Hi, Amerika

Hipphopp, Funk, Housemusik, Disko, Punk, schließlich klingt alles sehr ähnlich, es sind kulturwissenschaftlich gesprochen aber grundverschiedene Epochen damit gemeint, die alle wieder in die goldene Zeit von  Soul und Gospel zurückreichen. Dann kam Aids, sagt man, viele schwule und lesbische Leute starben, dazu die knallharte Politik Ronald Reagans. Er warf die Leute, vorwiegend Schwarze und Schwule,  wieder ins Gefängnis. Damit provozierte  Reagan wie bei Shakespeare ganz logisch  den Gangster-Rap. Wir in Europa haben offensichtlich gar keine Ahnung, wie Politik und Musik in den USA unmittelbar zusammen hängen. Wir lehnen uns zurück und versuchen das Ganze wegzuschieben, bei uns kommt diese Musik eh nur mehr  gezähmt als wild an, bei uns verstellt der Kommerz die Angelegenheit. Selbst unser Jazz kommt vergleichsweise akademisch daher. Europäischer Jazz klingt wie Euro-Islam. Man muss sich immer sehr anstrengen beim Hören und das Publikum ist gepflegt und oft still wie in einer Kirche. Miles Davis, der amerikanische  Stilist des Jazz hat deshalb, wenn er in Berlin oder Paris auftrat, immer mit dem Rücken zum Publikum gespielt. Es war keine Arroganz oder Abneigung, es irritierte ihn einfach die Gehemmtheit, die allzu eckige Beweglichkeit im europäischen Jazzpublikum. Ich will damit sagen, die Amerikaner sind uns fremder als wir glauben. Dadurch, dass wir ständig Billigprodukte bei ihnen kaufen und sie konsumierend  nachahmen, glauben wir, sie zu verstehen. Ein Irrtum, ich bin ja eh eher ein Mozartaner von Haus aus und von daher sonst aller Musik gegenüber aufgeschlossen, aber ich kenne natürlich nicht die zarten Verbindungslinien zwischen einer Aretha Franklin und einer Adeva. Natürlich kriegte ich in den 80er Jahren die Stimme von James Brown überall mit, aber ich hatte keine Ahnung, dass Michael Jackson in ihm sich sein Vorbild nahm.  Das habe ich nicht mitgekriegt und diejenigen, die alle Disko-, Punk- und Hipphopp  Musik usw. stärker mitmachten als ich, der ich im Grunde ein Eckensteher war, nichts sonst, die anderen  konnten mir bei all ihrer Schwärmerei diese zarten Linien zwischen den Musikern nicht erklären. Ich habe erst jetzt darüber nachgedacht, dass ich zu unaufmerksam war, zu wenig die USA bereiste, alles große Fehler in meiner Biografie. Wahrscheinlich ließ ich mich von den verschiedenen Milieus, denen ich zwar nie angehörte, aber die ich zu oft besuchte, ja bestimmt ließ ich mich von der antiamerikanischen Stimmung, die sich eine Zeit lang überall breit machte, auch anstecken. Schade, welch ein Zeitverlust. Aber man ist eben mit 20, 30,  ja 40 Jahren noch lange nicht so klug, wie man damals hätte sein können, von heute her gesehen. Ich habe erst neulich bei einem Philosophen, den ich sehr schätze, gelesen, wie es für ihn war,  in Amerika zu leben als Professor der politischen Philosophie und der Geschichte. Er dankte es seinem guten Stern, dass er viele gute Leute traf in den USA, ja dass er sogar mit Cleanth Brooks, dem Kritiker der Poesie dort,  das Englische lernen durfte. Brooks wurde sein Freund und lektorierte seine Texte, half ihm in seinen englischen Schreibstil.  ER lernte das Englische lieben wie das Deutsche.  Natürlich machte sich der Philosoph über die amerikanische Musik und Politik keine Illusionen. Er bewertete die andere Kultur Amerikas nicht, von welcher Warte aus sollte er das auch tun. Er floh ja zweimal aus Europa,  als hier die Werte vollständig zusammengebrochen sind, 38 in Wien, 68 aus München in die USA.

Als Kind und noch als Jugendlicher faszinierten mich die amerikanischen Kulturprodukte, wie die Texas Ranger, die Perry Comoshow, später dann High Noon,  die Ford und John Wyne Mythen und noch heute höre ich gerne die zarte Stimme von Elvis im Autoradio. Ich weiß auch noch wie ganz normale Deutsche, die als Jugendliche knapp der Nazihölle entronnen, durch ihre Amerikareisen  geradezu entnazifizert wurden, metaphorisch gesprochen.  Sie lasen ja keine Bücher. Und jetzt sahen sie auf ihren Amerikareisen überall Swimming Pools, unglaubliche Freizeitparks,  ein lockeres Lebensgefühl überkam sie, das sie vorher nie kannten und wie groß ist das Land weit und modern, schwärmten sie.  Überwältigend. Aber sie sahen zu Hause dann immer noch gerne die alten Ufa-Filme mit Marika Röck und Heinz Rühmann. Im engen Nachkriegsdeutschland mit seinen Insignien: Kartoffeln, Bier und Kraut trällerte Vico Toriani fröhliche Weisen und im Film blühte ein kleiner Starruhm für O.W. Fischer und Ruth Leuwerik. Doch weit und breit kein Blues. Nur ein bisschen Rock n Roll. Dann kamen die Beatles, endlich die Stones, eine Jugendrevolte brach an. Ja, den Rest kennen wir, dann die Ölkrise, die lähmenden 70er Jahre. Die Rückkehr der alten Ideologien. Vorher noch bestimmten Sartre und Adorno die Bewusstseinsmoden, die sehr düster waren.  Sartre hasste die amerikanische Außenpolitik, die er als aggresssiv und mörderisch  bezeichnete und Adorno behauptete, dass die Amerikaner keine Kultur, sondern nur eine Kulturindustrie kennen, die alle Kunst verfälsche und vernichte. Es war verwirrend. .Also las ich amerikanische Bücher, Romane und Gedichte, schaute mir moderne amerikanische Kunst an, reiste selbst nach Amerika, Jazz hörte ich ohnehin immer wieder.  Aber ich begreife allmählich, dass die Fremdheit der Amerikaner mich irgendwie berührt, ja fasziniert.

 

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