Die Phrasen der Aufklärung

Die Aufklärung als Phrase ist inzwischen ins allgemeinste Gerede gekommen. Jeder benutzt sie wie eine Handfeuerwaffe, um andere öffentlich ins Unrecht zu setzen. In den Verdacht zu bringen, dem Konsens abtrünnig zu werden. Dazu hatte ich ein markantes Erlebnis Mitte der 90er Jahre, als es im öffentlich rechtlichen Fernsehen eines späten Abends, als die Angestellten und auch die Arbeiterschaft schon schlief, zu einer heftigen Diskussion  über Aufklärung versus Religion kam. Welche credit lady die Runde damals moderierte, hab ich vergessen. Doch als Vertreter der bunten Jacke lud man neben den bekannten Neomarxisten und Aufklärern vom Stern –oder war‘s Spiegel-?  auch einen Jesuitenpater ins Studio, der die Religion vertreten sollte. Er hatte nur wenig Zeit, seine Narrenrolle auszufüllen. Denn kaum hatte  er damit begonnen, fuhr ihm sogleich eine junge Frau, die heute unter ihrem berühmten Namen  Thea Dorn  schon eine steile Medienkarriere hinter sich hat, in die Parade. Sie gab sich beinah erzürnt und ereiferte sich: wozu denn das? Wem der alte, längst überholte Standpunkt des katholischen Obskurantismus noch irgendetwas nütze?  Der sei doch nun wirklich längst widerlegt und überholt. Sie gab sich sehr siegesbewusst, trumpfte auf, denn sie brauche solch finsteren Mittelalter-Unsinn nicht mehr, sie habe nämlich die Moderne und die Aufklärung studiert, wie alle fortschrittlichen Subjekte,  das genüge ihr vollkommen. Ob der Herr Pater davon auch schon gehört habe?  Ihr Tonfall und ihre verbissene Miene verrieten, dass sie ihre  Einsichten als pure Ersatzreligion verstand, als bereits merklich ins Alter gekommene Ideologie. Denn sie ahnte noch nicht, dass mit jeder Wiederholung ihrer Phrasen diese sofort altern und schal werden. Eine Erfahrung, die ich als Student an der FU Berlin fortwährend machen konnte, als mir ein Aufklärer und Kaderkommunist nach dem andern mit seinen Plattitüden auf die Nerven fiel.  Das verstohlene Lachen des Paters wurde ihm nun von einem wissenschaftlichen Soziologen, der sich inzwischen als Gastprofessor viel in den USA aufhält,  als reaktionäre und elitäre  Arroganz ausgelegt. Man kenne ja den Dünkel der Kleriker genügend, sie hätten ja den heiligen Geist auf der Seite, also gar keine wissenschaftliche Anstrengung mehr nötig.  Ich dachte damals: welche Pyrrhussiege und sie merken noch gar nichts. Heute, nachdem ihnen der Islam eine heuchlerische Toleranz beibrachte, da  jede Islamkritik als Rassismus gilt, würden sich dieselben Aufklärungsideologen vermutlich nicht mehr ganz so vollmundig geben. Aber sie haben ihr Ziel ja längst erreicht, heute sind ihre Phrasen auf jedem Kreisklassenniveau zu hören.  In jedem teuren und billigsten Medienjournal. Ohne lautes Bekenntnis zu Aufklärung und Moderne darf heute keine mehr einen öffentlichen Kindergarten leiten. Sogar in die esoterischen Sekten drang die Ideologie ein, auch diese Leute kommen ohne Modernitäts-Fassade nicht aus. Kein besseres Image, kein Geschäft ohne diese Ideologie.         .

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