Maxim Biller oder Literatur im Fernsehen

Der Literaturbetrieb, der Buchhandel und viele wollten unbedingt eine Fortsetzung des Literarischen Quartetts, aus Gründen der Werbung und des Marketings. Und natürlich, weil es so amüsant war immer wieder.  .

Da die beiden Old- Champions Karasek und Reich Ranicki bereits gestorben sind, müssen neue Zampanos her für die Show.. Der Reich-Ranickischüler, Weidermann, der jetzt beim Spiegel als Literaturchef fungiert, leitet die Sendung. Er liest alles, was neu auf dem Bücher-Markt erscheint und beurteilt es kurz und bündig. Ganz wie sein ehemaliger Lehrer. Ihm gegenüber sitzt das enfant terrible  sui generis, Herr M. Biller, Jude wie einst Reich-Ranicki und dessen eigentlicher Nachfolger. Ihm gefällt fast kein Buch, das drangenommen wird in der Runde, außer dem Text, den er selber zur kritischen Betrachtung vorschlägt. Aber Betrachtung ist wohl ein allzu altfränkischer Begriff für diesen lustigen fast-reading Stil, bei dem eigentlich nur der bekannte Schnelltalker Denis Scheck fehlt. Aber man will formatgerecht und zu viert bleiben und beabsichtigt einen gewissen Kontrast in der Ausgewogenheit der Kritikercrew. Dazu gehört auch eine Stimme des Publikums irgendwie. Diese Rolle des schlichten Gemüts einer Leseratte füllt Frau Westermann aus, die beliebte Mamsell von der WDR-Anstalt. Ihr gefällt beinah jeder Text, außer den allzu artistischen bloßen Wortkünsten, zu welchen sie aufschauen, doch meist kein persönliches  Lesevergnügen empfinden kann. Besser wäre sie statt in der Billershow,  wo sie dieser ständig von oben herab etwas arrogant  wie ein Heimchen am locus amoenus aussehen lässt, doch bei einem Kaffeekränzchen der Elke Heidenreich aufgehoben. Aber wie gesagt, Zerberus Biller braucht den Unschuldskontrast, von dem er sich wie das Böse selbst abheben kann. Ähnlich dem Modell: Reich-Ranicki contra Frau Löffler,  die auch schon den biederen Heimatsound gegen die urbane Weltoffenheit zu repräsentieren hatte.

Nachdem gestern nun Biller wieder zu seinen Rundumschlägen ausholte und schier kein Ende seines süffisanten Hoch- und Übermuts fand, sollte auch noch ein berühmter Österreicher, als Gast geladen, zu Wort kommen, von dem der Spiegelmensch eingangs  sogleich sagte, er sei der Herr Glavinic  und zur Zeit der größte Schriftsteller seiner Generation. –Dieser Poesiepromi  war dann tatsächlich irgendwie das Überraschungsei , denn er redete nichts piefkemäßig Druckreifes, sondern stammelte ungeniert wie ein echter Archaiker oder besser Ur-Dichter bei der Produktion seiner Verse. Er gab Biller natürlich recht, aber dann auch wieder nicht, weil er über Kollegen urteilen, na, also, nuschelte er, das liege ihm eigentlich nicht. Aber  er verlangsamte merklich das Tempo im  Fluss der feilen Phrasen und Merksprüche, indem er immer wieder darauf hinwies, dass er doch besser anders und zwar über ganz anderes reden wollte, –  denn Literatur, die man einfach und vollständig verstehe, interessiere ihn überhaupt nicht, aber er lerne natürlich auch gerne dazu. (Ein kleiner Schmäh und  Seitenhieb auf den teutonisch-pädagogischen Übereifer. Das ging freilich sofort wieder unter, weil Ironie im Fernsehen? Ehschowissen.)  Als aber die WDR-Mamsell das Büchlein, das Biller als eine schreckliche Katastrophe bezeichnete, dennoch wacker gut finden wollte, weil es mit ihr eben etwas gemacht habe  beim Lesen, wäre Glavinic beinah in einen frauenfeindlichen Graben gestürzt, indem er meinte: ja gut, lieb und nett  sei das Büchlein ja möglicherweise,  aber große Literatur müsse ganz entschieden viel mehr sein. Darauf die WDR Mansell etwas geladen: also Sie meinen, ich sei eben lieb und nett und habe von der anspruchsvollen Literatur deshalb keine Ahnung?  Oh weh, Glavinic paddelte flugs zurück: nein, das habe er nicht gesagt: „Sie  können sagen, was sie wollen  natürlich..“ und der Spiegelmann wusste das Debakel gerade noch umzubiegen und schloss seinen Laden, innerlich etwas zerzaust, wieder ab. Biller grinste indes zum Abschied nochmal.

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