Verschneite Existenz

Ilse Aichinger, die hochbetagte Dichterin geht noch immer fleißig ins Kino. Die alten und neuen Filme, die sie immer wieder sieht, verknüpft sie mit ihren Erinnerungen und Gedanken. Zum Tod des Dichters Hans Carl Artmann im Jahr 2000 schreibt sie: „Artmann aber war- er ist- verschneit von Existenz: Sie beginnt, wie immer man sie definiert, mit der Haltung vor der Abfahrt, auf Schlitten, im Leben, im Tod.“

Ein rätselhaftes Bild, dessen Stimmigkeit sofort einleuchtet, ohne dass man es je ganz verstehen könnte. Wie ein Kind mit den Schneeflocken spielte Artmann mit den Wörtern der Welt, den gälischen, den arabischen, den europäischen und den deutschen. Er hatte damit Zeit seines Lebens zu tun. An seine Vermarktung dachte er deshalb nicht eine Sekunde. Er hatte dazu weder Lust noch Zeit. Er hatte nur diese Lustzeit, die er seinem höheren Spiel gewidmet hat. Auch mit dem Wiener Dialekt übrigens, der durch ihn neu   klang, ja neu  erglänzte. Und mit seinen Bildern aus 1000 Ländern, die er allein mit seiner feschen Imagination erobert hat.  Ein wahrhaft wunderlicher Mensch, er existierte, so merkwürdig das klingen mag, allein aus, nein in seiner reichen Fantasie und Einbildungskraft.

Ilse Aichingers Versuch über ihrem poetischen Bruder orientiert sich an einem Kindheitsfoto Artmanns, von 1928, das ihn mit seinem Bruder Erwin auf einem Schlitten festhält.

„Schnee weht um die beiden. Den Jüngeren wird er bald zudecken, er ist im Krieg gefallen, während der Große das Strafbataillon, das ihn beiseite schaffen sollte, überstand und es fertig brachte, fast 80 Jahre lang auf dem Sprung zu bleiben.“

Trauer um den Dahingegangenen Hans Carl Artmann schwebt über diesen betont sachlichen Sätzen der Aichinger. Er überstand, brachte es fertig, 80 Jahre lang, auf dem Sprung zu bleiben. Artmanns Dichterleben ist ein springender Brunnen. Hochmodern und wie in allten Mären. Das glaube ich auch.

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