Der Türkendeal

„Der türkische Premier Ahmet Davutoğlu hat die EU aufgefordert, die zugesagte Visa-Freiheit für Türken ab Juni umzusetzen. Andernfalls könne man von der Türkei nicht erwarten, dass sie ihre Verpflichtungen gegenüber der EU einhalte, betonte er.“ Die Tonart kommt vom Sultan selbst.

Lässt sich die EU von der Türkei  erpressen? Wegen des Flüchtlings-Deals?  Oh nein, wer wird denn so denken? Frau Merkel kann mit Erdogan sogar ganz gut vielleicht? So denkt sie immer noch.  Sie hat ja schon mit dem Despoten Putin Vieles am Telefon geregelt. Auch Klartext geredet. Außerdem die Diplomaten, Herr Steinmeier als erster, bringen auch dem türkischen Premier sanft bei, wie man miteinander gütlich redet in Europa. Das mit der Visa Freiheit könnte noch dauern, die Bürokratie prüft zur Zeit noch alle Unterlagen. Demokratie heißt Machtkontrolle, jeder Antrag muss durch mehrere Instanzen. Das sind die Mühen der Ebenen, die in der Türkei natürlich nicht zu bewältigen sind, weil dort ein Sultan alles, auch das, was ihm tagtäglich über die Leber läuft, entscheidet und befiehlt. Erdogan hat eine ganz persönliche Demokratievorstellung, die man in Europa nicht kennt und deshalb vom Anschein einer Diktatur kaum unterscheiden kann. Verzeihen Sie, Herr Davutoğlu, das ist vielleicht ein Vorurteil meinerseits, wird Steinmeier sich vorsichtig räuspern. Doch bitte, ich meine, jedenfalls wenn Sie fordern: ab Juni Durchsetzung der Visa-Freiheit, sonst- ich darf ihnen sagen, Herr Davutoğlu, bitte nicht missverstehen, aber auch in Paris und in London kam dieses „sonst“ nicht gut an. Es wurde beinahe wie eine Drohung verstanden, und wir und die Türkei als Partner drohen uns doch nicht? Oder? Das beiderseitige Lächeln fror langsam ein.  Uns verbindet doch eine lange Freundschaft, denken Sie an die Deutschtürken in unseren Ländern, wird Steinmeier weiter vorsichtig argumentieren. Und  Herr Davutoğlu  wird Steinmeier zur Seite nehmen, denn überall in seinem Amtszimmer befürchtet er geheime Abhörgeräte, aber wissen Sie und er deutet auf das große Öl-Portrait des Sultans an der gegenüberliegenden Wand, also was soll er, Davutoğlu, da schon machen, der Sultan hat die Drohung  selbst formuliert. Entweder oder.  Sonst. Ja, aber wir haben doch nun ausdrücklich die Verfolgung des Satirikers Böhmermann für unsere Gerichte freigegeben, sagt Steinmeier, das war doch ein Entgegenkommen von Frau Merkel. Der türkische Premier lacht, Erdogan habe weitaus mehr erwartet, er erwartet auch jetzt noch, dass Frau Merkel  Böhmermann ins Gefängnis wirft. Wozu habe sie die Macht, um sie schlafen zu lassen? Wörtlich Erdogan, das sagte er zu mir.  Steinmeier erblasst, er wirkt innerlich entsetzt. Mit welchem Staat verhandelt er hier, den deutschen Außenminister befiel plötzlich die Furcht, dass auch seine Freiheit gefährdet sein könnte. Doch Davutoğlu konnte ihn beruhigen und lud Steinmeier in eines seiner Lieblingslokale zum Essen ein. Dort wolle man sich für eine Stunde mit anderen Themen erholen. Zum Trost für die Schlappe, dachte Steinmeier. Der deutsche Außenminister konnte weder nach Brüssel, noch nach Berlin einen Erfolg vermelden. Er schrieb das email von der deutschen Botschaft aus, er fluchte, der Botschafter lachte. „ ich habe es dir doch gesagt“, er duzt Steinmeier schon lange, „das sind Irre hier. Erdogan ist ein Psychopath, tut mir leid, bleibt unter uns, aber ich habe Frau Merkel gewarnt, aber ich versteh sie auch natürlich. Diese Massen von Flüchtlingen. Aber Erdogan diktiert und wer nicht kuscht, den haut er in die Pfanne, oder wirft ihn sofort ins Gefängnis. Die Zuchthäuser sind voll hier. Zustände wie in Karl Mays Sklavenkarawane und der Imam gibt ihm immer Recht. Manchmal hatte ich schon den Eindruck, der Imam ist schuld an dem ganzen Wahnsinn hier. Aber wie gesagt, bleibt unter uns.“

Klar, sag mal, fragte ihn Steinmeier plötzlich ruhigeren Tons, hast du hier nicht manchmal Angst? Nein, nein sagte der Botschafter, ich habe keine Angst, ich kenn den Sauladen gut genug, um mich hier schadlos zu halten. Ich bringe den Beamten ab und zu ein paar schmutzige Witze, die lieben sie , ich bin ganz beliebt, ich rede ja nichts Politisches. Sie tranken zusammen noch ein paar Whiskys  in der neuen Super-Lounge. . Dann brach Steinmeier wieder zum Flughafen auf.

Die Drohung, dass die Türkei ihre Verpflichtungen gegenüber der EU  nicht einhalte sonst, war nicht vom Tisch zu bekommen. Frau Merkel telefonierte, als ihr Steinmeier das persönlich berichtete,  sofort mit Präsident Obama.  Er müsse ihr helfen, Erdogan lege den aller größten Wert darauf, sein Ansehen in Amerika neu aufzupolieren. Obama müsse dem Sultan die Demokratie erklären, von ihr als Frau nehme der Autokrat keine Belehrungen an.

Sie diskutierten lange am Telefon, Obama will sich eine Strategie ausdenken, wie er den mächtigen Türken überreden könnte. Man möge aber vorerst in Europa die türkische Drohung, den Flüchtlingsdeal platzen zu lassen, geheim halten. Auch die Presse dazu bringen, stillzuhalten, bis Obama dem Sultan sein besonderes Angebot unterbreitet hätte, sodass dieser seine Drohung im leeren Stroh des politischen Diskurses versiegen lasse. Frau Merkel atmete aus, fühlte sich wie erlöst ein bisschen. Obama ist ein netter Kerl, ihn kann sie wirklich gut leiden.         –

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