Rüdiger Safranski- der populäre Philosoph und Medienstar

Einst, um 68 herum,  gehörte er noch zu den Mitbegründern des Maoistenvereins KPD-AO, dann konnte er sich leicht wenden und begann in den 90ern seine  große Karriere als Autor bedeutender Biografien, und zwar der Allergrößten, wie Nietzsche, Goethe und Heidegger, wurde Bestsellerlieferant und bald kannte ihn jede und jeder durch seine berühmten Fernsehauftritte. Heute zählt er zu den prominentesten Geistesmenschen der Republik. Seine Meinung zu den brennendsten Fragen der Zeit ist gefragt wie nie zuvor. Ein Geistesmensch also, wie Thomas Bernhard diese Spezies titulierte, der nicht nur die größten Erfolge hinter sich hat, sondern auch viel Geld zu machen verstand. Das muss ihm der Neid sicher lassen.

Diesen Herrn Rüdiger Safranski, dem ich an der FU Berlin einmal sogar persönlich begegnen durfte, sehe ich heute auf einem Foto, das die österreichische Zeitung „ die Presse“ von ihm publizierte. Er steht da mit Pfeife, Rollkragenpullover, die linke Hand in der Hosentasche, vor seinen prall gefüllten Bücherregalen, wie üblich  in denkerisch sehr schlichter Pose. Er betrachtet die Flüchtlingsszene und kritisiert  scharf die Politik Frau Merkels. „ich kritisiere Merkels Politik und lobe die österreichische Regierung. Nur weil die Balkanroute geschlossen wurde, rührt sich wieder etwas bei den anderen Europäern. Und wenn es in nächster Zeit zu europäischen Kontingentvereinbarungen kommen sollte, so nur deshalb, weil Österreich und die anderen zuvor an der Grenze Tatsachen geschaffen haben. Bei einem ungebremsten Zustrom von Flüchtlingen und Wirtschaftsemigranten wäre die Situation in Deutschland kollabiert, oder man hätte selbst die Grenzen schließen müssen.“

Er lobt die Österreicher und schließt sich im Grunde der Position des Horst Seehofer an, ohne dessen Namen zu nennen, versteht sich. Er fügt zu seiner Begründung noch kurz die Unterscheidung des großen Soziologen Max Weber, zwischen Gesinnungs-und Verantwortungsethik in der Politik, an. Vermutlich arbeitet er zur Zeit an der Biografie des großen Soziologen. Das las ich sozusagen hinter seinen Bücherregalen heraus, wie ich jetzt auch auf dem Foto erst die Uhr an seiner Linken bemerkte, die er in seine Hosentasche schob. Die edle Uhr natürlich ein Verweis auf sein letztes Buch, in dem er von  der Zeit an sich handelte. Auch eine Art Biografie des Zeitbegriffs.

Doch um der Ironie die Spitze zu nehmen, und bei aller Realpolitik, auf die Safranski zunächst pocht, spüre ich deutlich:  Er hat wirklich Angst  vor dem politischen Islam, wobei er sofort hinzufügt,  dass er ansonsten gegen keine friedliche Religion irgendwelche Vorurteile hege. „Ich fürchte – nur um ein paar Beispiele zu nennen – , dass wir uns hierher nach Deutschland den arabisch-nordafrikanischen Antisemitismus importieren, und wie schlimm der ist, kann man in Frankreich beobachten, wo jüdische Franzosen bereits das Land verlassen. Es werden Parallelgesellschaften größten Ausmaßes entstehen, arabisch-afrikanische Ghettos. Von den zahllosen jungen Männern, die jetzt ins Land geströmt sind, wird wohl nur ein kleiner Teil Arbeit finden. Und die anderen müssen dann beschäftigungslos herumhocken. Das ergibt einen dramatischen Überhang an auch sonst frustrierten Männern. Da braut sich einiges zusammen, eine tickende Zeitbombe. „  

Diese apokalyptische Vision treibt ihn um, er selbst persönlich könnte sich ja leicht retten, er exilierte dann halt, nähme einfach ein Wohnung in New York. Doch was geschähe mit seinen deutschen Lesern?  Seinem Stammkapital? – wenn Deutschland zu einem Rückzugsgebiet „eines expandierenden Terrorismus“  würde, ja  missriete? Man spürt an seinem Ton, dass er die Lage für verdammt ernst und gefährlich hält. Für eine Zeitbombe, wie er sagt. Er vergisst die andere Seite, dass der Kapitalismus bisher die meisten Fanatiker, ob religiös oder nicht,  zunichte machte, wie eine der vielen  Wellen, wie sie schon immer die Oberfläche der Zeit aufwühlten und wieder versanken.  Wer redet heute noch von der RAF, die (Opfer ausgenommen und die Crimeromantiker des Fernsehens.), wer von der Schweinegrippe, von der DDR, von den alten Nazis, von Breschnew- alles alte Hüte. Natürlich, sie zeigen, dass seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Zeit ständig von schweren Krankheiten und Bewusstseinsseuchen angefallen wird. Eine solche erfuhr doch Safranski auch schon, mindestens einmal, und solches  mag jetzt auch im Gange sein, das glaube ich auch. Doch das verlangt einen kühlen Arzt, keinen Apokalyptiker von gestern. Ihn plagt eine Angst, die abzuwehren ihn in die Selbstüberhebung treibt.  Die austriakische Presse unterbricht und fragt ihn: Herr Safranksi glauben sie, „ die Deutschen haben ein Identitätsproblem? Die schier klassische Identitäts-und Paradefrage schon zu Zeiten von Günter Grass und der Gruppe 47, Jetzt eine etwas verspätete Frage, doch Safranski bleibt höflich: Naja wird er vorweg gesagt haben und dann:Weil die Deutschen nicht mit sich selbst im Reinen sind. Sie wissen eigentlich gar nicht so richtig, wo hinein sie die Leute integrieren sollen.“ Jetzt ist nochmal ein Fass aufgemacht, die Integrationsfrage, auch dazu weiß Safranski  einiges zu sagen: Schauen Sie, wird er sich eingeleitet haben, so wie man ihn kennt: „Wenn Sie noch vor zwei Jahren in Deutschland von Leitkultur gesprochen haben, galt das als intolerant und rechts. Heute merken fast alle, dass es ohne Leitkultur eben doch nicht geht. Dazu gehören zuallererst unsere Verfassung, die Gesetze und vor allem die Sprache. Wenn die nicht beherrscht wird, funktioniert gar nichts. Man muss nicht Goethe kennen, aber die Sitten hierzulande, die sollte man nicht nur kennen, sondern sich ihnen anpassen. Das gilt besonders beim Verhalten gegenüber Frauen.“

Die politisch korrekte  Gesinnungs-Art ist ihm zu eng geworden, aber er bleibt ihr doch verhaftet, besonders  in der Frauenfrage. Er will trotz all seines intellektuellen Trotzes gegen Frau Merkel nicht rechts sein. Ich hörte ihn deshalb immer schon sagen:“ Frauen sind doch phantastische Geschöpfe.“  Verständlich natürlich, denn die meisten seiner Leser sind Leserinnen.

Safranski zeigt sich als Zeitdiagnostiker, als Kenner unserer Kultur- Szene. Von der kulturellen Warte her ist Integration natürlich eine schöne Aufgabe,  doch da die Kulturleute sie selber nicht machen können, sondern nur die einfacheren simplen Leute im Lande dran glauben müssen, hapert es hinten und vorne.  70 Prozent  der männlichen und 50 % sogar der weiblichen Einwohner haben an sich selbst noch die deutsche Identitätsfrage gestellt. Das macht die Integrationsfrage so lähmend schwer. Kaum jemand interessiert sich dafür. Man hat doch selber zu tun, die ganze Zeit.

Safranski ist als Entertainer so versiert inzwischen, dass er ohne Mühe vom gefälligen Plauderton in das Gebiet der harten Faktizität übergehen kann, und zwar  ohne seinen visionären Faden je zu verlieren. Er kommt allmählich zum Schluss, mit einem populären Bild:    Und bei alledem ist Deutschland kein Weltmeister der Integration. Integration wird außerdem immer schwieriger, denn je größer die Zahl der Aufgenommenen ist, desto weniger Anreiz gibt es, sich zu integrieren. Es lassen sich dann abgeschlossene Gesellschaften bilden. Das sieht man auch bei den Türken hierzulande, von denen ein erheblicher Teil, bis in die dritte Generation, schlecht integriert ist.“

Ja, die Türken, „Kruzitürken“, hörte ich in meiner Jugend auf dem Lande oft, sind mir auch rätselhaft geblieben; sogar umso  rätselhafter, je mehr ich von ihnen inzwischen gut kenne. Mit dem Deutschen, außerhalb der Sprache tue ich mich ähnlich schwer.  Safranski hat mein Problem nicht, er wirkt indes nicht gerade leichtfüßig.  Sein Ernst trägt einen alten Bart, ok.,  den ich aber nicht sehr überzeugend finde. .

 

 

 

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