Der Schriftsteller Mosebach feiert heute seinen 65. Geburtstag

Michael Klonovsky gratuliert ihm dazu folgendermaßen und trifft dabei ein paar Nägel, uns alle betreffend, auf den Kopf:

„Martin Mosebach ist ein kultivierter, manierlicher, weitgereister, extrem gebildeter Herr, den man an jeder Tafel neben jeden beliebigen Präsidenten, Potentaten aber auch Proleten platzieren kann, ohne sich als Gastgeber um den Konversationsverlauf sorgen zu müssen; der Nachbar wird sich bestens unterhalten – und, sofern er über ein Organ dafür verfügt, womöglich ein bisschen ungebildet – fühlen. „Le style c’est l’homme“, sagte Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, 1753 in seiner Antrittsrede vor der französischen Akademie, und wenn diese Sentenz in der deutschen Literaturszene der eher stilabholden Gegenwart auf jemanden zutrifft, dann auf den Frankfurter Romancier, Essayisten, Causeur und Katholiken, der allein dadurch, dass er Sofa oder Telefon bisweilen mit ph schreibt, Saint-Just für einen Vorläufer Himmlers hält, ständig mit Einstecktuch herumläuft und die alte katholische Messe wiederherstellen will, einige Proleten des Kulturbetriebs mit drolliger Verlässlichkeit auf die Palme bringt.“

Er macht zur Politik nur Randnotizen, übergeht sie oder spielt in seinen Parabeln wie im „Beben“ oder auch in der „Türkin“ unsanft auf sie an. Er ist wie all die großen katholischen Denker ein Meister der Diskretion und der Anspielungen darin.

„Mosebach schreibt seine Romane bevorzugt im Ausland und oft sozusagen kontradiktorisch zum Handlungsort; so entstand das in Deutschland und Indien spielende „Beben“ in Kairo, und seinen Frankfurt-Roman „Westend“ brachte er auf Capri zu Papier. Dieses Nachkriegs-Epos ist übrigens wahrscheinlich sein literarisches Hauptwerk, es ist erzähllogisch kühn, befriedigt ästhetisch vollständig und ersetzt ganze mentalitätsgeschichtliche Seminare. Zugleich ist es ein belletristischer Essay zum Thema, wie die deutschen Städte so hässlich werden konnten, warum der Wiederaufbau zerstörerischer war als der Bombenterror.“
In der Tat überraschte auch mich immer seine immense Bildung und Umsicht. Es ist erstaunlich, dass es ihn gibt. Das Geheimnis liegt wohl bei seinen kultivierten, zärtlichen Eltern verborgen. Die Mutter katholisch, der Vater Protestant.  Ich stimme in die Verehrung Mosebachs mit Klonovsky  mit ein und zitiere noch einen Absatz:
„Apropos: Als Essayist ist Mosebach mindestens ebenso bedeutend wie als Romanschriftsteller. Mindestens? Mindestens. Hier enthüllt sich, und zwar immer nur wie nebenbei, seine staunenswerte Bildung, hier herrscht eine hohe, prachtvolle, spätblütenartige, aber niemals eitle, immer skeptische Individualität, die genau weiß, dass sie in die Gegenwart nur mehr noch hineinragt, dass längst ein anderes Decorum gilt, dass ein neuer Menschentyp mehr wimmelt denn waltet, der sich von seiner Herkunft abgenabelt hat und dem es völlig gleichgültig, ja willkommen ist, wenn die Welt mit Beton, Fast-food, Pornographie, Plastik, Elektronik-Tinnef und gleichmacherischen Diversity-Parolen zugemüllt wird. Nichts verbindet diesen Menschenschlag mehr mit der Vergangenheit. Man könne meinen, schreibt Mosebach, das geschwundene Interesse an Geschichte habe „mit einem dunklen, bisher, wie mir scheint, selten artikulierten Gefühl zu tun, daß uns die Kenntnis unserer Vergangenheit für die Zukunft nichts mehr zu lehren vermag“. Er spricht von einem „unheilbaren Bruch“, der „mit dem Anfang einer von dem uns Vertrauten gänzlich unterschiedenen Zivilisation einhergeht“.

Mit Decorum bin ich nicht einverstanden, es ist eher ein übler stinkender Sumpf, der uns umgibt.

„ Wer diesem Prozess nicht applaudiert, gilt als Spielverderber und Reaktionär, ein Titel, den sich Mosebach gleich neben dem Einstecktuch ans Revers geheftet hat und deutlich sichtbar umherträgt. „Gegenwärtig ist nichts so verpönt wie Skepsis gegenüber unserer Lebensform. Jede Erinnerung an die Verluste, die sie gekostet hat, wird als Sentimentalität und Nostalgie gebrandmarkt; die Erforschung dessen, was wir sind, woher wir kommen, welche Gesetze unsere Städte geformt haben, steht unter dem Verdacht übelster Reaktion“, schreibt er. „Die in dieser an Borniertheit nicht mehr zu überbietende Selbstzufriedenheit wird inzwischen von wohlbegründeter Zukunftsangst unterwandert, die aber nicht die Revision des eigenen Standpunktes zur Folge hat, sondern ein verkrampftes Festhalten am Status quo.“

Da ein Literat daran wenig ändern kann, reist der polyglotte Dichter weiter in die Winkel der Welt und schreibt. Sein neuer Roman ist soeben fertig geworden.

Noch ein Zitat Mosebachs:
Als PS noch eine meiner Lieblingsstellen aus einem Mosebach’schen Essay: „Ob ein Volk ein Kulturvolk ist, entscheidet sich daran, wie viele kulturelle Fähigkeiten die Armen dieses Volkes besitzen: wie viele Kenntnisse, das Leben kultisch in Form zu bringen. Solche Fähigkeiten sind zum Beispiel: einen Gast empfangen, ein Essen auf den Tisch stellen, ein Huhn tranchieren, die Messe dienen, wissen, in welcher Kleidung man eine Kirche betritt, mit Angehörigen anderer Klassen oder Nationen umzugehen, ein altes Lied singen zu können, eine Frau so anzusprechen, daß es ihr angenehm ist, auch wenn sie nicht darauf eingehen möchte, ein Fest zu feiern, einem Toten die Augen zuzudrücken.“

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