Lesen und Verlesen

Lesen ist eine Kunst, die geübt sein will. Das Wort verlesen hat im Deutschen zwei Bedeutungen. Man verliest eine Botschaft, das heißt man liest sie öffentlich vor, oder man verliest sich, man liest falsch. Letzteres geschah in einigen Fällen, die eklatant wurden. Im Fall des Günter Schabowskis  führte seine Verlesung des ungenau formulierten offiziellen Schriftstücks zum Glücksfall eines ganzen Volkes, das daraufhin den eisernen Vorhang überwinden konnte. Im Fall der Regensburger Rede des Papstes Benedikt aber kam es aufgrund einer des Lesens und Verstehens unfähigen Presse, die ein herausgehobenes historisches Zitat, das er verlas, nicht von der eigentlichen Rede zu unterscheiden wusste,  zu einem schäbigen Rufmord an dem obersten Kirchenmann. Bei einer ganz anderen Gelegenheit verlas der Präsident  Jenninger  sein Redemanuskript so misstönend, dass er dabei wie ein übler Nazisprecher erschienen ist. Als unmittelbar anschließend an den  rhetorischen Unfall der damalige Vorsitzende  der Juden Ignaz Bubis den Text prüfte, fand er daran alles moralisch äußerst korrekt. Jenninger hatte also seine vielen Worte nur völlig ungeschickt und inkorrekt abgelesen und betont. Er musste gehen und zum Botschafterposten beim  heiligen Stuhl in Rom hinweg befördert werden. Ein drittes Unglück betraf den Satiriker Salman Rushdie, dessen Roman „satanische Verse“ ihn das Todesurteil durch die iranischen Mullahs kostete, dem er mit Mühe, seine Übersetzer aber leider nicht entgehen konnten. Im sog. Bildungsland Deutschland hat sich bis heute eine ganze Regie sonst sehr redseliger Literaturkritiker zu feige erwiesen, die Fehllektüre richtig zu stellen.  Das Buch steht seither in vielen Bibliotheken wie Gift versteckt irgendwo in den Regalen. Lesen ist eine hochriskante Sache geworden heute, wenn einige  mächtige  Analphabeten und Despoten ein Buch für ihre sadistischen Gelüste missbrauchen wollen und die Welt der Gebildeten in Todesangst rasch ihren Kopf einzieht. Man könnte fortfahren mit der bewusst gelenkten Fehllektüre und Verleumdung  Thilo Sarrazins . Er konnte sich kommerziell zwar in die Kundschaft  eines alternativen millionenstarken Mainstreams für Deutschland retten, politische Fans, die  seine Bücher nun mit Verve  propagandistisch nutzen dürfen. Vorläufig und sehr zum Schaden des Autors. Aber wer von den liberalen Bildungsschwaflern hätte den Mut, den Autor  öffentlich zu rehabilitieren? Der jüngste Fall einer öffentlich gewordenen  Leseschwäche ist der fatalste. Ich meine die tragische Geschichte des Historikers Sieferle. Er nahm sich voriges Jahr das Leben und hinterließ einen letzten Text (Finis Germania) , der sicher kein einfacher ist. Der ausgelegt und gedeutet sein will. Der schrille Wahrheiten und Irrtümer enthält, der das Unsagbare, auch das – ob vorder-oder auch hintergründig?-  Skandalöse zu sagen wagt.  Jedenfalls gebietet es die Pietät, dem Text mit Anstrengung und Ernsthaftigkeit zu begegnen.  Doch was geschieht stattdessen?  Eine ganze ruchlose Pressemeute- darunter scheinbar ehrbare Namen bislang- gibt sich nicht die geringste Mühe, blättert den Text nur durch, findet einige Stichworte, die dem Zeitgeist widersprechen  und verleumdet den Mann nach seinem Tode, schlägt unverdrossen zu und schreibt sich bei Lichte ins berufliche  Aus.  Es ist schier unsäglich. Denn nur wer beweist, dass er weder  lesen kann, noch will, was da steht,  kann so bösartig  in den Text braune und antisemtische Stellen hineinlesen, die darin tatsächlich nicht zu  finden sind. Die Kritiker des Buches  disqualifizierten und blamierten sich, der Schreiber und sein Text aber werden überleben und  ihre gerechte, angemessene und kontroverse  Lektüre noch erfahren. –

Das alles geschieht in einem Land, in dem täglich zahllose  Politiker unbedarft und ungebildet  von Bildung daherreden,- dabei stets diese mit Ausbildung verwechselnd,- und wo die Leseschwächen so verbreitet sind, dass es zum Fürchten ist. Jüngst haben einige Abiturientinnen auf die Umfrage, ob sie wissen, wer Heine war, verblüfft aber kichernd geantwortet: ja sie glaubten, Beethoven oder Goethe und so. Das fand der Sender, der das brachte, so witzig,  wie die Verwechslung einiger Kartei-und Post-Christen,  die Jesus für den Weihnachtsmann halten, der jedes Jahr Geschenke für die Kinder bring

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