Bloggersorgen

Eine Bloggerin erzählt mir: „ Literatur, ( die sie übrigens E-Literatur nennt,) sei viel zu sehr Nischenthema“, mit dem man kein Geld verdienen kann. Außerdem: käme Geld ins Spiel, begännen sofort die Zwänge. Solche will sie bei ihrem Bloggen nicht verspüren. Bloggen ist für sie Free-Style. Andererseits versteht sie ihre Blogs als ihre Visitenkarte, sagt sie, ohne die Zwänge zu erwähnen, die doch gerade bei einer Visitenkarte sehr deutlich zum Vorschein kommen. Ständig muss man in den Spiegel schauen, ob man augenblicklich noch so aussieht und schreibt, wie man nach außen hin im Blog erscheinen will. Ist das nicht auch ein Kreuz?
Ein anderer Blogger sagt mir, dass ein Problem des Literaturblogs das Entertainment sei. „Unter den Literaturbloggern dürften sich nur wenige geborene Entertainer finden, dafür weit mehr Talente zum Dozieren. Doch wer als Blogger erfolgreich sein will, muss primär unterhalten können, muss überraschend und amüsant sein, nicht belehrend und idealerweise telegen. – Die Ausnahme des „unterhaltsamen Dozenten“ kann es geben. Ein paar Literatur-Blogger könnten über Videoformate und ihren persönlichen Stil so unterhaltsam sein, dass sie eine ausreichend große Fangemeinde aufbauen, die ihnen diverse Einnahmen ermöglicht. „ Die Literatur müsste als Blog also in das Glitzer-Format Entertainment eingebunden werden. Oder die Blogger müssten sich als Spaßverkäufer coachen lassen. Nein, der Kulturraum sei für Literaturblogs viel zu eng, sagt dieser Blogger Brasch. Im Englischen wäre das eher möglich, mit Blogs Geld zu verdienen. Doch auch unter englischen Blogs sei das bisher selten. Auch ihm dient der Blog also einzig als Visitenkarte, „um sich in der Literaturbranche für manch honorierte Aufgabe zu empfehlen“.
Der Blog ist also eine Passform der Werbebranche. Ich ahnte das schon, gerade weil ich seit langem mein Augenmerk auf die Übergänge richte, zwischen Medienjargon und Werbespeech. Auch in jene seriöse Firmen, die ständig ihre sog. Kommunikation hochalten, dringt unversehens viel semantischer Abfall aus jener Speech ein. Ich gebe ein Beispiel, soeben kündigt mir der Zsolnay Verlag eine ungeheuer schöne Autorin an, die auf dem Foto, mit der Hand schreibend, sogar noch raucht. Gut, sie ist 2003 bereits gestorben, und konnte sich zuletzt an das Rauchertabu von heute nicht mehr gewöhnen, wahrscheinlich. Aber ihr autobiografischer Roman trägt dafür den topaktuellen Titel: „ Ich bin eine freie Frau“. Klingt das nicht irre zeitlos? Und sie hat es anscheinend geschafft. Das hören, außer dem Neid vielleicht, alle Menschen gerne. Ein Menschheitsziel. Der Verlag behauptet nun auch noch: Der Text sei ein Text, „ der durch seine stilistische Brillanz ebenso besticht wie durch absolute Klarheit und Ehrlichkeit.“ Damit ist alles gesagt, man braucht das Buch kaum noch zu lesen, denn welche Kleinigkeit in dem Buch könnte es mit dieser Aussage, diesem dreifachen Rittberger der Klarheit, der Brillanz und der Ehrlichkeit noch aufnehmen? Aber vielleicht? – fällt mir gerade ein: Für die BRIGITTE könnte ich einen Blog schreiben, in dem ich (unter weiblichem Pseudonym natürlich) diese Hammerqualität eines Buches direkt in die Geschichte der allgemeinen Frauenbefreiung einordne und ganz oben, ganz hoch bewerte. Dann hätte ich einen Literaturblog verkauft und nicht nur als Visitenkarte missbraucht. Aber lohnt sich der Aufwand in weiblicher Tarnung in die BRIGITTE einzubrechen? Ich geh mal nachsehen, was die für 200 Zeilen etwa bezahlen.

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