Um Ulm und in Ulm

Die Stadt Ulm kenn ich ganz gut, sie hat ein großes Potenzial, aber sie kann es nur sehr unvollkommen nutzen. Denn sie ist sehr technokratisch und von geistiger Sparsamkeit regiert. Zumal jetzt, da sie einen kleinbürgerlichen Provinzler zu ihrem OB erkoren hat. Aber es war schon bei seinem Vorgänger so, die verschiedenen Parteifarben tun nichts zur Sache. Freilich, der Gönner hatte den viel versprechenden Namen, er war schlau und immer mit einem Witzle zur Stelle. Auch  war es trickreich von ihm, dass er das Personal in seinem Rathaus kontinuierlich aufstockte, vornehmlich mit Frauen. Frauen schmücken den Zug der Zeit und reden naturgemäß gerne. Und wenn sie gut und großzügig behandelt werden,  erzählen sie es überall herum. Das ergibt eine inoffizielle günstige Wahlwerbung  das ganze Jahr über.  Ja, personalpolitisch hatte er ein geschicktes Händchen. Das muss ihm der Neid schon lassen. Ich denke z. B. an einen grünen Radikalinsiki, der immerzu mit seinen Weltanschauungsprojekten herum krakeelte, und gute Kumpelbeziehungen in die  Presse hinein unterhielt, die seine sonderbaren Visionen unterstützte. Da hielt der Schultes kurz inne und gab dem politischen Eiferer ein Amt, band ihn ein und hatte fortan  seine Ruhe. Oder einmal erlebte ich den großen Populisten in der Wengenkirche, wo er auftrat und sofort, wie ein gelernter Amerikaner, eines seiner schwäbischen Spässle zum Besten gab. Die Tanten und Omas fielen beinah aus den Kirchenbänken, so lustig war es. Ach, für Ulmer war er schon eine Nummer, überall wohin ich auch kam, sangen sie Loblieder auf ihn.  Da wird sich der trockene Nachfolger schwer tun, er kann nur schlecht reden, tut sich im Hochdeutschen überhaupt hart und im Dialekt fehlt es ihm, wie überall sonst auch, an Originalität.

Aber zurück zum Potenzial. Die Stadt erstreckt sich von den Donauauen bis hinauf in die schwäbische Alp. Im Sommer, wenn es in der Stadt sehr heiß ist,  fährt man ins Grasland hinauf,  wo immer ein kühler Wind weht und wo es ein bisschen vorsintflutlich noch zugeht. Die alten Wirtshäuser, wo man das Wort Marketing noch gar nicht gehört hat. Die armen, niedrigen Behausungen, die von Sparsamkeit und der Härte des Durchkommens erzählen. .Die Einheimischen sprechen einen sehr breiten, bäurischen Dialekt, der völlig anders klingt als das  blank geputzte, etwas ridiküle Eisenbahnerschwäbisch, das sie in der Stadt pflegen.  Dann hat die Stadt außer ihrer wenig ruhmreichen braunen Vergangenheit, die sie nach dem Krieg tapfer zu tragen versuchte,  zwei Mythen. Einmal das alte erhabene Münster, das fremd wie ein steinerner Gast inmitten der üblichen Abwasch-Moderne steht und von Dingen spricht, die kaum ein Mensch mehr versteht. Da das Münster vom Pietkong verwaltet wird, fehlt ihm überall der feierliche Glanz, den vergleichbare Sakralbauten katholischer Provinienz mühelos und täglich herstellen. Wenn man das steinerne Monument  zu Zeiten betritt, wenn Touristenscharen  aus aller Welt sich lautstark und ziemlich ungeniert breit machen, erwartet man jeden Augenblick einen Marktschreier in der Halle, der irgendeinen Knüller anpreist, um das „Ulmer Geldle“ zu vermehren. Dann gibt es aber wieder  Momente wie am Karfreitag zu erleben, wo der profanierte Glaube zum Höhepunkt seiner Zerknirschung und Askese aufläuft, der einen für Augenblicke die erschütternde deutsche Kriegs-und Leidens- Geschichte gewahren lässt. Die Lieder Paul Gerhards fegen für eine Stunde die Kumpanei  der kirchlichen Parteigänger mit dem lockeren Zeitgeist aus ihren Gemütern. Ein wahrhaft pathetisches Ereignis.

Der andere Mythos betrifft die historisch gewordene HFG – Hochschule für Gestaltung, eine kühne Bauhausnachfolgerin,  welcher  1968- welches Datum!!- der grausame Richter Filbinger, das damals schon nicht mehr ganz aktuelle Licht ausblies. Er sagte wörtlich, er habe die berühmte moderne Schule „liquidiert.“

Seither blüht das Missverständnis dieses radikalen Umgestaltungsversuches. Die HFG und ihre Meister wollten der Massengesellschaft ein transparentes, schlichtes Kleid anlegen. Sie träumten auf den Spuren von Adolf Loos und Walter Gropius von einer formvollendeten- form follows function—Nüchternheit , von einer adamitischen Nacktheit der Dinge und machten damit gute Geschäfte. Ob schön oder nur praktisch, Stapeltassen sind bis heute sehr nützlich. Sie erreichten den Zenit  der Nachkriegs-Zeitläufte, doch die Ulmer begriffen das naturgemäß nicht, sie laborieren heute noch an dem mangelnden Verständnis dieser weltweit berühmt gewordenen  Sachlichkeit und deuten alles mögliche in die versäumte, historisch einmalige Gelegenheit hinein.

Ulm ist eine Stadt geblieben, die viel von den eigenen Wurzeln redet, sie aber nicht versteht, denn sie hat es immer eilig, Anschluss an den fortrennenden Zeitgeist zu finden. Das zeitigt komische Effekte, besonders in der Kultur. Sie  ist ihre ärgste Dauermisere. Drum sagte mir einmal eine CDU -Stadträtin: „was wollen sie denn, Ulm ist eine Industriestadt, ich komme aus München, das ist was anderes, ich liebe Kultur sehr, aber die erwarte ich hier doch nicht. Sie dürfen die Stadt nicht überschätzen.“ Hat sie recht? Muss man das Ganze Anspruchshafte und im Grunde Verjährte, – wie der große Berliner Liebermann immer sagte,-  einfach „niedriger hängen“?    .

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