Fremde werden Deutsche- vice versa

Identität — das Wort liegt wie ein nasser Putzlappen auf allen Trittbrettern herum, und nicht nur da. Überall. Das Wort hat den Leser zu Max Frischs Zeiten nobilitiert. Er redete nämlich dauernd von Identität, ich erinnere mich an meine damals schicke Deutschlehrerin, die Frischs „Stiller“ bis auf die Skihütte hinauf schleppte und uns das Wort dort wie ein Heiligtum präsentierte. Man wirkte intellektuell damit, deutete unwillkürlich an, dass man viel über das Leben und die Welt nachdenke. Jedenfalls viel mehr als die Millionen Dutzendmenschen. Heute ist das Wort ein Gassenhauer, das jeder Metzgerlehrling, jede Wurstverkäuferin braucht, um sich bei facebook einen schlanken Fuß zu machen. Also gar nichts Besonderes mehr, auch die Werbefuzzis reden unentwegt von nichts als Coporate Identity, ohne die kein Euro und kein Dollar mehr ins Rollen komme.
Man hat das Wort völlig ausgetreten, es gebiert kaum noch einen lebendigen Sinn. Es lümmelt in allen Szenen herum. Besonders jetzt, da die Fremdheit wieder zum aktuellen heißesten Thema geworden ist. Ähnlich wie die Frage: wohin flieht der Flüchtling, wo kommt er an, wie kommt er durch? Natürlich braucht auch er eine Identität, die er nicht verlieren darf, trotz aller Mühen um seine Integration. Identität ist auch ein beliebtes Frauenthema, unter Frauen boomt dieser Begriff wie nie zuvor, auch Kinder sollten bald eine Identität bekommen, dass sie nicht in rauen Scharen zu den Salafisten überlaufen. Die Eltern haben mit den jungen Gotteskriegern und Konvertiten einfach zu wenig über ihre Identität geredet, sagen die Sozialpädagogen. Und so konnten sie sie wechseln wie ihre Hemden. Der Voll-Bart und die Burka gehören dazu, zur Verstellung, und natürlich die unfassbar infantile, platte Träumerei vom Paradies. Die Vaterlosen stürmen Allahs Thron und werfen sich im Himmel noch in den Staub. Diese jungen Dummköpfe haben ihre Identität gewechselt, die sie gar nicht kannten. Man hat sie ihnen gestohlen. Hier kommt der Dichter Botho Strauß aufs Tableau, er beklagt nämlich selbst, ja an und für sich der „letzte Deutsche“ zu sein. Auf diesem verlorenen Posten harre er aus, bis an sein Ende. Niemand außer ihm, der bis heute sehr viel und zwar täglich mit den Ahnen verkehrt, wisse überhaupt noch, was deutsch sei, was es bedeutete, wozu Deutschsein verpflichte und was es verheiße, alles weg. Den bekannten Bach , Richtung Orkus, hinab. Unwiderruflich?
Nein, der Botho Strauß übertreibt, steigert sich in seinen Schmerz hinein seit Jahrzehnten, um ein Mahner, ein poetischer Alarmist, ein letzter deutscher Prophet zu werden. Diese Planstelle haben ihm die Medien inzwischen längst reserviert. Er könnte die Monstranz der Identität überall herum und hinein tragen, täglich im Fernsehen erscheinen, federleicht Megastar auch im Netz werden, aber das verweigert er, das gehörte nicht zur Identität des „letzten Deutschen.“
Dennoch: Die deutsche Frage wird m.E. wieder auftauchen und zwar kurz bevor sie völlig verschüttet zu sein scheint, und wie der wahre Prophet Hölderlin es uns geweissagt hat. Wohl dem Deutschen, der dann einen echten Deutschlehrer hat, denn das Bedürfnis der Deutschen, „echt deutsch“ noch einmal und endlich zu lernen, wird ein Massenevent werden. Der Mangel an kompetenten Lehrkräften wird nur- wie übrigens im späten Rom- notdürftig durch die Migranten behoben werden können.

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