Henryk und Amelie

Henryk Broder, der scharfe Kritiker deutscher Unsitten und Amelie Fried, die Liebliche, sind aneinander geraten. Die biedere Schwäbin hat fürs Ciceroheft im Januar eine sentimentale Kolumne verfasst. Eine Erzählung aus ihrer Familie, wo man an Weihnachten einmal unbegleiteten Jugendlichen ein schönes Fest bereitete. Man sang, aß und war lieb zusammen. Am Ende aber fehlte die Gitarre im Haus, der Anlass für eine moralische Selbstbesinnung im innersten Herzen Amelies. Sie war am Ende ihrer Gedanken soweit, dass sie sich schämte , weil sie in Wahrheit Dankbarkeit erwartete. Was ist eine gestohlene Gitarre schon wert gegen die politisch moralische Lektion, die Amelie durch diesen Diebstahl erhalten hatte? So ging ungefähr ihr Sermon, mit deutlichem Seitenblick auch auf die armen Flüchtlinge, die uns mit ihrer Not doch neue Chancen brächten, ja genau genommen doch ein Geschenk wären. Also sollten wir ihnen danken, statt Dankbarkeit von ihnen zu erwarten.

Solcher Schnulzenton voll Moralin ist Broder verhasst. Er las das und schrieb sofort eine schier satirische Attacke gegen Amelie. Er wirkte erbost. Verschiedene Kommentare von feministischer Seite zu den Ereignissen auf der Kölner Domplatte haben ihn wohl in Rage gebracht.. Und jetzt auch noch die nette Amelie mit ihrem verheuchelten Text. Das brachte das Fass zum Überlaufen, nein Amelie, schrieb er, du hast aus dem Gitarren-Diebstahl gar nichts gelernt. Und er schlug noch zweimal zu, als er aus dem Text der Tugendschwester noch ein paar triefende Sätze zitierte. Diese Technik des polemischen Zitierens, Motto: sie sprechen es schon von selbst aus, wer sie nicht sind, auch wenn sie es gar nicht merken, hat Broder bei Karl Kraus gelernt. Broder verletzte die Cicero-Dame natürlich in ihrem Journalistenstolz, als wollte er sagen, wer so schreibt, weiß überhaupt nicht, was sie sagt. .

Das ließ die gute, allseits beliebte Fernsehmodertorin, die wie sie selber sagt, auch “ viele jüdische Freunde hat“ und deren Ängste voll versteht, – nein, das ließ sie nicht auf sich sitzen. Wütend schrieb sie an Broder einen Brief, den dieselbe Redaktion, der Broder angehört, in der „Welt“ abdruckte. Broder sei ja gewiss ein witziger Unterhaltungskünstler und man, also auch sie, läse ihn gern, hin und wieder, aber seine haltlosen Verdrehungen in ihrem Fall seien unfair und illegitim, und hätten nichts mehr mit seriösem konstruktiven Journalismus zu tun. Sie sprach plötzlich wie eine Dozentin der Journalistenschule eine klare Rüge aus. Aber sie hatte ihn, Henryk Broder, natürlich nicht verstanden. Sie bringt ihre Zeilen, die, von Broder zitiert, schon zum Lachen reizten, noch einmal, naja ist ja wurscht. Sie kann ja nichts dafür. Sie wurde halt als Prominente, als Magnet hinsichtlich des jüngeren Publikums, vom Cicero eingestellt, wo das schlichte Mädel eigentlich doch gar nichts zu suchen hat. Sie passt in kein Cicero-Konzept der Welt, sie gehört in ein Fernseh-Format mit Marianne und Michael. In dieser Szene taucht auch kein Broder auf.

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