Politik? -Eine schlechte Erzählung

Für den Wahlausgang am Sonntag bräuchte man hochprofessionelle Wahrsager. Ein Rätsel der Sphinx. Doch unsere Bescheidwisser vom Dienst, die Medienkrähen, können schon wieder alles erklären. Ganz klar, ohne Frage. Eine der Hauptphrasen der öffentlichen Rede, mitten im Klamauk. Für mich ist etwas anderes erstaunlich. Der Souverän, das Volk will Charaktere, Geschichten, die das Leben als populäre alte Melodie vorschreibt. Also der Lastwagenfahrer aus München, der Superhorst, er mag falsch liegen, aber er sagt wenigstens was. Ein Kerl. So das Volk im Hintergrund. Aber die Herrn Guido (CDU) in Württemberg oder gar der Schmid (SPD), also sie sehen im Volksfernsehen aus wie Würstchen.  Dann schon lieber gleich den grünen Waldschrat, sagt man sich. Das Volk geht am liebsten mit Typen, wie sie ganz ähnlich auch im Volk vorkommen. Im Osten stellt der Verwaltungsmensch in Sachsen Anhalt wenigstens einen ernsthaften, staubtrockenen Beamten dar. Den Typ kennt man, der ist wahrscheinlich noch nicht einmal korrupt. Natürlich fährt die seriöse Presse hauptsächlich auf das Damen-Duell in der Pfalz ab. Die schöne Weinkönigen wurde von der tüchtigen Malu, die auch hübsch ist und außerdem an einer schlimmen Krankheit leidet, der sie ihren unbändigen Widerstandswillen entgegen setzt, geschlagen. Das ist eine bunte Geschichte, wie sie das Volk zutiefst berührt. Malu ist obschon nicht im Rollstuhl eine Parallelfigur zu Herrn Schäuble, der seinem Gebrechen ebenso Höchstleistungen abgewinnt. Man kann sich weder bei Malu noch bei Schäuble eine homestory vorstellen, wie sie der Unternehmer K. zu bieten hat. Der schwäbische, schwer reiche Mittelständler mit dem originellen Affen in seiner Werbung. Der Textilfabrikant hat eine mustergültige Rama-Familie vorzuzeigen, eine Idylle, wie man sie nur aus den teuersten Werbespots kennt. Die Wohnzimmer- Atmossphäre, das safte Licht darin, die echten Möbel. Ehefrau und Mutter blond, attraktiv, die großen Kinder auch schon voll etabliert. Dann die Pointe: Der Unternehmer wählte diesmal, als altes konservatives Urgestein grün. Der Kretschmann hat ihm imponiert, „warum soll der das nicht weiterhin machen“. Obwohl er in seinem Herzen wirklich überhaupt kein Grüner ist, sagt er das ganz ehrlich und ganz klar. Er betont das, seine und die Stimmen seiner mustergültigen Familie für die Grünen, sind ein Geschenk, ein Ausweis der Toleranz, in einem Werbespot, der sich den Anschein einer Reportage gibt. Die Familie K. in ihrem Schwabenschlösschen ist eine Stufe höher angesiedelt als die Geißens, die beliebten superreichen Prolls. Bei RTL. Man kann die Sensationen der Republik immer besser als nicht geglücktes Film-Manuskript lesen, als Drehbuch mittelmäßiger bis mikriger Autoren. Das Volk liebt Filmhelden, es kommt nicht auf die Qualität der Autoren an. Coaches, Regisseure sind gefragt, die wissen, dass das Volk Heino Ferch liebt, den Tukur und den anderen, den Liefers und seinen Kumpel. Wann begreift die SPD und die CDU endlich, dass sie diese beliebten Helden des Fernsehkinos nachbilden, imitieren sollte, um wieder mehr Furore in den Gemütern zu erzeugen. Ein erfolgversprechender FDP Mann müsste sich jedes Mal fragen, bevor er die Anfragen der Medienfuzzis beantwortet, was würde ein Liefers dazu sagen bzw. wie würde er es sagen? Bei Frauen gälte das gleiche Prinzip. Die Linken mit ihrer Madonna Sara immaculata, – obwohl sie mit einem Genussmenschen verbunden ist,- bei ihr ist Inszenierung und Wirklichkeit nahezu deckungsgleich. Auch die Ursula Militaria ist gekonnt gstylt, als polarisierende Gestalt, denn sie ist klug und stolz darauf, immer Einsen gehabt zu haben, bis heute. Sie ist die hübsche lächelnde Streberin. Und blond oder jedenfalls ehemals blond noch dazu. Aber sonst viel Fehlinterpretation des politischen Cinema hierzulande. Die Presse kreiert Stars des Fernsehens, wie diesen Herrn Prantl oder diesen Mr. Spreng. Sie versuchen dem Spielfilm erhöhende Momente des Politdramas zu geben, die für den Normalmenschen nicht gut sichtbar sind. Sie sprechen so grandiose Formeln herunter, wie : „ humanitäre Perspektive, Bleiberecht, Würderecht, Religionsfreiheit“. Usf. Grundgesetzt: Formeln der historischen Geschichte, mit der die gegenwärtigen Händel und Intrigen einen gewissen Hohen Ton erhalten. Die Skandale der ständigen Korruption und der Sexualdelikte bekommen durch die Fallhöhe des Ganzen, -schließlich stehen Existenzen vor dem Abgrund,- einen gewissen Schmackes der verfluchten Menschheit. Und jetzt mischt sich das Volk ein mit seinen Proteststimmen und Aufmärschen. Vorwärts geht es ins Denglische, zurück kommt man über eine Landstraße des alten völkischen Vokabulars. Deutschland soll wieder deutscher werden, nun ja, das ist eben eine Geschmacksfrage, höre ich jetzt den führenden Feuilletonchef sagen. Keine Frage. Keine Frage?

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