Luis Bunuel

Ich mochte dem deutschen Zeitgeschmack nie folgen, ich bevorzugte als junger Mensch andere Geister, etwa Miles Davis, John Coltrane, Godard, Antonioni,  Bunuel vor allem, diese magische Mixtur von Priester und Ingenieur. Er wusste  immer, dass er  in einem falschen Film lebte, den er aufsprengen wollte zuerst. Die Verbote seiner Streifen in de Franco-Diktatur bestätigten sein Selbstbewusstsein viel mehr  noch als die Preise, die er mit seinen Skandalen oft gewann.   Er verachtete die Psychologie und den landläufigen Realismus, dissertierte bald auch bei den Surrealisten, er war ein Ausreißer in jedem Sinne. Bei ihm stimmt das Wort Nonkonformist  voll, wie: vollendet.

Er ging allein weiter, zunächst nach Mexiko, wo er einige scheinbar rein  kommerzielle Filme drehte, die er  listig unterminierte. Bald ließ er auch dort eine Bombe, Titel: Viridiana detonieren. Ein mörderisches Gelächter, ein Hohngesang  auf die Nächstenliebe und die Barmherzigkeit.  Es war ein mystischer Anschlag auf den Vatikan und alle katholischen Staatschranzen. Eine groteske Revolution von ganz unten.  . .

Später in den 60ern traf er sich in einem Pariser Kaffeehaus nochmal mit dem Surrealisten-Chef Andre Breton, der ihn einst aus der Gruppe verstoßen hätte, wäre Bunuel nicht schon vorher  desertiert. Breton, der seit langem in den USA lebte,  beklagte, dass man nach den Katastrophen des Gulags und der KZs keinen Grund mehr in der provokativen Perspektive der Kunst sehen könne  in Europa. Bunuel verstand diesen Schmerz in der Stimme Andre Bretons nicht. Für ihn ging es schon lange nicht mehr um Provokation, sondern einzig darum, alles  umzudrehen und zu enthüllen, was das Traumreich ihm darbot an unglücklichen Zufällen und lichtvollen Wundern. Er  war noch nie Mitglied einer Richtung, einer Weltanschauung, die jetzt betrauert werden musste, da sie offenbar zu Grunde ging. Bunuel ging oft täglich, nach dem obligatorischen Martini dry in der Bar,  bei seinem Drehbuchautor vorbei und erzählte ihm ein zwei  Träume und Obsessionen. Dann ging er wieder, oft verreiste er auch spontan danach für ein paar Wochen und rief den Drehbuchautor dann manchmal vom Ausland her an. Er liebte die Überraschung, den Witz und das Narrenspiel: Anything goes. Träume werden oft Film-Gemälde bei Bunuel, und als Foto noch berühmter als das bewegte Bild  im Film . Er wurde ein später Meister der Filmkunst. Er nahm das aber kaum wahr, .er war merkwürdiger Weise nicht sehr eitel. Eher ein Sturkopf als ein filigraner Denker und doch stellte er die absurden ewigen Epochen- Rätsel in die Welt. Jedenfalls sah ich ihn so immer. Er gewann Weltruhm, er brauchte keine gesellschaftlichen Anerkennungen mehr, die brauchte er ohnehin nie. Er verstand es, sich mit reichen Gönnern zu befreunden. Eine Schauspielerim erzählt von einer berühmten Szene, in der sie mit einer Art textiler  Keuschheitsfestung im Bett liegt und ein ungestümer Freier sie bedrängt. Diese bekannte Szene wollte ich nicht spielen, sagt sie,  das habe sie gleich zu Bunuel gesagt. Er habe sie daraufhin sehr sanft und doch eindringlich angeschaut und sagte, ja das ist gut, ich gehe jetzt in den Garten und denke nach und Du sagst, wenn du so weit bist: „Kamera ab“ und machst die Szene. Er ging ab. Ich weiß nicht warum, sagt die Schauspielerin,  es war wohl Magie, aber ich machte es genauso, sagte nach einer Weile:  Kamera ab. Bunuel war beim Dreh der Szene  nicht dabei. Das Ergebnis  sah er erst auf dem Schneidetisch. Es gab für ihn ja nie ein Gesetz, wie die strenge Kausalität. Logik galt ihm nie als eherne Pflicht, jede Szene konnte ersetzt werden durch eine Überraschung, die den Verstand befreit und verwirrt.

Diese Leichtigkeit, diese Lässigkeit auch gegenüber der Kunst und ihren Rekordansprüchen begeistert mich  bis heute.  .

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s