Altbackene SPD

Die Erzväter sind nicht mehr da und mit den flotten Teenies lässt sich auch nichts verjüngen. Der Kontrast zwischen dem Kampfgeist des Martin Schulz mit seinen schweißgetränkten Durchhalteparolen und dem frivolen Charme Gerd Schröders in der Manier des postmodernen Pharmavertreters hätte größer nicht ausfallen können. Gerds Venceremos kam wie eine nostalgisch verblühte Pointe aus dem Leihhaus. Beider Reden hatten nichts von einer Brücke, sondern signalisierten eher den Waffelbruch edler Traditionsphrasen, die eine in die Jahre gekommene Partei mit frisch polierten alten Souvenirs und Ehrennadeln ausschmücken sollten. Zeitgemäß war an der Selbstinszenierung der SPD gar nichts, alles Recycling. Auch die vollmundige Jungmutter Manuela Schwesig riss niemand von den Bänken. Man glaubte ihr kein Wort, weil sie kein Sopran ist und jeder ihrer Töne viel zu hoch angesetzt war, gerade auch der ihres Kampfes gegen rechts. Nein , man nahm ihr die Unschuld nicht ab, mit der sie aus Erfahrungen sprechen wollte, die sie nicht hat, ihr nur wieder ein untalentierter Coach ins Manuskript hinein geschrieben hatte. So attraktiv und jung sie erscheint, sie überrascht niemand mehr. Zum Glück hatte sie den großväterlichen Aufpasser Hubertus Heil neben sich, der aufpassen wird, dass kein ideologisches Kind wie sie in den sanierten Alt-Brunnen stürzen wird.

Advertisements

Die Tomate

Jedes Jahr der Anblick der Strauchtomate. Die vollendete Form. Wenn ich reinbeiße, überkommt mich das Gefühl des Sommers, wie es immer war, seit ich denken kann. Das Gefühl wie die Form restlos geglückt.  Kein Wunsch, der noch ausstünde. Wie sie schmeckt, ist sie und alles ist gesagt. Wenn es irgendein Symbol des Ganzen gibt, dann ist sie es. Sie bedeutet, was sie bezeichnet. Das Einfache, das Rote, das Runde. Ich fühle mich wohl mit ihr wie sonst nie. Sie birgt und hütet mich im All, könnte ich sagen, wenn ich dazu nicht lieber schwiege. Selbst der Pfirsich, der wunderliche, stimmt mich oft zu hochmütig, weil er meinen Verstand überfordert, eine Niederlage nach dem Genuss, die ich mir nie eingestehen kann. Er ist dann wie eine Erinnerung, irgendwie immateriell.  Selbst die Weintraube im Spätherbst, die mir viel bedeutet, überflügelt mich schon, wenn ich bloß an sie denke. Sie erzählt mir viel mehr, als ich zu fassen vermag. Der Tomate aber bin ich gewachsen, sie nimmt mich auf in ihre Fülle – ohne ein Wort.

Helmut Kohl und Kai Diekmann

Natürlich konnte es mir nicht entgehen, dass der Bild-Chef-und spätere BILD-Herausgeber Diekmann immer ein treuer Gefolgsmann Helmut Kohls war. Dass ihn seine Treue bald schon zu einer persönlichen Duzfreundschaft mit Helmut Kohl führte, wusste ich nicht. Kohl gab den Trauzeugen bei Kais Hochzeit mit Katja 2002, und bei Kohls zweiter Hochzeit mit Maike Richter, 11 Wochen bereits nach seinem schrecklichen Unfall, diente ihm Kai zusammen mit Kohlfreund Leo Kirch in selbiger Funktion. Diekmann und Kohl trafen sich immer wieder zum vertraulichen Gespräch bei Pfälzer Wein in Berlin, in Oggersheim und Hamburg. Für beide scheint mir das persönliche Glück des Zu- spät-Geborenseins einen Fingerzeig auf ihre großen Karrieren zu geben. Kohl war am Ende des 2. Weltkriegs erst 15 Jahre alt, Diekmann war die Gnade vergönnt, die sinnverstörende Kulturrevolution von 68 im Kleinkindalter von 3 Jahren versäumen zu dürfen. So entrannen sie beide, schier im unbewussten Stande der Unschuld, den ideologischen Verseuchungen jüngster deutscher Geschichte. Diekmann gab nun in einer langen Würdigung seines verstorbenen Freundes preis, welche intimen, gleichwohl geschichtsträchtigen Situationen ihn mit dem großen Pfälzer und Europäer verbanden. Einmal bat ihn Kohl, nachdem er sich mit Helmut Schmidt zu einem letzten Gespräch traf, in Hamburg zur Nachbesprechung. Es ist zu vermuten, dass Diekmann Quellenkenntnisse jüngster Geschichte und Staatsgeheimnisse besitzt, die er uns hoffentlich in seinen Memoiren schon bald anvertrauen wird. Möglicherweise wird er sogar die Siegel der Verschwiegenheit seines Freunds Helmut aufbrechen, um die Namen der illegalen Spender bekannt zu geben, die Kohl nun vorerst mit in sein Grab nahm. Zutiefst rührend ist auch die Episode, die Kai erzählt, als er nach Kohls Kanzlersturz ins dunkle Kanzlerbungalow gebeten wurde, wo die künftige Schröderregierung, schnöde wie stets, schon alles Personal abgezogen hatte und der große Einheitsdeutsche nun unbeholfen und schier hilflos nach den Lichtschaltern suchte. Auch fand er keinen Korkenzieher mehr im Amt und beide drückten den Korken einfach in den Flaschenhals. Ach, es gab noch die ein und andere Situation, die Diekmann jetzt berichtet und die manchem begabten Literaten künftig als Stoffvorlage dienen kann , um sie in höhere symbolische Qualität zu verwandeln.. Diekmanns Loyalität den einfachen Bildlesern gegenüber riet es ihm, seinen Sätzen keinen größeren Schliff zu verleihen, keinen pompöseren Stil, als wie ein solcher etwa auch seinen Kollegen in der Provinzpresse jederzeit zur Hand ist. Schlichte einfache Sätze, ehrliches Graubrot des politischen Willens, auch das ein letzter Dienst an seinem Freunde, der auch sprachlich der Hausmannkost stets den Vorzug gab. Eine der Lieblingsvokabeln Kohls war die Hausaufgabe, und wie er dabei den Au-Laut des gewöhnlichen Ausdrucks von Schmerz zum Aus desselben verdünnte und verheilen lassen wollte, bleibt mir unvergesslich.

Integration ist wichtig

Späße im Ernst, die Füße im Feuer könnte man auch sagen, wäre man böswillig. Kurz die Diskussion jüngst in der ARD, moderiert  von Frau Silke Wurm, war im Sinne einer fruchtbaren Integration sicher gut gemeint, nur wurde die Streitsache immer übergriffiger, je länger das Spektakel dauerte. Der ausländerfeindliche, deutschstämmige  Taxifahrer Karlheinz Holznagel wies zwar von Anfang an darauf hin, – er sagte immer er beweise darauf hin-  man müsse in der Sache schon sehr genau differenzieren, und auch die deutschfeindliche, obwohl mit einem Deutschen lange verheiratet gewesene  Sozialpflegerin Frau  Fatiha Wagner- Salimborski  wehrte sich immer wieder gegen das Etikett der Deutschfeindlichkeit, das ihr aufgedrückt werde von bestimmten Medienmachern.  Und sie wisse auch genau, warum, zischte sie scharf in die Kamera.  Dazu kommen wir noch später, sagte Frau Wurm schnell.  Gewiss, wandte der Medienwissenschaftler Prof Polzheimer, vom  Institut für deutsche Sprache in Mannheim, ein,  doch so werde von beiden Seiten der im Lande brodelnde Konflikt doch mehr auf die kleinste Flamme herunter geredet, sagte der in neutraler Position angetretene Dieter Polzheimer, man müsse die Dinge schon beim Namen nennen, auch wenn die Realität heute oft so komplex erscheine, dass alle Begriffe sich scheinbar sofort  aus dem Staub machten, bevor man sie überhaupt  in eine n Art Klartext überführen könne.  Aber das erscheine nur so, dafür habe er aber großes Verständnis, doch seine Medienanalysen zeigten deutlisch—er schleppte tatsächlich deutlich das fehlerhafte  „s“ im Wort deutlich mit sich herum.  Silke  Wurm versuchte indes die Debatte wieder zu beruhigen und zu ordnen, und auf dem Höhepunkt spielte sie auch einige kleine Realitätsausschnitte ein, die zwar nicht repräsentativ seien im wiss. Sinne, aber doch eine gewisse aufgeheizte Stimmung zeige, die wenigstens als Diskussionsgrundlage dienen könnte. Dagegen wehrte sich Frau Fatihah Wagner- Salimborski entschieden. Es sei ein Klischee, das der Filmausschnitt aus  Halle zeige mit den Übergriffen auf friedliche Deutsche  beim Bier und am Rande einer Folkloretagung, sie lebe in Bayern und dort –“wissen Sie das Bayernargument“, unterbrach sie Prof Polzheimer,  „ist hier sehr billig und völlig unangebracht. Es nervt allmählich auch“. Pardon, dass ich das so deutlisch sagen muss.  Frau Wurm interviewte jetzt, um wieder Ruhe und Konsens  in das giftiger werdende Klima  zu bringen,  eine deutsch-türkische Polizistin, die bestätigte, dass gewisse Bürger mit deutschem Pass – ob mit oder auch ohne  Migrationshintergrund eindeutig- hier kam es zum Eklat, -Karlheinz Holznagel von der deutschen Partei verließ mit Protestschreien das Studio, denn so schrie er, das sei wieder einmal typisch ARD, wo ständige alles manipuliert und verfälscht werde und man als normaler Deutschen gar nie zu Wort käme. Ein Teil des  Studiopublikum, Lügenpresse skandierend, geriet sich mit einem  anderen, das  pfiff und grölte „Nazis raus“, in die Haare. Sicherheitskräfte griffen ein im Hintergrund.  Es wurde ein Desaster“,  aus dem Frau Silke Wurm nur mit Mühe und Hilfe des Herrn Prof. Polzheimer, der noch einige liberale, aufgeklärte Worte zur Tradition der Aufklärung, die in letzter Zeit verschütt zu gehen drohe, sprach. Es sei nun mal, wie es ist, moderierte Silke Wurm den Skandal ab,  doch in einer Demokratie gebe es nun mal  zu einer Auseinandersetzung, auch wenn das oft hart klinge, keine Alternative.  Sie bedanke sich bei den Zusehern und wünschte ihnen trotz allem eine gute friedvolle  Nacht.

Dämliche Wörter

„Keine Frage“ sagen die Politiker und Sportler oft, wenn sie bescheidener und besser  sagen könnten: selbstverständlich, natürlich, versteht sich doch von selbst. Wenn sie ihre Jasagerei  besonders betonen wollen, sagen sie, statt ja, absolut. Auch in hundsgewöhnlichsten Kontexten wie: essen Sie gerne italienisch? Absolut, die Antwort.

Das ja scheint zu dürr geworden, es ist, als hätte es an Kraft verloren für seine affirmative Aufgabe. Deshalb dient auch die Formel „mit Sicherheit“ als Ja-Ersatz. Fährst du dieses Jahr wieder zum Skifahren in die Berge? Mit Sicherheit. Es wirkt sogar emotional glaubwürdiger als das Wörtchen garantiert. Bestimmt, das man dafür auch schon verwendete, ich komme bestimmt zur Dir, wenn ich wieder in London bin, weicht der Zusicherung hundertpro, ein Abkömmling aus dem proletarischen Zotenmilieu.

Einen völligen Ausfall verzeichnet mittlerweile das Steigerungswörtchen  „sehr“- Es war nicht nur schön, sondern sehr schön.  Es  ist zu dünn geworden über die Jahre, also muss ein Ersatz her, der sonderbarerweise aus dem Psychiatriebereich entliehen wurde. Sogar in den Memoiren des sonoren Herrn  Richard von Weizsäcker  fand ich das  missbräuchlich juvenile Epitethon „wahnsinnig“ schön, das helfen sollte, seine Begeisterung über einen Theaterbesuch zu beschreiben.  Inzwischen ist das wahnsinnig, mit dem man dem mageren „sehr“ aushilft,  epidemisch und in aller Munde. Sehr wird kaum noch  gebraucht, liegt auf dem semantischen Wertstoffhof herum und findet nur noch formelhafte Verwendung in der üblichen Anredeform eines Briefes oder einer Ansprache.

Eine steile Karriere ins bis zum Unsinn gesteigerte Superlativdeutsche machte das Wort focus, fokussiert. Es schmerzt, ähnlich der ewig falschen Betonung des Konsens auf der ersten Silbe, jedes feinere Ohr allmählich bis in Unerträgliche , wenn selbst die simpelste Fußballmannschaft keinem Spiel mehr  anders denn fokussiert entgegenfiebert. Dazu bedarf sie außer der berühmten Kampfkraft und des festen Charakters, nicht etwa des guten Mannschaftsgeistes, nein, dazu braucht sie den Teamspirit.