Die Liebe

Den Essay über die Liebe des spanischen Philosophen Ortega y Gasset habe ich vor 40 Jahren schon einmal gelesen und bewundert. Heute erst verstehe ich ihn. Elegant und mit Ironie weist er alle psychologisierenden Versuche über die Liebe zurück, allen voran die Kristallisationstheorie Stendhals. Chateaubriands Vorstellung der Liebe in dessen Roman Atala scheint ihm dagegen interessanter. Dieser Franzose, „unfähig zur Liebe, besaß die Gabe, wahre Liebe zu wecken“.
Doch die reifsten Begriffe der Liebe findet Ortega bei Augustinus und in Platons „Begierde, im Schönen zu zeugen.“ Wie der spanische Metaphysiker diese Idee Platons nun auslegt und mit anderen philosophischen Setzungen nuanciert und assoziiert, erweist nicht nur seinen philosophischen Feinsinn, sondern auch sein ungeheures Genie als Schriftsteller und Erzähler. Leider reicht meine Bildung nur soweit, um seinen Hauptgedanken zu folgen, aber bei weitem nicht aus, ihm in alle Nuancen und Winkel seines philosophischen Essays zu folgen. Die Liebe ist ein seltenes, und doch wo sie stattfindet, ein absolutes Ereignis, das die meisten sich einbilden und sich dabei mit allerlei Ausschmückungen und metaphorischen Aufladungen des Geschlechtstriebes vorlieb nehmen müssen. Ortega kommt hier zu einem treffenden Vergleich: „ Es geschieht hier dasselbe wie auf ästhetischem Gebiet. Die meisten Menschen sterben, ohne jemals einen echten Kunstgenuss erlebt zu haben. Aber man ist übereingekommen, den Kitzel, den ein Walzer, oder die Spannung, die ein Roman erregt, dafür anzusehen.“
Wie das Kunsterlebnis lügt man sich auch die Liebe aus Eitelkeit vor.“ So kennen und schätzen wir sie, ohne sie geschmeckt zu haben, und nehmen uns vor, sie auszuüben, als sei sie eine Kunst oder ein Beruf. (…) Solche Menschen müssen beständig im Zustand eingebildeter Verliebtheit leben. Sie brauchen nicht zu warten, bis ein bestimmtes Objekt ihre erotischen Kräfte löst; irgendein beliebiges dient ihnen.“

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