Superdeutsch

Es kommt immer mehr in Mode. Man will locker sein und nicht ständig an Goldwaagen vorbei reden müssen. Zumal die Linguisten selbst sagen, die Sprache findet ihre Norm allein im aktuellen Gebrauch. Man darf also gewissenlos flapsig drauf los reden. Das kommt wenigstens authentisch an, sagt man. Ich habe schon viele Deutschtürken so reden hören: „ich -Abitur jetzt Arzt werden ich, oder Anwalt, sagt mein Onkel.“ Natürlich, auch die Integration kennt ihre Schnäppchenpreise.  Besonders auch am IB, dem Internationalen Bund, der Bildungsinstitution, die einst von Carlo Schmid mit hehrem Bildungs-Willen gegründet worden war. Heute ein Discounterladen mit Super Zeugnispreisen. (Türkenabitur 29.80 )

Neulich hörte ich einen Sportreporter im Spiel gegen Italien sagen: „ hier bekommt der Begriff Test eine ganz andere Dimension.“ Ich habe ihn nicht verstanden, hatte keine Ahnung, mit welcher Dimension er die von ihm gepriesene vergleichen wollte. Egal, beim Fußball geht der Inhalt  sowieso zum Nulltarif. Der Inhalt ist oft wie das Freibier, nur ein gutes Zeichen sozusagen. Da wird gehüpft wie bei Lanz.  Da wird alles groß, da legt kein Mensch mehr den Finger auf eine buchstäbliche Schamlippe. Markus Lanz würdigte neulich ganz nebenbei einen St.Pauli Roman über den Mörder Honka  zweimal ausdrücklich: als „große Literatur“. Er lächelte: „Doch, das sollte man unbedingt lesen.“ Man? Ja, man liest das Zeug garantiert.

Aber nicht nur Lanz verplappert und verstottert sein Friseur-Deutsch mit kommerziellen Ideen, auch in der FAZ ist man müde, die Last des traditionellen Rufs fort und fort zu tragen. Der Kultur-Redakteur Platthaus  leiert die klassischen Kunstansprüche, anlässlich einer Romanbesprechung, so hastig herunter, als wär er gerade aus einem Nähkästchen gefallen. „ Nun geht es in einem Roman nicht um Wahrheit“  Wahnsinn, nun aber, nun nicht mehr, aber, oder? Eine Sekunde lang Spannung, dann „ aber die (Wahrheit) ist der klassischen Bestimmung des Kunstschaffens eben doch mit eingeschrieben“ — eben doch, alles klar ? (übrigens: dieses Einschreiben haben die Franzosen erfunden, bei denen sich philosophisch überall alles mögliche einschreibt. Seit Jahrzehnten.)

Und jetzt, nachdem er das mit der Wahrheit soweit geklärt habe,  setzt Platthaus die germanistische Konklusion  in den Sand seines Sounds: „ also erwarten wir neben dem Schönen und Guten auch das Wahre: als Wahrhaftiges, und das muss nun wiederum jeder Roman..“  Diese Erwartung ist wie die bekannte Augenhöhe, auf der viele Stars heute Urlaub machen. . Mit leichter Emphase  dahin gesagt, das ist nun mal so, am Guten kommt nun mal wiederum keiner vorbei, auch wenn es böse aussieht.  Seid wie ihr wollt, seid flegelhaft im Roman, kotzt das  Innerste aus, Masturbation, Postödipales, Holocausthemen, total egal, seid avantgardistisch wie bei James Joyce, zeiht eure Genitalien der Schicksalhafrtigkeit, ja, seid offen, ihr seid frei, egal was ihr seid. Am Ende aber muss bei jedem Roman wiederum  auch eingeschrieben sein, na ihr wisst schon. Lockerbleiben. Platthaus schreibt wie der Enkel eines germanistischen Opa. Er möchte flott  schreiben, zumal seine Kritik des Romans ja  für eine Werbeaktion gedacht ist, aber der klassischen Bestimmung des Kulturjournalismus  ist eben wiederum  auch eingeschrieben, sagen wir – so leid es mir tut-  ja – Entschuldigung, auch das Wahrhafte irgendwo. Zwischen den Zeilen schämt sich Platthaus auch, denn er hat nicht den Mut,  den Werbeauftrag zurück zu geben, er muss den scheußlichen Roman des Angebers irgendwie loben.

Man sieht, im Deutschen ist auf jeder Stufe, bei der Integration, im Sport, im Fernsehen, bis hinauf ins Feuilleton der FAZ,  überall ein Wurm drin.

 

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