Deutschtürkische Scheinmoral

Integration ist ein schillernder Begriff. Man kann ihn schön reden wie die Regierung und eine Großteil der Medien es tut, man kann ihn pessimistisch überziehen, wie das auch noch immer sehr schick ist. Eigentlich kann man den Begriff auch allmählich einmotten und wegwerfen. Ich selbst konnte mich von dem im Ganzen nicht sehr erfreulichen, geistigen Zustand der türkisch stämmigen Jugend überzeugen. Ich unterrichtete in den letzten Jahren mindestens 1000 Jugendliche dieser Spezies in Ethik und Deutsch und fand viele integrationswillige Menschen darunter, noch mehr  Opportunisten, Angsthasen, Arschkriecher und auch einige islamlistisch Gefährdete, mit denen kaum vernünftig zu reden war. Ich bin also weder in der Lage, eine optimistische noch eine katastrophistische Prognose für eine Zukunft mit ihnen abzugeben. Schuld daran liegt im gerüttelten Maß an der Wegduckerei und Unentschlossenheit der deutschen Sozialarbeiter, Lehrer und Betreuer, die gar nicht wissen, wohin die Reise in die Zukunft gehen soll. Sie verstehen viel zu wenig von ihrer eigenen Mentalität, Geschichte und Kultur.

Gegenwärtig  fällt mir auf, dass die Deutschtürken nicht etwa gegen die ungeheuer barbarische Unterdrückungspolitik ihres Präsidenten Erdogan  auf die Straße gehen, sondern sich lieber beleidigt fühlen wegen des garstigen Böhmermanngedichts, das immerhin zu Tage förderte, wie schräg und beklagenswert das Selbstverständnis der meisten Deutschtürken aussieht. Auch der bekannte, stets sehr radikal sich gebende Kabarettist Somuncu schwankt plötzlich, rudert zurück. Die unzähligen Hassmails, die ihn erreichten, weil er offenbar in einer Talkshow sich nicht beherzt genug für die verletzte Türkenehre  einsetzte, und nicht klar und patriotisch genug für Erdogan gegen Böhmermann Stellung bezog, schüchterten ihn doch merklich ein, so dass er uns die historischen Zusammenhänge erklären will,  damit wir verstehen mögen, „ warum Erdogan so erfolgreich die Sehnsucht nach einem Wiedererstarken der großen Türkei nach osmanischem Vorbild bedient..“. Er wird schier zum Historiker, wo man von ihm als Satiriker doch nur erwarten konnte, dass er sich mit dem mit zweimal lebenslänglicher Haft bedrohten Can Dündar, dem Chefredakteur der großen Zeitung Cumhuriyet, klar und einfach  solidarisiert. Er findet kein Wort zu Dündar und dessen Kollegen, zu dieser die ganze freie Welt empörenden Schweinerei. Dündar schreibt in einem offen Brief an Frau Merkel: „ der schmutzige Deal hat Millionen Flüchtlinge zu Geiseln eines autoritären  Systems gemacht- und er reduziert  Deutschland zu einem Land, das aus politischem Kalkül fundamentale westliche Werte aufgegeben hat.“   Darum geht es, nicht um Böhmermann  und die beleidigten deutschtürkischen Phantomgefühle, die ein Satiriker wie Somuncu mit seinen historischen Zusammenhängen rechtfertigen will. Er hat sich damit als Satiriker und Kabarettist selbst disqualifiziert und wir werden nicht gekränkt oder  beleidigt sein, wenn er uns demnächst bei Nuhr oder in der ZDF Anstalt wieder mit seinen groben Kalauern traktiert. Das ist nur der Somuncu, er kämpft um unsere Sympathie, er hat Talent, gewiss, aber sonst leider nur mainstream zu bieten.

Böhmermann, wie immer man sein schreckliches Gedicht finden mag, hat viel mehr für die unterdrückten Journalisten, Autoren und auch die Kurden in der Türkei erreicht, als der Pseudosatiriker und seine beleidigten Deutschtürken, die schon wieder einmal gestreichelt werden wollen. Memmen. Can Dündars Appell an Frau Merkel aber,  Klartext zu reden in der Türkei, und sich den  Lügen der Speichellecker des Sultans entgegenzustellen, verdient unsere stärkste Empathie und Unterstützung.

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