Mediendemokratie

Norbert Bolz, der Medienprofessor , ist ein Virtuose darin, dem großen Unsinn, der uns verstört, immer wieder tröstlichen Sinn abzutrotzen, dabei sanft darauf anspielend, dass er als Philosoph auch noch eine größere Katastrophe kennt, nämlich die Sinnlosigkeit. Aber das zu erörtern, würde hier zu weit in die Finsternisse der Komplexität hinein führen.  Nein, ich bewundere ihn dafür, wie er bei allen Katastrophen, über die er zu berichten weiß, sich persönlich anscheinend völlig heraushalten kann und den Eindruck des interesselos faszinierten Zuschauers erweckt. Was ihn ärgert bei dem Schauspiel, in das wir alle verstrickt sind, weiß er in objektiven Sätzen zu verhüllen, wie in der Feststellung: „Wir lassen die Krise der Presse auf sich beruhen“, um dann prompt fortzufahren: „ wir beobachten einen Strukturwandel von der Öffentlichkeit  zur Mediendemokratie.“  In dieser Struktur denke man nicht mehr, sondern fühle deutlich alles, worum es geht und  bald schon ginge. In dieser Demokratie  verwandle sich alles vom Faktischen ins Moralische. Die Moralisierung mache es allen möglich, die nichts von der Sache verstehen, an sämtlichen  Diskussionen teilzunehmen. Sie sei also eine Serviceleistung für Inkompetente.  Denn Menschen hätten heute keine Zeit und interessierten sich nicht länger für Probleme, sondern allein für Personen, in welchen sich alles Partei-und Konfliktmäßige abbilden lasse und  versammle. Um über Personen zu urteilen und sich in sie einzufühlen, sei es bequem und notwendig, auf Argumente und Kontexte völlig zu verzichten. Talkshows und Medienduelle sind Unterhaltungsformate, in welchen Medien und  Politik sich wechsel-und gegenseitig inszenierten. Das heißt, wir brauchen Politik nicht mehr als traditionelle Politik wahrzunehmen, sondern erleben sie als Teil der modernen Unterhaltungsindustrie. Diese schafft die Nachrichtenprodukte, bei denen sich der Kunde gut bedient fühlt. Mehr will und braucht er nicht, sagt man. Dass der Journalismus  dabei noch seine Aufklärungsstory erzählt, gehört zu Fassade und zum Image des Geschäfts, das nobel klingt, aber von niemand mehr verstanden werden soll. Es ist eine Art Legende bzw. Betriebslüge. Öffentliche Meinung wird so zu der Ware,  die jeder konsumiert, der dabei noch glauben kann, dass er meint, was er meine und immer schon meinte. Es ist ein Fetisch, der die Kunden  vor der Frage schützt: ist es falsch oder wahr, was ich glauben kann oder fühlen soll.  Denn sonst bräche  die Informationsflut herein, die  viel zu elementar ist, als dass sie irgendjemand noch  verarbeiten könnte. Vor dieser latent bedrohlichen Situation hütet uns die Mediendemokratie mit ihren Instrumenten des Infotainments . Das könnte sich erst ändern, wenn das Supergehirn der Big Data uns die Fakten neu geordnet vorlegt, und uns mit neuen Produkten der Hypermedien-Transparenz versorgt. Aber selbst wenn es soweit kommt, wird uns Professor Bolz, davon bin ich überzeugt, wieder aktuelle Theorien offerieren, die uns Trost schaffen können .

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