Unbekanntes Ereignis

337 tote Wale sind in Chile gestrandet. Sie weisen keine Wunden auf. Die zuständigen Wissenschaften erkennen den Fall als ein Rätsel. Der Mensch kann unmittelbar nichts mit dem Vorgang zu tun gehabt haben. Man glaubt an ein einziges Ereignis, das man als Ursache des Massensterbens annehmen müsse. Das Ereignis? Etwas ist geschehen von dem man nur weiß, dass es geschehen sein muss. In der Anonymität, in der Dunkelheit der Welt. Hier können nun die Mythologen, die Religionsstifter, die Esoteriker zu ihren Spekulationen ansetzen. Die Wissenschaftler haben noch nichts zu sagen und zu messen, da ihnen jedes Objekt fehlt. Auch sie müssen spekulieren, Rückschlüsse ziehen aus den Eingeweiden der totalen Wale, um zu überprüfbaren Hypothesen für die Zukunft zu gelangen. Man weiß nichts bisher, aber man kann jetzt einiges wieder glauben. Stammen die toten Wale noch aus der Zeit Noahs, denn er konnte sie wahrscheinlich nicht mehr in die berühmte Arche aufnehmen. Oder sind die Wale Zeugnis eines zornigen Unter-Wassergottes, der sich an einem unbekannten Rivalen in der Götterwelt rächen wollte.
Oh, die Poeten werden bald merken, dass hier eine Quelle für sie sprudelt. Sie würden endlich der Qual ledig , auf den Ich-Märkten ihr Inneres ständig neu aufhübschen und verkaufen zu müssen. Das Geheimnis der Nacktheit ist eh seit langem enträtselt, sie ist das letze Kleid des Menschen, auf das er nun alle möglichen Farben, Bilder und Texte tätowieren kann. Das ist die Kunst des Unterhaltungsromans, in die man nebenher noch alle möglichen Bildungsschätze verbringen und zur Schau stellen kann. Soeben ist ein Autor aus Norweger dabei, sein gesamtes Innenleben von Anfang an bis zu seinem jetzigen Dasein rücksichtslos auf den Markt zu werfen. Ein Rekord in 6 Bänden mit Tausenden von Seiten. Stoff: alleine sein Ich, allein mit seinem Ich, wie es überlebt, ohne Scham und Vornehmheit, und wie es von anderen geliebt und verbeult wird;- wie es mit sich selbst abrechnet und beichtet, wie es die Welt noch nie erlebt hat. Trotz Strindberg und all den berühmten Exhibitionisten der Welt-Literatur. Hier vor Chile, bei den toten Walen könnte der Verschleiß der Ich-Industien zu einem Ende kommen, die Fantasien aller Länder – neuen Atem schöpfen. Ein Ereignis, völlig unbekannt, an einem unbekannten Ort, das tatsächlich stattfand, fordert zu rituellen Übungen auf, dass es wie ein Wunder neu beglaubigt und erfunden werde, dem erhabenen Charakter des Vorganges natürlich würdig;- mit frischem Pathos, musikalisch neu ergründet. So schuf Poesie von Anbeginn an religiöse Bindungsängste.
Der tapfere Atheist aber wird sagen, was gehen mich die toten Wale an, in meinem Aschenbecher liegen auch ganz viele tote Zigaretten.

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