Mein Auto und ich

Mein Auto fühlt sich unter meiner Fahrweise, denk ich, oft nicht besonders wohl. Ich habe ständig das Gefühl: Entweder fahre ich zu langsam oder ich bremse zuviel. ich denke auch zu grobkörnig über den Motor nach, sehr wahrscheinlich. Ein Autoprofi, der ich, den Jahren nach, längst sein müsste, würde sicher viele Fehler bei mir finden. Ich liebe und pflege mein Auto zu wenig. Bei meinen Fahrten gehe ich oft Nebenbeschäftigungen nach. Ich sehe mich um, der Anblick anderer Verkehrsteilnehmer bringt mich ins Träumen, auch bediene ich ständig das Radio, um nach neuen Programmen zu suchen. Es ist ein Malheur mit meiner gesamten Lebensführung, immer wieder schieb ich kleine Pflichten vor mir her. Ich ereifre mich, komme in Rage wegen der vielen Ämter, die ständig etwas von mir erbitten, wollen, fordern. Auch die Kaufleute, die Verkäufer, die permanent meinen Account missbrauchen, die vielen Gesundbeter, die sich ebenfalls melden, um mir Mittel aufzuschwatzen, mit denen ich meinen Krebs sicher verhindern könnte, meine Prostatakrankheit aufhalten , meine Arthrose heilen. Usw. Auch die Kredithaie und die Sexindustrie melden sich täglich. Die Kommerzwelt wimmelt alle Stunden bei meinem Fenster herein. Das macht mich nervös, beschleunigt alle Augenblicke meinen Herzrhythmus, irritiert mich in meiner Lebensführung. Eigentlich wollte ich heute Nachmittag Schopenhauer lesen. Doch die Abwehrarbeit der hereindrängenden Außenwelt, die mich überschwemmen will, gibt mir immer zu denken. Wenn doch die Verkäufer etwas origineller wären, nicht so scheißfreundlich lächelten dauernd. Und ganz schlimm die Telefonmiezen. Aber genug, jeder kennt das, der sich auf den elektronischen Fortschritt einlässt. Ihn mit- oder nachschreitet. Ich stelle mir vor, ich liege irgendwo im Ausland auf einer Wiese, vor einem schönen gemieteten Haus. Kein Verkäufer, kein Amt dringt an mein Ohr. Die Außenwelt ist abwesend, es ist still. Gottlob hab ich auch mein Auto dabei, das links auf dem Weg vor dem Haus still wartet. Hin und wieder fahre ich in die nahe, süße Stadt. Besuche ein Cafe, das Kino oder ein Museum. Ich stecke in keinem Tagesgeschirr mehr. Die kleinen Pflichten habe ich auf Monate verschoben, bin im Urlaub, sagte ich ihnen, über die größeren Pflichten denke ich jetzt, allmählich gelassener werdend, nach. Es dauert Tage, bis ich das falsche Tempo in meinem Kopf, in meinen Gliedern abschütteln kann .Von hier, dem kleinen Garten aus, schaue ich zurück, und bald schon wandern meine Vorstellungen in eine andere bessere Tonart hinüber.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s