Jedermanns Ruh im ewigen Salzburg

Der Sohn ist eben nicht der Vetter, sondern Simon, der Sohn des berühmten Bühnenautors Botho Strauß. Da sollte der Neid nichts verwechseln. Der Sohn beginnt seine Karriere da, wo auch der Vater einst anfing, in den Redaktionsstuben der Theaterkritik. Allerdings tritt Simon nicht nur in die Fußstapfen seines Vaters, sondern auch in der Nachfolge des im Theatermilieu einst gefürchteten Kritikers Stadelmaier an. Doch Simon ist netter, wird nicht so wütend verreißen, was ihm missfällt wie jener, dessen Kollege in der FAZ  damals noch der gnadenlose Richter Reich-Ranicki war.  Auch die FAZ ist jetzt viel netter geworden,  seit die Leser auch den Qualitäts-Zeitungen ins Netz davonlaufen..

Simon Strauß schreibt heute eine Theaterkritik über Hofmannsthals Jedermann,  der in Salzburgs Marketingkonzept so etwas wie ein ewiger Garant und Publikums-Renner geworden ist. Strauß  gibt einen geschichtlichen Rückblick auf Glanz und Misere dieses Stücks, das trotz heftiger Kritik- er zitiert sogar das garstige Urteil des Karl Kraus- „seine Rezeption längst überwunden“ habe.  Wie das? Wer könnte das Stück für weitere Rezeptionen sperren? Das Publikum, für das es „ein bisschen so wie der Hamlet –Monolog oder Dinner for One“ sei?  O jegerl. Nein, mit diesen Vergleichen nicht schon genug daneben gegriffen, sei der Jedermann sogar „in eine Sphäre jenseits von Gut und Böse eingetreten“.  Da hören wir den hohen Ton des Vaters durch und man sieht, Theaterkritik ist eine schwere Aufgabe. Ein echtes Urteil ist eben mit dem Lesen von Sekundärliteratur kaum  zu erreichen. Hofmannsthals Stück zitierte, damals schon  postmodern, ein barockes  Lebensgefühl, das um 1900 so wie heute gar nicht mehr existierte.  Aber natürlich gibt es noch eine Zeit lang ein katholisches Volk, das Angst vor dem Teufel hat, der  begierig die Seele des reichen Mannes und Verschwenders  holen will. Hofmannsthal greift hier geschickt zu kunstgewerblichen Anleihen beim Faust- und dem Don Juan- Stoff, die natürlich noch nachwirken wie  der Nimbus Mozarts in Falcos Hit: Amadeus, Amadeus.  Literatur wird hier erstmals Werbetext fürs legendär Vergangene. Und gegen eine solch blendende Könnerschaft nützt es wenig, da hat der junge Strauß  vermutlich recht, die „schwache Dramaturgie, die schwülstige Didaktik des katholischen Mysterienspiels „ zu beklagen und nach „Modernisierung“ zu rufen. Doch dieses Remake muss geschehen sein, die Regie bemühte sich dem Weihespiel dieselbe zu rauben, bis ins zeitgemäß grell „Weihelose“ schreibt er. Das klassisch gewordene  Barockweib der Buhlschaft „wirft ihn aufs Bett, umklammert ihn mit ihren schweren , nackten Beinen , aber dieser Jedermann lässt sich einfach nicht aus der Reserve locken. „ Er wie die Regie will keinen Sex am Salzburger Dom . An diesen schweren nackten Beinen erkennt man übrigens die Nachahmung Stadelmaiers, der solche Details zu beschreiben liebte, damit sein Leserpublikum, das nicht  dabei sein konnte, wenigstens in seinem Text ein wenig Sinnlichkeit erführe.  Allerdings fehlt dem Simon dabei noch die expressionistische Raffinesse seines Vorfahrs,  der seinerseits dem  berühmt-brillanten  Alfred Kerr  das literarische Wasser zurückreichen wollte. Also dem Simon Strauß gefiel die neuste Renovierung des Jedermanns nicht, trotz der hohen Prominenz und Beliebtheit  der Schauspieler, wie Tobias Moretti – und sogar die ehrwürdige Edith Clever war mit von der Partie als Duse und  „ewig junge Vorseherin“. Auch der Tod als Transe, vor der sich der barocke Lebemann plötzlich in „einen kleinen Jungen vor dem Schulklo“ verwandelte, brachte den jungen Kritiker nicht mehr aus der Fassung, aber er endete friedlich wie das Stück, das der Konvention der Handlung gemäß doch noch mit der Rettung der alten Seele schließen sollte. Schade nur, dass Simon Strauß uns nicht noch erzählte, wie das Publikum den Schluss mit der Transe empfand. Ich möchte mir vorstellen: gut, denn die Eintrittspreise waren ja doch schon sehr fulminant und standesgemäß.

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