehr interessiert, seitdem sie immer lauter skandieren: wir haben keine Angst, wir leben so weiter wie immer, unsern Hass kriegen die Barbaren nicht. Als könnte man mit dem Gefühl des Hasses Geizpolitik treiben. In Wahrheit fehlt ihnen nur die Vorstellungskraft dafür, wie grässlich es ist, von einem Lastwagen überfahren zu werden. Insofern sind die Solidaritätsrituale, verübt sogar auf jedem Fußballplatz, nichts als Verdrängung der Angst. Schutzrituale, mit welchen sie ihre unsinnige, unpolitische All-Toleranz bemänteln. Sie wissen nicht, dass man den Krieg, der schon wütet, nicht mehr lange ignorieren kann.Es ist wieder wie bei den beiden vergangenen Weltkriegen, sie wollten sie so lange nicht kommen sehen, bis sie mittendrin waren. Ich wende mich ab, kann nicht helfen. Ziehe also meine Vorhänge zu und lese in Robert Musils großem Roman, wieder und wieder. Das Buch des 21. Jahrhunderts.

Heute also die erotische Episode: Bonadea besucht ihren Liebsten,Ulrich. Dieser zeigt keine Lust auf ihr Begehren einzugehen, flieht in seine allgemeinen Reflexionen, die er mit rhetorischer Finesse vorträgt, wohl wissend, dass er sie damit fasziniert und gleichzeitig zurückstößt, ja kränkt. Aber sie gibt nicht auf, die Bürgerliche mit der hochanständigen Fassade, unter der es brodelt und beinahe zischt. Sie möchte ihn aus seinem intellektuellen Labyrinth herausführen in den seligen Bezirk ihrer leidenschaftlichen Gefühle für ihn. Sie tut sich schwer, sie fühlt sich ungeübt auf dem erotischen Gefechtsfelde. Zu Hause hat sie einen Mann, einen Richter von Beruf, der seine Pflicht bereits erledigt und für ausreichend Nachkommen gesorgt hat.Ihre Gefühlswelt bleibt ihm verschlossen und er geht lieber zur Jagd, als sich in seine Frau zu vertiefen. Ulrich scheint auf seiner Gedankenjagd ähnlich zu handeln, ohne dass ihm ihre Gefühle unbekannt blieben. Seine Motive der Weigerung  allerdings kennen wir nicht und auch Musil, der verborgene Erzähler, verrät sie uns hier noch  nicht. Empfindsam schildert er ihre halbbewussten Versuche, an ihr Ziel zu kommen und steuert auf die satirische Schlusspointe zu: Plötzlich bildet sie sich einen Floh ein, der irgendwo ihren Leib aufsucht. „ Sie kreischte leise auf, bekam hochrote Wangen und forderte Ulrich auf, ihr suchen zu helfen. Ein Floh bevorzugt die gleichen Gegenden wie ein Liebhaber;  Sie suchen überall, an all den reizvollen Zonen und Stellen-„ Doch der Floh war nicht zu finden. „ Da fing Bonadea wie ein kleines Mädchen , das sich schlecht aufgeführt hat, zu weinen an.“Bonadea ist verzweifelt und der Leser möchte,aber kann darüber nicht gerade wie befreit auflachen.

In dem Kapitel erlebt man nicht nur das komische Scheitern einer Liebesaffäre, sondern die weite und ungeheure Freiheit des Denkens, die ich in meiner äußeren Katastrophengegenwart jetzt nicht mehr verspüren kann. Ich hasse den Feind, der jetzt überall ist und zieh mich aus Furcht nach innen zurück.

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