Gut frisierter Europa-Pöbel

Da mich die Sprechblasen und Phrasen über Europa und die großen viel beschwatzten Werte zunehmend verärgern,  sah ich einmal nach, wer die Europaabgeordneten hier im Allgäu sind.  Ich habe die Fotos gesehen und die Berufe dazu: den Ingenieur, die Bäuerin und die Finanzbeamtin. Schöne nette Fotos, gut gekämmt sind sie alle, aber sonst: wieder nur Phrasen, wie man sie kennt und täglich in den Müll wirft. .

Sie reden allgemeines Zeug, wie es in der Tagesschau, beim Lanz und den anderen Talkshows verzapft wird.  Nichts sonst. Ein paar Sprachregelungen kommen von den Parteien, und ein paar andere noch von den dämlichsten Journalistinnen und Journalisten. Alles vorgekauter Wortbrei, nichts Persönliches, nichts Konkretes.  Natürlich servieren sie jede Menge Meinungs-Käse über den Euro, die Menschenrechte, den schmutzige Deal mit der  Türkei, den sie hier glauben, wieder sauber geputzt zu  haben  und so weiter. Kein Wort aber zu Europa, wie sie den Kontinent verstehen, was er war, was er sein soll, was er werden könnte, nichts. Wirklich nur  altbekannter Phrasenmist, wie ihn Kauder, Schulz und Meyers, Meiers und Maiers und alle Müllers zusammen kehren,  wenn es sein muss und gar nicht mehr anders geht, weil wieder mal die bunten Fahnen um den Kirchturm herum  wehen.

Und  diese netten Leute soll ich wählen? . Nein, das werde ich natürlich unterlassen. Sie denken sich nichts, füllen einfach ihre websites mit dem üblichen Meinungsmüll auf und denken:  „jetzt aber ha.. des isch doch was oder nicht?  Ich bin sogar wieder in der Zeitung gstanden,.“ Jaja, sie  sind gemachte, angesehene Personen im Landkreis. . Sie haben sich in ein hohles Prestige gerettet, das ihnen eines Tages gute Pensionen abwirft. Nur darum geht es ihnen, um die Selbstversorgung,  und um die  jeweilige Arschkriecherei bei den Parteien: CSU; Grüne und Freie Wähler, bei denen sie sich halten wollen. (Die SPD stellt hier bezeichenderweise gar niemand auf..) Das ist nicht sehr schwer,  wenn sie dort öfter erscheinen, den Vorsitzenden zuklatschen, laut poltern und mitlabern  an den Stammtischen und  recht nett in die Kameras grinsen.

Kein Bemühen erkennbar auf der ganzen bayrischen Breite, kompetente, neugierige und besonders intelligente Leute nach Europa zu schicken, die dort etwas zum geistigen Profil beitragen wollten und könnten. Nein, nur Stimmvieh vom Stimmvieh. Europa ist mit diesen Leuten immer schon untergegangen.

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Die Gesellschafts-Komödie mit Thilo Sarrazin

„Oh Gott,  Sarrazin hat schon wieder ein Buch geschrieben und nennt es auch noch Wunschdenken,“ – ich höre das Stöhnen in den mainstream-Medien  und gerade in den großen Zeitungen. „Leute, wir können das neue Buch, das wieder Hundertausende kaufen werden, nicht einfach totschweigen, das geht nicht“, sagt der Zeitungschef und hält nach einem Kandidaten Ausschau, der sich letztlich opfern muss, um das Buch des Sündenbocks zu lesen und zu besprechen.  Natürlich, wer verreißt schon gerne das Buch eines Vorverurteilten. Einige Redakteure ducken sich weg,  einer verschwindet schnell auf dem Klo, als der Chef in der Runde sich umsieht. Einen aber erwischt es, er wird den Schmöker nicht ganz lesen, nur ein bisschen herumblättern und nach rassistischen Sätzen suchen, die sich gewiss wieder finden lassen, womit er dann seine Pflicht  und die Erwartungen der Leser erfüllt hätte und sich wieder dem Schnaps zuwenden kann. Und wenn Du nichts direkt offen Rassistisches findest, tröstet er sich, dann mach‘s einfach wie der von der „Zeit“, der schreibt:  Sarrazin sagt, weil der ist ja nicht ungebildet,  der sagt  eben nicht direkt: die Neger sind doof, aber durch die Blumen seines Schmökers hindurch sagt er eben doch genau das. Und nichts anderes. Naja, das kriegen wir schon.

Auch fürs ZDF hat Lanz schon nach kräftigen Gegnern Ausschau halten lassen, die er mit dem Störenfried  Sarrazin in sein anwärmelndes  Studio laden kann, um dann scheinheilig, aber showmäßig eben ein Treffer, die alte Pilatusfrage zu stellen: „warum wollen Sie den Mann unbedingt ans Kreuz schlagen, Herr Prantl. Jetzt einfach mal absichtlich grob gefragt“. Und Herr Prantl von der Süddeutschen wird lächeln, und zunächst ein wenig ausholen müssen, um dann aber klar das wenig Hilfreiche (Merkel) einer solchen Publikation, wie sie Sarrazin eben provokativ immer wieder einbringe, und damit klar und deutlich als sein Geschäftsmodell missbrauche….   „Ja, genau“, wird  Frau Claudia Roth Prantl sogleich beispringen und sie wird wieder weinen, gewissermaßen  als bunte Multi-Kulti-Madonna unterm Kreuz. Eine berühmte  Filmschauspielerin – ey, war das die Berben schon wieder? –  hat sie eine neue Frisur oder war das nur als solidarisches Kopftuch gedacht?- jedenfalls bringt sie klar  ihr Entsetzen zum Ausdruck über einige Sätze aus Sarrazins  Buch, von denen sie eben gehört habe und auch Elke Heidenreich bringt ihr Fachurteil als Literaturkritikerin zum Besten, nämlich, dass man solche Bücher, wie Sarrazin sie verfasse,  eigentlich nur mit spitzen Fingern lesen könne, und man dazu immer wieder leider die andere Faust in der Tasche zur Toleranz überreden müsse, wo im Grunde keine Toleranz angebracht sei.  Ein schwieriges Bild, wie sie es ja schon in ihrer berühmt gewordenen Heideggerkritik gebraucht hatte, sodass Lanz alle Mühe haben wird, das vermaledeite Bild dem Publikum – mit einem Popperzitat-  halbwegs verständlich rüberzubringen.  Sarrazin versuchte natürlich als unermüdlicher Kämpfer in eigener Sache sich immer wieder Gehör zu verschaffen, doch der mächtige Meinungs-Sturm seiner Gegner verschüttete immer wieder seine ohnehin etwas schüttere Stimme. Das Publikum draußen an den Geräten empfand das Spektakel als nicht  sehr objektiv und ausgewogen, wie eine Umfrage ergab,  und entschloss sich deshalb  massenhaft, das neue Buch Sarrazins zu kaufen, um mal selbst rein- und nachzuschauen, ob der Mann wirklich mit Recht und aus besten Gründen gekreuzigt werden muss, weil er die Wohlfühlmoral von uns allen in der offenen Gesellschaft sonst arg in Gefahr bringen könnte.

Der Sultan dreht durch

Sultan Erdogan macht sich vollkommen lächerlich und seine ihm untertänige Regierung  natürlich erst recht. Immer mehr wollen sie in die Meinungs-und Kulturfreiheit Europas eingreifen. Jetzt haben sie in Brüssel gegen die finanzielle Unterstützung einer Musikaufführung in Dresden protestiert, die sich dem  Völkermord der osmanischen Paschas an den Armeniern  widmet . Die türkischen Diplomaten, die der Sultan nach Brüssel schickte, apportierten brav sein Veto,  denn  wehe die EU unterstehe sich, diese Musikaufführung einer Lüge auch noch finanziell zu unterstützen. Und es ist bezeichnend für die  pubslauen Europäer, dass sie  sofort kuschen und gehorsamst den Text auf ihrer website abmilderten und sogar die Oper in Dresden aufforderten, das  Armenienlibretto  zu entschärfen und wenigstens das Wort Genozid ganz zu streichen. Sonst könnte der Sultan noch zorniger werden, noch mehr drohen und toben. So weit ist die Politik in Europa  also schon herunter gekommen. Sie zittern vor dem größenwahnsinnigen Autokraten. Demokraten? Courage, Standfestigkeit? Politische Eunuchen. Hosenscheißer als Abgeordnete . Eine schreckliche Schande.Wer soll denn diese Lakaien und Limonadenköpfe noch wählen?

Erdogan entwickelt sich immer mehr zu einer Figur des absurden Theaters, wo ein wieder auferstandener König Ubu größenwahnsinnig geworden ist und wie ein Irrer herumtobt und alles diplomatische Pozellan zerdeppert.

Deutschtürkische Scheinmoral

Integration ist ein schillernder Begriff. Man kann ihn schön reden wie die Regierung und eine Großteil der Medien es tut, man kann ihn pessimistisch überziehen, wie das auch noch immer sehr schick ist. Eigentlich kann man den Begriff auch allmählich einmotten und wegwerfen. Ich selbst konnte mich von dem im Ganzen nicht sehr erfreulichen, geistigen Zustand der türkisch stämmigen Jugend überzeugen. Ich unterrichtete in den letzten Jahren mindestens 1000 Jugendliche dieser Spezies in Ethik und Deutsch und fand viele integrationswillige Menschen darunter, noch mehr  Opportunisten, Angsthasen, Arschkriecher und auch einige islamlistisch Gefährdete, mit denen kaum vernünftig zu reden war. Ich bin also weder in der Lage, eine optimistische noch eine katastrophistische Prognose für eine Zukunft mit ihnen abzugeben. Schuld daran liegt im gerüttelten Maß an der Wegduckerei und Unentschlossenheit der deutschen Sozialarbeiter, Lehrer und Betreuer, die gar nicht wissen, wohin die Reise in die Zukunft gehen soll. Sie verstehen viel zu wenig von ihrer eigenen Mentalität, Geschichte und Kultur.

Gegenwärtig  fällt mir auf, dass die Deutschtürken nicht etwa gegen die ungeheuer barbarische Unterdrückungspolitik ihres Präsidenten Erdogan  auf die Straße gehen, sondern sich lieber beleidigt fühlen wegen des garstigen Böhmermanngedichts, das immerhin zu Tage förderte, wie schräg und beklagenswert das Selbstverständnis der meisten Deutschtürken aussieht. Auch der bekannte, stets sehr radikal sich gebende Kabarettist Somuncu schwankt plötzlich, rudert zurück. Die unzähligen Hassmails, die ihn erreichten, weil er offenbar in einer Talkshow sich nicht beherzt genug für die verletzte Türkenehre  einsetzte, und nicht klar und patriotisch genug für Erdogan gegen Böhmermann Stellung bezog, schüchterten ihn doch merklich ein, so dass er uns die historischen Zusammenhänge erklären will,  damit wir verstehen mögen, „ warum Erdogan so erfolgreich die Sehnsucht nach einem Wiedererstarken der großen Türkei nach osmanischem Vorbild bedient..“. Er wird schier zum Historiker, wo man von ihm als Satiriker doch nur erwarten konnte, dass er sich mit dem mit zweimal lebenslänglicher Haft bedrohten Can Dündar, dem Chefredakteur der großen Zeitung Cumhuriyet, klar und einfach  solidarisiert. Er findet kein Wort zu Dündar und dessen Kollegen, zu dieser die ganze freie Welt empörenden Schweinerei. Dündar schreibt in einem offen Brief an Frau Merkel: „ der schmutzige Deal hat Millionen Flüchtlinge zu Geiseln eines autoritären  Systems gemacht- und er reduziert  Deutschland zu einem Land, das aus politischem Kalkül fundamentale westliche Werte aufgegeben hat.“   Darum geht es, nicht um Böhmermann  und die beleidigten deutschtürkischen Phantomgefühle, die ein Satiriker wie Somuncu mit seinen historischen Zusammenhängen rechtfertigen will. Er hat sich damit als Satiriker und Kabarettist selbst disqualifiziert und wir werden nicht gekränkt oder  beleidigt sein, wenn er uns demnächst bei Nuhr oder in der ZDF Anstalt wieder mit seinen groben Kalauern traktiert. Das ist nur der Somuncu, er kämpft um unsere Sympathie, er hat Talent, gewiss, aber sonst leider nur mainstream zu bieten.

Böhmermann, wie immer man sein schreckliches Gedicht finden mag, hat viel mehr für die unterdrückten Journalisten, Autoren und auch die Kurden in der Türkei erreicht, als der Pseudosatiriker und seine beleidigten Deutschtürken, die schon wieder einmal gestreichelt werden wollen. Memmen. Can Dündars Appell an Frau Merkel aber,  Klartext zu reden in der Türkei, und sich den  Lügen der Speichellecker des Sultans entgegenzustellen, verdient unsere stärkste Empathie und Unterstützung.

Medienmissbrauch an der Poesie

„ Zeitungen- Organe für Impotenz“ kräht der Wahnsinnige im gleichnamigen Stück „ Der Wahnsinnige und der Ignorant“ von Thomas Bernhard, und weil ihm die Schmähkritik nicht originell  genug in seinen feinen Ohren klang, setzte er nach: „Andererseits, ohne Zeitungen-welche Öde.“  Wahr daran ist allenfalls, dass es gut täte, wenn, sagen wir,  die Zeit schon so fad ist wie die unsere, wenigstens die ein oder andere Zeitungslektüre  etwas interessanter sein könnte. Zumindest für Leser wäre das erfreulich, ob die Förster oder Ameisenpfleger es genau so empfinden, weiß ich nicht.  Das Feuilleton der FAZ war in den 90er Jahren diesem Ziel der Interessantheit hin und wieder etwas näher gekommen. Seit Jürgen Kaube aber dort das Sagen hat, geht es vollmundig taumelnd, jammertalwärts. „Eine matte Sache“ hätte Helmut Qualtinger dazu gesagt.  Da Kaube keine Sensation im still irgendwohin  schnurrenden  Literaturbetrieb erkennen konnte, gießt er eine alte Kalamität aus dem Kalender auf. Vor genau 50 Jahren habe doch Handke  im Princeton die dort tagende Gruppe 47 aufgemischt. Kaube meint: – die Sprache bringt es an den Tag- Handke habe „Furore“ gemacht. Herrgotthimmelarsch, wer macht heute nicht schon überall „Furore“. Heute sogar mit Selfies. Der blutjunge Anfängerpoet  Handke,  damals schon mit Sonnenbrille selbst bei Regen- beschimpfte und beleidigte seine älteren Kollegen, die schon über einen kleinen Nachkriegsruhm verfügten. Aber das sind ja alles alte Kamellen, die keiner weiteren Rede bedürfen.  Ich fand nur einige Stinkblüten in Kaubes Abituraufsatz, angefüllt mit alten Schulweisheiten und teeniehaften Vokabeln,  die ich mir merken muss, dachte  ich und fraß das Phrasen-Stroh.  Friedrich Sieburg,  Kaubes  berühmter Vorgänger im Feuilleton der FAZ, er waltete, vor Reich Ranicki, um dieselbe Zeit von Princeton 1966,  und habe den damaligen Literaturbetrieb von ganz anderer Seite als provinziell und konformistisch attackiert. Was sei das wohl für eine Literatur, die durch das Zusammenhocken und Dazugehören in der Gruppe entstehen solle. Fragezeichen. Diese Vorstellung war dem frankophilen  Aristokraten und Gourmet Sieburg zuwider.  Er forderte entschieden mehr und schärfere Intellektualität, – meine Herren, hör ich ihn sprechen,-  als sie Hans Werner Richter, Böll, Grass oder Walter Jens aufbieten konnten. Kaube, der Literaturkritiker von heute, möchte sich dazu nicht äußern. Er staunt nur ein bisschen, denn nach seiner Meinung sind die deutschen Schriftsteller doch schon seit dem 18. Jahrhundert immer wieder „in Gruppen und als Gruppen aufgetreten.“   Wie es doch immer wieder auf das deutsche Verb ankommt.  Aufgetreten? Nein. Niemals. Nicht einmal die Klassiker, aber auch die Romantiker, Schlegel und Tieck, nur zum Beispiel, sind nie zusammen aufgetreten.  Sie schrieben sich Briefe, wie Humboldt und Schiller usw.. Von Gruppen und Vereinen im heutigen Sinne, wo man sich organisiert und einen Medientermin nach dem anderen für sich buchen lassen muss, kann man seit dem 18.Jahrhundert in der Literatur, bis hin zu jener fatalen Gruppe  47 eben,  nicht sprechen. Vermutlich hat er diesen historsich verquasten   Unsinn vom Arnold abgeschrieben, dem PR-Mann und Presssprecher der Gruppe.  Oder von Böttiger, dem Arnoldschüler. Sei es drum, Trivialmythen beleben immer das Geschäft mit der Masse.  Mancher Buchhändler wird diesen -Abituraufsatz  Kaubes jetzt in sein Schaufenster hängen.  Es steht nämlich noch mehr solcher Legenden in Kaubes Selbstergießung. Zum Beispiel sein naseweiser Hinweis, zwischen Lobhudelei und Indiskretion,  sein großer Vorgänger Sieburg  sei in den zwanziger Jahren ein „heißer Anwärter für den Georgekreis“ gewesen. Heiß ja, o je, heiß wie Handke in Princeton,  heiß nach „Furore“.  Kaube kennt Stefan George und seinen Kreis natürlich nur aus dem Lexikon. Bei Goerge  konnte sich niemand bewerben, wenn dann  erwählte er einen in die Fraternität, der kurioserweise auch einige konservative  Frauen angehörten.  Eine solche Weihung kann dem Kaube in seinem Büro nicht passieren, das glaub ich wohl. Er wird eher die Nähe zur Stimme des Kohlenpotts suchen. Aber als mäßiger Journalist weiß er: gibt es draußen keine Sensationen , müssen wir sie drinnen selber machen.

Aber ich hab noch eine Praline, wieder nach meinem Motto: man muss sie nur zitieren, Sie sagen es schon selbst. Ja, wie von selbst: „Was  die Treffen der Gruppe 47 früh ausgezeichnet hatte, die Begleitung durch die Medien, war hoch effektiv genutzt worden. 1947 waren die Strukturen der öffentlichen Verteilung von Ruhm in der deutschen Literatur noch schwach ausgeprägt.“ Seit 1966  machen die Medien jetzt selbst die Stars der Literatur. Damals in Princeton geschah der große Schub in den „Strukturen der Ruhmverteilung“.  Kaube selbst ist Clubmitglied bei den  Verteilern von Schlagruhm.  Handke war in Princeton der Aufstieg zum Medienstar, der er heute noch ist, geglückt. Ein John Lennon-Double in der Haustracht des Eigenbrötlers.  Sieburg hat recht, der Provinzmief ist nicht mehr aus dem Betrieb hinauszubringen.  Schon gar nicht, wenn darin solche Medienmacher wie der Kaube, der Diez und der Scheck an den Rudern beim Betriebsheim immerzu zusammen hocken. Die Kritiker, die sinnvollerweise sich besser stritten, als in der Gruppe von einander zu lernen, und ihre tollen Gagen zu vergleichen, werden natürlich komplettiert durch einige prominente Frauen, deren Formulierungskünste mich nicht selten zu mein e-book: Lachtraining/Zielgruppe weibliche Ingenieure, inspirieren.  Aber von diesen merkwürdigen Gouvernanten der Poesie , deren Hauptmetier natürlich die Romane in der ganzen Breite sind, mehr noch ein anderes Mal.

 

Die Türkei – Zeitungsblätter und Blüten

Der Deal mit der Türkei erregt die europäischen Zeitungsgeister. Ein belgisches Blatt bezeichnet ihn als Drecksarbeit für Ankara.  „Warum ist fast niemand an einer detaillierten Diskussion über die Kosten und die Verteilung der Flüchtlings-Lasten interessiert?“  Der Grund ist, findet das Blatt: „Die schickeren Regionen der Welt darf man eben nicht mit ein paar Millionen Flüchtlingen stören. Das finden viele ganz selbstverständlich. Es ist merkwürdig, dass die Türkei sich in eine so ehrlose, untergeordnete Rolle hat drängen lassen.“

Aha, die schickeren Regionen rümpfen die Nase. Die Türkei lässt sich wieder als Müllwerker einspannen. Man fragt sich, ob die Diskussion detailfreudiger, weniger grobschlächtig geführt werden sollte oder ob die Details der Kosten absichtlich so grob  verdrängt werden? – Weniger als Chic denn als Schikane.

Eine kroatische Zeitung berührt einen anderen point of view: Sie bittet um mehr Selbstbewusstsein der Türken. Europa brauche eine moderne Türkei, „eine Türkei, die den Frauen das Wahlrecht früher gab als viele andere europäische Staaten, und die nicht weniger Toleranz gegenüber Minderheiten zeigt als das verblichene Osmanische Reich. So eine Türkei kann ein wahrer Partner sein. Aber nicht, solange sie sich aufführt wie ein herumstolzierender, kleiner, rabiater Cäsar – von solchen Cäsars haben wir in Europa genug. So schadet die Türkei nur sich selbst und den Muslimen in Europa, gegenüber denen sie eigentlich eine moralische Verantwortung haben müsste. So fördert sie nur islamfeindliche Kräfte in Europa. „

Der Kroate spricht den Türken Mut zu, am besten, so träumt er, sie zögen  den gockelnden Cäsar ganz aus dem politischen Spielfeld zurück. Den habt ihr doch nicht mehr nötig. Na und wie? Seine Anbeter und die Fans des Sultans sind zahllos.  Da ist wohl ein frommer Wunsch des Kroaten der Ausputzer der sog. Realpolitik. Sie ist so garstig, so vom Chaos infiltriert, dass darin kein reiner Gedanke Platz nehmen will. Aber schön und frisch moralisch gesagt steht es schon da, im kroatischen  Blatt.

Einen ganz anderen Sprung ins Seitenaus der history macht die Hürriyet Daily News and Economic Review,  das zweitgrößte englischsprachige Blatt in der Türkei.

Man ist skeptisch, wittert Heuchelei.  Man fragt sich :Warum interessiert sich ganz Europa plötzlich für Missstände in der Türkei, die es jahrelang systematisch ignoriert hat?  Europa sei in Wahrheit froh über die Rückschritte in der Türkei, denn das verschöbe  einen EU Beitritt auf den St. Nimmerleinstag. „ Die jüngste Entdeckung der öffentlichen Meinung in Europa, dass die Türkei in Richtung einer autoritären Herrschaft abgleitet, ist nicht dem plötzlichen Wunsch geschuldet, eine demokratischere Türkei zu erleben. Unzufrieden mit dem Flüchtlingsdeal entschied man sich, Merkel dafür zu kritisieren, sich auf einen Führer einzulassen, der demokratische Normen und Werte nicht respektiert.“

Frau Merkel kan nicht warten, bis die Türkei demokratische Normen und Werte begreift und achtet. Der Karren steckt noch im Dreck. Frau Merkel rümpft aber nicht die Nase, wie der Belgier das den schickeren Regionen unterstellt, sie nimmt die Drecksarbeit auf, verhandelt mit dem obszönen Gockel und Führer. Sie erkennt ein Ziel, sie  macht Politik, während ihr die Gesinnungspolitiker aller Länder den Verrat an gemeinsam beschworenen Werten und Prinzipien vorhält. Es ist  deutlich wieder, die Moralisten und Gesinnungsmenschen verstehen die Politik nicht, geschweige denn,  grob gesagt: das rein Politische an der Politik.  Diese ist nicht nur ein Gemischtwaren-Unwesen, bestehend aus Gier, Triebhaftigkeit, Interessenlogik und kriminellen Begleit-Tatsachen. Sie kämpft auch mit historischen Dämonen, die sieht man bei Tageslicht nicht.

 

 

Der Türkendeal

„Der türkische Premier Ahmet Davutoğlu hat die EU aufgefordert, die zugesagte Visa-Freiheit für Türken ab Juni umzusetzen. Andernfalls könne man von der Türkei nicht erwarten, dass sie ihre Verpflichtungen gegenüber der EU einhalte, betonte er.“ Die Tonart kommt vom Sultan selbst.

Lässt sich die EU von der Türkei  erpressen? Wegen des Flüchtlings-Deals?  Oh nein, wer wird denn so denken? Frau Merkel kann mit Erdogan sogar ganz gut vielleicht? So denkt sie immer noch.  Sie hat ja schon mit dem Despoten Putin Vieles am Telefon geregelt. Auch Klartext geredet. Außerdem die Diplomaten, Herr Steinmeier als erster, bringen auch dem türkischen Premier sanft bei, wie man miteinander gütlich redet in Europa. Das mit der Visa Freiheit könnte noch dauern, die Bürokratie prüft zur Zeit noch alle Unterlagen. Demokratie heißt Machtkontrolle, jeder Antrag muss durch mehrere Instanzen. Das sind die Mühen der Ebenen, die in der Türkei natürlich nicht zu bewältigen sind, weil dort ein Sultan alles, auch das, was ihm tagtäglich über die Leber läuft, entscheidet und befiehlt. Erdogan hat eine ganz persönliche Demokratievorstellung, die man in Europa nicht kennt und deshalb vom Anschein einer Diktatur kaum unterscheiden kann. Verzeihen Sie, Herr Davutoğlu, das ist vielleicht ein Vorurteil meinerseits, wird Steinmeier sich vorsichtig räuspern. Doch bitte, ich meine, jedenfalls wenn Sie fordern: ab Juni Durchsetzung der Visa-Freiheit, sonst- ich darf ihnen sagen, Herr Davutoğlu, bitte nicht missverstehen, aber auch in Paris und in London kam dieses „sonst“ nicht gut an. Es wurde beinahe wie eine Drohung verstanden, und wir und die Türkei als Partner drohen uns doch nicht? Oder? Das beiderseitige Lächeln fror langsam ein.  Uns verbindet doch eine lange Freundschaft, denken Sie an die Deutschtürken in unseren Ländern, wird Steinmeier weiter vorsichtig argumentieren. Und  Herr Davutoğlu  wird Steinmeier zur Seite nehmen, denn überall in seinem Amtszimmer befürchtet er geheime Abhörgeräte, aber wissen Sie und er deutet auf das große Öl-Portrait des Sultans an der gegenüberliegenden Wand, also was soll er, Davutoğlu, da schon machen, der Sultan hat die Drohung  selbst formuliert. Entweder oder.  Sonst. Ja, aber wir haben doch nun ausdrücklich die Verfolgung des Satirikers Böhmermann für unsere Gerichte freigegeben, sagt Steinmeier, das war doch ein Entgegenkommen von Frau Merkel. Der türkische Premier lacht, Erdogan habe weitaus mehr erwartet, er erwartet auch jetzt noch, dass Frau Merkel  Böhmermann ins Gefängnis wirft. Wozu habe sie die Macht, um sie schlafen zu lassen? Wörtlich Erdogan, das sagte er zu mir.  Steinmeier erblasst, er wirkt innerlich entsetzt. Mit welchem Staat verhandelt er hier, den deutschen Außenminister befiel plötzlich die Furcht, dass auch seine Freiheit gefährdet sein könnte. Doch Davutoğlu konnte ihn beruhigen und lud Steinmeier in eines seiner Lieblingslokale zum Essen ein. Dort wolle man sich für eine Stunde mit anderen Themen erholen. Zum Trost für die Schlappe, dachte Steinmeier. Der deutsche Außenminister konnte weder nach Brüssel, noch nach Berlin einen Erfolg vermelden. Er schrieb das email von der deutschen Botschaft aus, er fluchte, der Botschafter lachte. „ ich habe es dir doch gesagt“, er duzt Steinmeier schon lange, „das sind Irre hier. Erdogan ist ein Psychopath, tut mir leid, bleibt unter uns, aber ich habe Frau Merkel gewarnt, aber ich versteh sie auch natürlich. Diese Massen von Flüchtlingen. Aber Erdogan diktiert und wer nicht kuscht, den haut er in die Pfanne, oder wirft ihn sofort ins Gefängnis. Die Zuchthäuser sind voll hier. Zustände wie in Karl Mays Sklavenkarawane und der Imam gibt ihm immer Recht. Manchmal hatte ich schon den Eindruck, der Imam ist schuld an dem ganzen Wahnsinn hier. Aber wie gesagt, bleibt unter uns.“

Klar, sag mal, fragte ihn Steinmeier plötzlich ruhigeren Tons, hast du hier nicht manchmal Angst? Nein, nein sagte der Botschafter, ich habe keine Angst, ich kenn den Sauladen gut genug, um mich hier schadlos zu halten. Ich bringe den Beamten ab und zu ein paar schmutzige Witze, die lieben sie , ich bin ganz beliebt, ich rede ja nichts Politisches. Sie tranken zusammen noch ein paar Whiskys  in der neuen Super-Lounge. . Dann brach Steinmeier wieder zum Flughafen auf.

Die Drohung, dass die Türkei ihre Verpflichtungen gegenüber der EU  nicht einhalte sonst, war nicht vom Tisch zu bekommen. Frau Merkel telefonierte, als ihr Steinmeier das persönlich berichtete,  sofort mit Präsident Obama.  Er müsse ihr helfen, Erdogan lege den aller größten Wert darauf, sein Ansehen in Amerika neu aufzupolieren. Obama müsse dem Sultan die Demokratie erklären, von ihr als Frau nehme der Autokrat keine Belehrungen an.

Sie diskutierten lange am Telefon, Obama will sich eine Strategie ausdenken, wie er den mächtigen Türken überreden könnte. Man möge aber vorerst in Europa die türkische Drohung, den Flüchtlingsdeal platzen zu lassen, geheim halten. Auch die Presse dazu bringen, stillzuhalten, bis Obama dem Sultan sein besonderes Angebot unterbreitet hätte, sodass dieser seine Drohung im leeren Stroh des politischen Diskurses versiegen lasse. Frau Merkel atmete aus, fühlte sich wie erlöst ein bisschen. Obama ist ein netter Kerl, ihn kann sie wirklich gut leiden.         –