Die schreckliche DDR

Der Graus wirkt fort in Pegida und teutschem Rechtsradikalismus, bis heute. Der spannende Thriller Joseph Kanons: „Leaving Berlin“, der von den schrecklichen Anfängen der DDR im Jahre 1949 handelt, erinnert mich an meine eigenen Erfahrungen in diesem grässlich faschistischen Staat, der sich als sozialistische Demokratie ausgab, dreißig Jahre später. Auch ich war damals in dem Lokal Möwe, das in den Anfängen um 1950 die Kantine des Kulturbundes war , der Kunst und Kultur als Hure der Partei dienstbar und gefügig machte. Meine damalige Freundin, die mich dahin führte, lernte ich bei dieser Gelegenheit unter ihrer Fassade der biederen Kulturdame und Tochter eines prominenten Schriftstellers ebenfalls als Hure kennen. Die Spitzel und Kulturschaffenden, oft in der Doppelrolle anwesend, machten mir durch ihre Andeutungen klar, dass sie es alle mit ihr getrieben hatten, als sie vor ein paar Jahren noch im Arbeiter-und Bauernland lebte und einige besuchten uns bald im Westen Berlins, wohin sie einreisen durften, dank ihrer Dienste für die allmächtige Partei. Auffällig war mir, dass sie selbst im Möwelokal, das sie als verwanzt und von Stasispitzeln frequentiert schilderten, sich keineswegs zurückhielten mit Schimpf und Kritik an den Zuständen im Schnaps und Kartoffelparadies. War das todesmutig? Nein, denn solch scheinbar freimütige Rede diente ihnen ja als Schlüssel, um feindliche Westler wie mich zum Reden zu bringen. Nicht selten ernteten sie mit solchen kritischen Redensarten auch bei westlichen Sendern und Verlagen Honorare, die ihnen ihre Auftraggeber niemals bezahlen konnten, und deshalb ihren erklecklichen Devisen-Anteil davon einheimsten. Diese Kooperation war gar nicht leicht zu durchschauen, zumal die sogenannte Kritik an Kunst, Film und Literatur im Westen das maliziöse Kriegs-Spiel entweder gar nicht erkannte oder es sogar mitmachte. In der heuchlerischen Atmosphäre im Möwe aber wurde mir das allmählich klar und ich drehte meine Strategie um, lobte und pries in schamlos übertriebener Weise den Staat, indem wir alle in Wahrheit als Gefangene und Erpresste die Gutgelaunten, fröhlichen Künstler mimten. Wie im Thriller Kanons. Ich interpretierte den Kitsch als große Kunst, den Kitsch, den ja keineswegs nur die Hauptschranzen Christa Wolf und Hermann Kant, letzterer ein Stasimann bis zuletzt, produzierten und ich tat so, als wäre es das größte Glück für uns im Westen, dass die größten Regisseure und Autoren der DDR unsere eigene Kulturwüste wieder ein bisschen bewässerten und zum Blühen brachten. Dazu brauchte ich nicht allzu viel Fantasie, unsere Medienvertreter hielten täglich solche Fürsprachen. Ein Herr Gaus, offensichtlich geschmiert und korrumpiert von den Honeckerschranzen, er ist nach seiner Fernsehkarriere auch noch Botschafter in der DDR geworden, und er sprach sogar von einer Diktatur mit kulturell hochwertigen, humanistischen Nischen, das ging alles durch. Die Kulturzeitung die Zeit ließ ähnlichen Schmonzes drucken. Denn wer wollte zu den vierschrötigen kalten Kriegern und Antikommunisten gehören? Walter Kempowski fiel diesem Irrsinn einer Politik zweimal zum Opfer, einmal drüben, wo sie ihn quälten, dann hier, wo man ihn darüber nicht klagen hören wollte. Denn das störte die neue falsche „Harmonie“.

Reich Ranicki,der allgemein bewunderte Literaturzampano und Fernsehclown rief sogar persönlich in Schweden an, um Christa Wolf für den Literatur- Nobelpreis zu empfehlen. Es herrschte vollkommene Verwirrung, die von einigen Stasileuten, überall im westlichen Kulturbetrieb eingebürgert, kräftig geschürt wurde. Joseph Kanon schildert diese Zustände schon in den Anfängen des stalinistischen Kerkers um 1949. Besonders die widerliche Hörigkeit und Unterwürfigkeit gegen die allmächtigen Sowjets hörte niemals auf. Ja, sie wirkt verdeckt bis heute fort, wenn wir die Putinfans in den neuen Bundesländern, aber auch die dauernden Appelle, ausgerechnet der Sozialdemokraten, hören, doch mit Russland zu reden und zu reden. Denn die Geschäfte müssen weiter gehen. Gleichgültig, welchen Schrecken der umgewandelte Zar in seinem Land, in der Ukraine, in Syrien und überall anrichtet, die Russen dürfen mit unserem Wegsehen und schlechten Gewissen rechnen; mit einem ewigen Bonus, den wir ihnen für den grausamen Hitlerismus entrichten. Das war der Geist auch im Möwe in den 80er Jahren noch, die kommunistischen Satrapen und Fürsten mögen Lächerliches und Grauenhaftes tun und sagen, – in Kanons Roman halten sie deutsche Kriegsgefangene als Sklaven im Erzgebirge, die vom Uran verseucht und todgeweiht im KZ dahin vegetieren- man meinte auch in den 80er Jahren noch, bei Spitzeln und Kritikern: Hinter und über diesen Völkermördern steht eben die Partei, die immer recht hat, die in einem vulgären pseudo- metaphysischen Sinne nicht nur zwei Augen, wie Brecht meinte, sondern tausend Augen hat. Diesen Sklavenglauben erlebte ich Anfang der 80er Jahre in Ostberlin noch, bei preisgekrönten Autoren, Filmschaffenden, Malern und Theaterleuten. Und ich wunderte mich damals schon und sagte es auch laut: wo bleiben die deutschen Satiriker, hüben und drüben der krasseste Mangel.

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