Tatort hoch zwei – wer bin ich?

Dieser Tatort hat endlich das Niveau einer modernen Filmerzählung erreicht. Er spielte mit den Fiktionen der Tatortherstellung und war dennoch spannender als gewöhnlich.. Ulrich Tukur spielte mit seinem Echtnamen die Hauptrolle. Es fing auch wie üblich fiktiv an, er war der Tatortkommissar, doch nach der ersten Szene der Spurenermittlung wurde die Fiktion unterbrochen, der Film im Film angehalten. „Kamera aus“. Eine Art „reale“ Tatortpolizei trat auf, im Filmteam kam jemand zu Tode, vermutlich war es Mord und Tukur, der Kommissar-Darsteller steht sofort unter dringendem Tatverdacht. Da er sturzbetrunken war und sich an nichts erinnerte, am wenigsten daran, dass er Auto fuhr und den zu Tode Gekommenen, den jungen Beifahrer und Assistenten, der kurz vorher im Kasino 80 000 € gewann, am Unfallort im Stich ließ und mit dem Geld abhaute, –das alles, vor allem dass er davon nichts mehr wusste und es nicht sein konnte also, das glaubte man dem verdächtigen Tukur aufs Wort. Auch dann noch, als er ausgenüchtert und schockiert von den Unterstellungen der „realen Tatortkommissare“ in seinem Hotelzimmer das Geld fand und nicht mehr wusste, woher es kam. Die Polizei sitzt Tukur im Nacken und auch die Gangster, die wissen, dass er das Geld hat , verfolgen ihn und rücken ihm auf den Leib. Tukur erzählt der Polizei nichts davon, da er jetzt in eine paranoide Situation gekommen ist und die Polizei außerdem für ihn wie auf den Zuschauer einen tölpelhaften, inkompetenten Eindruck erweckt. Diese Tatortkommissare besitzen nicht eine Spur von Glamour oder Stardust, wie sonst, die Tatorthelden. Nein, sie wirken trocken und hundsgewöhnlich wie die alltägliche Realität wie bei Aktenzeichen XY mit Rudi Cerne. Doch jetzt wird auf komödiantische Weise aufgeräumt hinter den Kulissen. Die Marotten, der Neid, die Allüren und Wichtigtuerei der Schauspieler, also die Realität scheinbar, hinter den Fiktionen, kommt brühwarm zum Vorschein. Die Charakter-Schwächen der Mimen, auch der Regisseure und anderer Mitglieder des Filmteams bilden das reale Unterfutter der Fiktionen, das nun streckenweise die Handlung dominiert. Wir geraten in das Labyrinth von Schein und Sein. Von Echtheit und Pose. Auch Martin Wuttke, der ehemalige Kommissar aus dem Leipziger Tatort tritt mit Echtnamen auf und zeigt sich von der schäbigsten Seite, die auch nur fiktiv und nicht ganz seine eigene sein kann, doch die eines realen Typus, den er glänzend darstellt. Damit zeigt er nebenher, dass wesentlich mehr Verwandlungs-Potential in ihm steckt, als er uns in dem gewöhnlichen Fernsehtatort als Kommissar Quoten-Star nur präsentieren darf. Ach, es gibt noch viele Seitenhiebe auf die Zurückgebliebenheit der Schauspielkunst im Fernsehen und wie wenig innovativ man dort ist und denkt, wegen der hündischen Anbiederung an die Quote. Es war ein Übertatort, ein Tatort als Reflexion auf alle Tatorte. Die Romantiker hatten diese Illusionsdurchbrechung, dieses ironische Spiel der Fiktionen einst bei Shakespeare gelernt und als erste auf der deutschen Bühne und in der Prosa durchexerziert. Schön und kaum zu glauben, dass der hessische Sender daran anknüpfen durfte und die üblichen Handelsware Tatort auf dieses Niveau hochhieven konnte. Ein Schauspielerfest dieser Tatort, mit enormer Spannung, denn man fahndete als Zuschauer ständig in den Fiktionen herum, wer diese Intrige wohl gegen den bis zuletzt schier unschuldig erscheinenden Ulrich Tukur gesponnen haben mochte; zumal seine Filmkollegen sich teils fies, teils kleinkariert oder nicht gerade nobel ihm gegenüber benahmen. Ganz am Schluss aber wird klar, dass der Mord keiner war, sondern ein Verkehrsunfall, der dadurch zustande kann, dass der Schauspieler Tukur durch unmäßigen Alkoholkonsum einen sog. Filmriss erlitt. Der gewissermaßen reale Tatortkommissar im Film, der kein Star sein durfte, und der Tukur den ganzen Film lang drangsalierte und nicht aus den Augen ließ, kam am Schluss in den sonnigen kahlen Verhörraum herein und bat den großen Schauspieler Ulrich Tukur um ein Autogramm für seine Nichte Beatrice. Eine letzte Pointe. Jetzt darf man gespannt sein, was die Quote will, ob sie murrt oder ob sie mitzieht bei dieser geistreichen Spielart, das Format Tatort endlich weiter zu entwickeln.

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