Kleine Welt der Riesenzwerge

Vermutlich wird dem letzten Zweifler spätestens jetzt klar geworden sein, dass die Welt realistisch nicht mehr wiederzugeben  ist. Denn die Welt ist schon lange nicht mehr realistisch. Wie könnte sonst ein Trump Präsident der USA geworden sein. Er wird übrigens immer falsch dargestellt. Man könnte ihn viel besser sehen, wenn er gerade ein Sandwich isst oder seine Lieblingssendung im TV anschaut, anstatt auf den Trick hereinzufallen und zu glauben, man erkennte irgend eine Spur der Wirklichkeit, wenn er soeben live  eine Pressekonferenz abhält. Das ist ein dummes Klischee, an das die Fernsehmacher glauben, sonst kein Mensch. Er ist nur als Phantast, als störrisches Kind abzubilden, das auf den Boden stampft, weil sein Haushaltsminister wieder die Schokolade vergessen hat. Es ist doch nicht schwer, ihm zu Willen zu sein, man muss doch nur seiner Tobsucht um einen Schritt jeweils voraus sein, man kennt das doch. Es ist deshalb völlig verkehrt, ja geradezu dilettantisch, wenn Frau Merkel ihm protestantische Moral beibringen will. Die versteht er genauso wenig wie ein Kind mit 5 Jahren die Kantsche Kritik verstehen könnte. Trotz Hochbegabung. Die Welt ist eindeutig absurd, das heißt vollkommen rätselhaft geworden, selbst die Wissenschaften sind sprachlos und besuchen heimlich Religionsführer und Gurus, die Bestseller schreiben und unerhörte Millionenerfolge einfahren zur Zeit.  Ich habe  mich in meinem Literaturstudium einmal länger mit der polnischen Dramatik befasst und erinnerte mich jetzt an ein Theaterstück von Stanislaw Grochowiak, das dieser schon 1963 geschrieben hat. Darin geht es ähnlich unlogisch, grotesk und lächerlich zu wie heute überall. Das glaubte damals niemand, besonders nicht die aufkommenden Studenten und ihre Kritikerfreunde, die zur selben Zeit gerade den wissenschaftlichen Marxismus entdeckten, den sie damals überall auf sämtliche Bühnen und in alle Studios gebracht hatten. Ein unbewusster Rückschritt, der damals weltweit als Fortschritt verschrien wurde.  Da hatte Grochowiaks Stück natürlich keine Chance, das ist aber immer so bei prophetischen Vorausblicken. Trotz aller Hochgeschwindigkeit, geistig kommt man kollektiv stets viel zu spät. Aber sehr geehrte Damen und Herren, ich will damit keinen tragischen Sinn in meine Lektüren hineintragen, ich bin einiges gewohnt, diskutierte erst gestern in einem winzigen, etwas zerlumpten Cafe mit einem jungen Mann, der eine Wollmütze trug, ich weiß nicht aus welchem Grund, denn es hherrschte ja eine Bombenhitze im Freien. Ich gestand ihm zu, dass es eine hochfeine Sache sei, wie er die Welt retten zu wollen. Er engagiert sich im Schlepptau des grünen Afrikaministers  in afrikanischen Ländern für Klima-und Umweltfragen.  Doch sein Pathos schäumte so hoch, dass er mir plötzlich auf die Nerven fiel und ich sagte ihm, es sei inkonsequent, die ganze Welt retten zu wollen und dabei unsere Rentner, die völlig vereinsamten und mit ihrem Geld nicht das Nötigste mehr zum Leben hätten, ganz zu vergessen. Außerdem: was ist mit Indien und dem blöden unmenschlichen Kastensytem dort, und bitte was ist mit Venezuela, wo die Leute verhungern, mit China usw. müsse er konsequenterweise nicht da auch eingreifen? Da schmunzelte er und sagte in ganz kindlichem Ton plötzlich, man könne immer nur in ganz kleinen Schritten die große Welt retten. Da war ich wieder mitten im Stück Grochowiaks, wo der namenlose König nicht mehr weiß, wie er seine Rolle spielen soll und deshalb missgelaunt ständig seine Minister und Untergebenen  drangsaliert und mobbt. Statt zu arbeiten, raucht er lieber und isst  irgendwelche Süßigkeiten. In seinem Reich existiert natürlich auch ein General, der ein Verräter ist. Denn nach der ersten Szene im Kronsaal erscheint er im 2. Akt plötzlich unter den Verschwörern, die auch einen Präsidenten haben, der dem unzufriedenen Jammerlappen von Attentäter die Leviten liest, aber dann gleich wieder den Faden verliert. Denn sein Privatleben ist sehr problematisch. Dabei geht es bei Lichte nur um banale Misslichkeiten wie Rheuma, Zahnschmerzen, die Einkäufe seiner Frau  und solche Kinkerlitzchen.  Diese Welt ist überschwemmt von Kleinigkeiten wie Fliegenfängern und  die sog.Realität erscheint wie eine sehr ungenaue, ziemlich zerrissene Erinnerung , der mit Zitaten aufgeholfen werden soll.  Das wirft nicht zuletzt ein grelles Licht auf die Zustände des heutigen Polens, wo ebenfalls Traditionen, Stolz und Ehre wieder gestellt werden sollen, an die sich außer einigen Greisen und ihren Pflegerinnen kein Mensch mehr erinnert.  Man hat also diese Kunst der absurden Dichter, wo Millionen Menschen sich in Nashörner verwandeln, die alles niedertrampeln, wo europäische Großeltern, in Mülltonnen hausend, dementes Zeug vor sich hinbrabbeln und aufs Sterben warten, völlig verkannt.  Man hat das alles zur rechten Stunde dummerweise  ignoriert, auf dem Wege des stattlich geförderten Ausbaus der Theater-und Kulturwissenschaft  . Und jetzt ist die Welt, trotz Brecht und Marxismus  mit Wollmütze, so verwahrlost und grotesk wie in all diesen Stücken.

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