Verstaubte Zeit

Die ZEIT kann nicht nur feuilletonistisch über die zarten Gedichte schreiben, sie kennt auch gröbere Töne, wenn sie loslegt, wo es langgeht, wie in ihrer Selbst-Anzeige:

Ein Ort, ein Gedicht 

„Gedichte sagen selten genau, wo’s langgeht, deuten vieles nur an, sprechen mitunter in Rätseln und werden grundsätzlich nicht aktualisiert. Trotzdem können Gedichte wunderbare Reiseführer sein! Poetische Reisen von Paris bis Texas – mit Tucholsky, Enzensberger und Brinkmann. „

Natürlich Produktwerbung, was soll’s, wirst du mir sagen, cool und doof, eben zeitgemäß, aktualisiert. Nein, du verstehst mich falsch, ich zitiere die Bescheid-Wisser-Sätze nicht, weil ich mich aufregte, sondern weil ich staune, was sie alles zu sagen wissen. .

Die Zeitschrift die ZEIT sorgt für Stimmungen und sie deutet Stimmungen. Sie fragt ganz populistisch, als drehe sich die Sache nur um sich selbst. Also halt um eine Sache. Wie geht es mit der Liebe weiter? Als wäre die Liebe eine Tatsache, deren Durchschnittswerte weitere Entwicklungen vorhersehen lassen. Keck: Gibt es da Neues.. Dann findet sie wie ein blindes Huhn die Schlagerzeile: Was aus der Liebe wird –Klingt wie in einem Gedicht, doch dann rückt die Feldküche, die Statistik sofort nach:

„Die Ergebnisse der Vermächtnis-Studie zeigen: Partnerschaften werden pragmatischer gelebt – weil die Frauen es so wollen. Neue Erkenntnisse zum Thema Liebe, Partnersuche und Zweisamkeit.“

Der Versuch über die Liebe sachlich zu reden, wie die ZEIT, wirkt ewig unbeholfen und grotesk. Dann weiß ich sofort, was man sagen will und ich hör nicht mehr hin. Es ist wie bei den stummen Gegnern klassischer Musik. Ihre Argumente sind stur, mit Unwissen und ranzigen Meinungen angefüllt. Von außen sieht es aus, als gehörten sie einer Sekte an, die allen Ohren verbietet, auf die Musik zu hören. Sie schätzen nur den Radalismus in der Musik.

So müssten auch die Werbetexte, die die ZEIT selbst für sich, für ihr eigenes Image, anfertigt, dringend renoviert werden. Sie sind so rückständig, so verschmockt am Normalmenschen vorbeigezielt, dass man sich wie in einem Erker des alten Biedermeier fühlt. Zwei Schulmädchen unterhalten sich über die Liebe. Was wohl aus der Liebe wird, seufzt die eine, getreu im historischen Tonfall, die andere gibt cool zurück: ich kenne die neuste Statistik noch nicht, und schnippisch: aber wir Frauen sehen die Liebe heute jedenfalls ganz pragmatisch

Den Namen die ZEIT zu tragen wird in den letzten Jahrzehnten immer komischer, da die Zeit allen Zeitungen davon läuft. Sie laufen ihr jaulend meilenweit hinterher.

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