Karl Kraus und die gefälschte Poesie

Literaturkritik ist Sprachkritik. Es hilft den edlen Poeten nichts, wenn sie sich rühmen, nur selten Zeitungen zu lesen. Die Phrasen holen sie in der Nacht heim und nisten sich unverhohlen in ihren Werken ein, sagte Karl Kraus .Er nannte es  Journalisierung, Verfälschung der Literatur und exemplifizierte das in sehr vielen Fällen. Zuletzt noch in der von ihm aufgewiesenen sprachlichen Zwillingsbruderschaft Gottfried Benns mit Joseph Goebbels. Sie hatten denselben Schmackes, denselben Ton, „Antrieb wie Auftrieb“, „Einstellung wie Einfühlung“ – beide bejahten sie „das Volkmäßige wie das Übernationale“, sie „verankerten sowohl das Latente wie das Problematische im Zerebralen und auch Peripherischen.“  Ein und dasselbe Expressivo.  Ein Paradestück literarischer Sprachkritik,  das ein Reich-Ranicki , ein Professor Jens und ihre Schüler bis heute nicht zur Kenntnis nahmen. .

Angefangen hatte die Seuche, nach Kraus‘ scharfem Urteil, bei Heinrich Heine, der die sprachlichen Preise nachließ und seine Feuilletons mit Stimmung en auffüllte, wo es ihm an Gedanklickeit fehlte.  Als Skandal wirkt  dieses Urteil bis heute nach, und Adorno, der Kraus in vielem folgte, milderte die Sache ab, indem er zart von der „Wunde Heine“ flüsterte. Ja hieß das, aber still, nicht wieder die  Antisemiten wecken.  Der Feuilletondenker politisierte so die Literaturkritik, vermutlich unbewusst, weil er von der Psychologie viel zu hohe Dosen  zu sich genommen hatte.

Heute da es üblich ist, dass bekannte Journalisten endlich auch ihre Bestsellerromane verfassen und hohe Literaturpreise dafür erhalten, hat man das alles vergessen. Und die Germanisten schlafen sehr tief, tiefer noch als die Antisemiten. Darauf kann man sich verlassen.

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