Schillerglanz und Kartoffelsuppe

Die kunstvolle Rhetorik Friedrich Schillers, des Nationaldichters, begeistert mich immer wieder. Nicht nur was er sagt , sondern genauso auch, wie er es sagt, verleiht der deutschen Sprache den einmaligen Sonnenglanz.   Natürlich wird er nachgeahmt bis heute. Noch in Präsident Gaucks Reden findet sich ein matter Wiederhall. Seine vornehme Rednerhaltung aber macht ihm keiner nach. Im zweiten Brief „über die ästhetische Erziehung des Menschen“ – welch hohes Ethos in diesem Thema schon: „des Menschen“. Die Idee, nicht das Ideal ist gemeint. (Welche Jesuskarikatur dagegen in Nietzsches Ideal – Zarathustra.)

Schiller spricht von einem Bau noch einer höheren Welt, als selbst die ästhetische Welt eine wäre,  die selbst ein ästhetisches Gesetzbuch nicht schaffen könnte:

„ Ist es nicht wenigstens außer der Zeit, sich nach einem Gesetzbuch für die ästhetische Welt umzusehen, da die Angelegenheiten der moralischen ein so viel näheres Interesse darbieten, und der philosophische Untersuchungsgeist durch die Zeitumstände so nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit dem vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit zu beschäftigen? „  

Das architektonische Bild vom Bau der politischen Freiheit , die größte Kunst ist die vordringlichste und schwerste Aufgabe überhaupt. Sie übertrifft die Suche, genauer die  Umschau  nach dem ästhetischen Gesetzbuch, das in der Natur wie in der Geschichte der Menschheit zu finden sein muss.  Er wird sich in den 25 Briefen, die diesem zweiten folgen, mit  dem Schönen und der klassischen Ästhetik beschäftigen, obschon moralische Angelegenheiten, die hier so bewusst wie eine Sache klingen, da sie das nähere Interesse erfordern, vielleicht zuerst zu klären wären.  Diese Frage klingt hier bloß an, sie wird der philosophischen Untersuchung der ästhetischen Fragen folgen.

Die noch größere Aufgabe, im Blick auf  die Zeitumstände, ist es, philosophisch daran zu denken, wie die politische Freiheit zu errichten ist. Beschäftigung ist hier so weiträumig zu verstehen, dass, was diesen Bau betrifft, weder Grundstein noch Vorplatz, noch  Hauptraum, noch Türme und Kuppeln in eventuell bereits vorhandenen Plänen zu erkennen wären. Nein, die Beschäftigung hat auch noch keinen Zeitplan.  Genaugenommen fehlt ein solcher Plan bis heute, wenn wir das Sonderthema Liberalismus hier der Kürze halber einmal ganz beiseite lassen.

Der Bau der wahren politischen Freiheit bezeichnet die  höchste Aufgabe „des Menschen“. Höchste Kunst. Also sind die folgenden Briefe als Vorstufe zu lesen, in der  soeben von Schiller neu entdeckten, „ästhetischen Welt“  danach zu forschen, wo diese wahren Wurzeln der politischen Freiheit  „des Menschen“ liegen. Daneben wird es von Interesse sein, wie die „moralischen Angelegenheiten“ sich auf die ästhetischen beziehen lassen und ob der Bau der wahren Freiheit das höchste Ziel auch der ästhetischen Welt ist. Ja, eindeutig, Schiller verpflichtet die Kunst,  an der politischen Freiheit mitzuwirken. In einem Satz, dieser unendlich dauernde Zusammenhang.  Es ist alles klar ausgesagt und doch enthält der Satz  viele Denkräume, die über ihn hinausführen. Dicht gedrängt und doch so musikalisch ist der vorgetragene Inhalt. Eleganz nicht nur der Sprache, sondern auch des Sprechens. Wohlklang und utopische Gedanklichkeit schaffen gemeinsam den ewigen Ruhm, einmal so nobel gedacht zu haben.  An dem Ideal ist noch nichts trüb geworden und nichts von dem, wie wir heute von Freiheit reden, reicht an diesen Feier-Glanz heran. Freiheit ist oft nicht mehr als das Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden. Oder sie meint gleich und vor allem die Freiheit des Warenverkehrs.  An Feiertagen singt man dann die Nationalhymne, natürlich. Darin kommt auch die Freiheit vor.  Die politischen Beamten im Verwaltungsapparat wägen indes unablässig die Freiheit mit der Sicherheit ab und aus. Ach, es herrscht Werktag dauernd in der Freiheit, Schlagertussies kümmern sich um ihre Verbreitung auch unten, bei den Leuten, die niemals Schiller lesen werden.  Die Freiheit gleicht einer Kartoffelsuppe, immerhin,  sagt man, der Staat lässt keinen mehr direkt verhungern, beseitigt das Restrisiko der Freiheit durch staatlich garantierte Sicherheit. Sonst überlässt man die Freiheit der Wirtschaft. Deren Interessen regeln auch die moralischen Angelegenheiten oft ganz pragmatisch. Und die Kunst? Ja, sie versucht immerzu Würstchen zu organisieren für die ewige Kartoffelsuppe.

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