Ds Wort, das trifft

Das Wort das trifft,zum richtigen Zeitpunkt,ist wohl das Schwerste und Wirkungsvollste, das sich denken lässt. Wörter, die treffen und zutreffen auch, bewegen die Welt. Ihnen laufen die Bilder nach und übertreffen sie im Nachhinein manchmal sogar. Warum ich das weiß und warum Sie mir das glauben können? Nun, mein Titel als promovierter Germanist mag ein kleiner Hinweis sein. Doch viel wichtiger ist, dass ich bis heute bei den großen deutschen Schriftstellern und Denkern in die Lehre gehe. Wenn es geht, täglich. Im Deutschen lernt nämlich keiner aus. Ich besitze deshalb auch eine große Sammlung bedeutender origineller Wörterbücher, wie das von Jakob und Wilhelm Grimm. Diese Quelle springt und rauscht ewig. Aus ihr erfahre ich zum Beispiel, dass das Wort ‚Rede‘ ohne deutschen Verwandtenkreis da steht, völlig vereinzelt. Wahrscheinlich ist es eine Entlehnung aus dem Lateinischen. Die Grimms vermuten, dass die Germanen das Wort von römischen Händlern bekommen haben, die es synonym mit ratio gebrauchten. Rede ist ursprünglich die Rechnung, „ die in bezug auf ein geldgeschäft gestellt oder abgelegt wird.“ Rede geben, Auskunft geben, Rede stehen, weitere Ableitungen des Wortes aus den Handelsangelegenheiten. Usw. so entwickelt sich die Rede übers Hochmittelalter, übers Luthertum, bis hinauf zu Schillers Wort:
„ wenn gute Reden sie begleiten
dann fließt die Arbeit munter fort.“
Die gute Rede beflügelt die Arbeit. So hat jedes Wort seine Geschichte, die in ihm fortlebt, anwest. Die geschichtsvergessene Aktualisierung der Wörter im heutigen Betrieb, wirkt deshalb so schwach und oft so flach. Man schneidet den Wortgebräuchen ungewollt den Vorhof der Bedeutungen ab, verstümmelt sie. So trifft kein Wort mehr gänzlich zu.
Noch ein Beispiel aus der Sprachgeschichte. Welches wissenschaftliche Rhetorik-Sachbuch überträfe je die Devise Schopenhauers: „ Gebrauche gewöhnliche Wörter und sage damit das Ungewöhnliche.“ Das ist ein solches Wort, das den Kern der Redekunst trifft und mit einem Satz enthüllt. Die Sprache birgt sämtliche Möglichkeiten des Denkens und Vorstellens. Es gibt in ihr keine Hierarchien und Gesellschaftsränge, wie wohl sie viel davon zu erzählen weiß. Natürlich wurde die Sprache immer auch geschunden und verbogen. Doch dergestalt hat sie keine Kraft, überzeugt sie nicht und überredet nur schlecht.

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Tatort Kiel (ard)

Diesmal war der Tatortkrimi zeitweise spannend,jedoch schauspielerisch schlampig gemacht. Der Zuschauer hatte den irren Täter von Anfang an im Visier. Seine Handlungen als Frauenmetzger sind in der Tat irre zu nennen, sonst jedoch war alles normal an ihm- Ein gewöhnlicher Sterblicher, der sich als schlechter Mensch fühlte, der aber doch auch ein guter Mensch sei. In dieser Selbstlüge, die ihn bedrückte, bestand schon sein ganzes Irresein. Die sentimentale Ader für Kinder, die ihn zunächst noch menschlicher erscheinen ließ, bekam freilich wieder einen Stich ins Makabre, als er das Baby seiner psychisch kranken Geliebten aus ihrem Bauch herausschnitt, sodass diese, einem Kühlschrank am Strand entsteigend, bald schon verbluten musste. Dennoch, nichts an der Rolle des Frauenmörders war annähernd so interessant, so schrecklich wie seine Taten. Man nahm ihm diese niemals ab.
Auch Milberg, der Publikumsliebling, lieferte seinen Kommissar Borowski bloß wie gehabt, sehr routiniert ab. Keine Geste, keine Nuance war anders, als man sie schon lange aus seinen unzähligen Filmrollen im Fernsehen kennt. Und das obwohl wir ihn dieses Mal als frisch Verliebten kennen lernen sollten. Doch seine Verliebtheit wirkte hölzern, unglaubhaft normal, hatte nichts Außergewöhnliches an sich, etwas an Milberg bisher nie Gesehenes. Anders das Objekt seines Begehrens, die hübsche Angebetete versprühte beinah so etwas Anmutiges wie einen Jungmädchencharme, dem Milberg außer seinen Beteuerungen, dass er sie sehr sehr liebe, nicht entsprechen konnte. Seine Heiratspläne wurden plötzlich erschüttert, als er ahnen musste, dass seine geliebte Frieda vom gesuchten Frauenmörder Kai Korthals entführt wurde. Es war für ihn plötzlich Ehrensache, dass er den Fall ganz allein, ohne seine Mitarbeiter im Krimi-Büro lösen sollte. Das fiel ihm umso leichter, als der Verbrecher in seine Wohnung eindrang und ihn mit der Pistole bedrohte. An dieser Stelle spielte Milberg seine psychologische Kompetenz als Kriminaler aus und überwältigte mit einem Trick den Schurken. Er versuchte vergeblich aus ihm herauszupressen, wo er seine geliebte Frieda gefangen halte. Jetzt wurde der gefesselte Irre und Mörder auch noch frivol, er provozierte Borowski und log, dass er Frieda gar nicht vergewaltigen musste, da sie sich ihm freiwillig hingegeben habe. Und grinste. Jetzt sah der Zuschauer in Milbergs finsterstes Gesicht, bevor er zuschlug und sich am dem Mistkerl abreagierte. Das war es, es gab noch ein paar hinzugefügt spannende Momente, einen Unfall, der Schurke entkam, Borowski fing ihn wieder ein. Aber man wusste längst, dass alles gut ausginge, Frieda gefunden und gerettet würde. Auch auf den sentimentalen Schluss war man nicht mehr scharf. Denn Milberg als Verliebter, das war eh nur die Behauptung auf seinem Rollenpapier. Aber so fragwürdig und schal der Plot inzwischen geworden war – hätte man ihn schauspielerisch anspruchsvoller und sogar ernst genommen, dann wäre daraus vielleicht ein halbwegs guter Film noch geworden… .So aber —-

Falco- tragischer Star

Gestern sah ich bei arte die halb mythische Figur des Falco. Ich konnte mit seiner Musik nie viel anfangen, aber jetzt sah ich, wie zielstrebig, mutig und zäh dieser Mann Popstar werden wollte, wie er alles auf diese Karte setzte und wie er es schließlich geschafft hat. In sehr kurzer Zeit verkaufte er 7 Millionen Platten weltweit. In den Charts, in Amerika kam er nach ganz oben, auch in Frankreich war er ein Star, der über Nacht da war und ich sah,wie er schließlich inmitten seines Triumphs zerbrach. Dieser unbedingte Wille, diese Besessenheit, diese dauernde Ekstase war der Bogen, den er überspannte und alkoholisiert in einen Bus hineinfuhr, um zu sterben. Der Alkohol und die Drogen, die er brauchte aus Angst vor sich und der Welt, die er scheinbar erobern konnte, betäubten ihn und zerrütteten seine Vorstellungskräfte. Der Reichtum und der Luxus, den das einstige vaterlose Proletenkind erreichte, ließ ihn für ein paar Stunden Genugtuung erfahren, er hat es der blöden Welt wirklich gezeigt, die ihn dennoch ruinierte und auf die Irrfahrt in den Abgrund zwang. Er war ein großartiger Performer seiner selbst, die Ikone seiner Ego-Träume, elegant und rebellisch, romantisch und nihilistisch. Er fand seine ureigene Form, verzweifelte aber an der Leere seiner Message. Sie war nur schön-schräg,grotesk daneben. kurios, aber die trug nicht weiter als ein Gag, erlosch wie eine Sternschnuppe, sehr schnell. Falco, ein herzzerreißender Schrei, ein Tragödienheld. Man sollte ihm endlich ein Musical widmen.

Die Geschichte ist eine Lüge

Sie reden alle durcheinander, damit ein Konsens hergestellt werden kann. Dieser Konsens, sagen andere wieder und immerzu, bestehe doch schon längst. Darin befänden sich doch unsere Werte. Die Flüchtlingsfrage dürfe im Bestehenden, Feststehenden unserer Ordnung keine totale Verwirrung stiften. Diese unsere Grundordnung dürfe man doch nicht mit Chaos verwechseln. Prof. Münkler plädiert jetzt angesichts der Terrorgefahr sogar für eine „mürrische Indifferenz“ bzw. für eine „heroische Gelassenheit“. Dieses Oxymeron sei dem Volke jetzt beizubringen, das ist gewissermaßen eine mentale Methodik, die Anschläge und den Schrecken einfach zu ignorieren und in den Köpfen verschwinden zu lassen. Einfach so zu tun, als wäre nichts weiter, nichts Großartiges geschehen. Dieser Münkler ist nicht nur Professor für Politik, sondern auch Politikberater. Wäre es nicht an der Zeit, ihm auch noch eine Professur für Volkspädagogik anzutragen?
Doch keine Frage: Die Frage nach der Wirklichkeit ist wieder aufgebrochen, das ist ein Riss quer durch Europa, den man jetzt mit viel Gerede und schaulustigen Argumentationen, die wie Litaneien klingen, zudecken und zukleben will. Denn so sagen es viele unserer Beamten und Bedenkenträger: Wir können doch nicht schon wieder fragen, wer wir sind, oder uns mit Fragen aufhalten, wie: sind wir postheroisch gesinnt? Tatsächlich? Hat die Friedensbewegung uns alle verändert? Solche groß tönenden Fragen. sind sie nicht selber fragwürdig? Freilich, wir können darüber reden. Reden tut gut, sagen die Psychologen, die Demokratie hat viele Rednerbühnen, meistens ausverkaufte sogar. Deshalb: wir brauchen ein Ergebnis, nicht erst am Schluss, ein Ergebnis, ein Ziel, das die heimliche Frage: wie wollen wir eigentlich leben? Wieviele Fremde wollen wir aufnehmen? nicht vollkommen aushebeln darf. Außerdem, im Augenblick muss diese Frage zunächst warten, denn unsere Regierung will zuerst das Chaos im Nahen Osten löschen helfen, aus Solidarität mit den Franzosen. Wir müssen mit viel Geld und sogar mit Tornados und viel Militär helfen, die zerfallenen Staaten Irak, Libyen, Syrien usw. neu aufzubauen. Nota bene: Nicht von außen, sondern mit viel Geduld und im Interesse unserer eigenen Sicherheit. Das klingt hochgemut und fast unglaublich, deshalb bin ich dankbar, dass mir ein Chefredakteur der Süddeutschen erklärt, wie das alles gehen soll. Er schreibt, wir bauen zur Zeit mit an einer politische Bühne in Wien. Für die entsprechenden Rollen können sich die verschiedenen Gruppen und Parteien jetzt schon bewerben. Er stellt das dar, wie eine Vorbereitung zu einer globalen Premierenfeier. Ich stelle mir vor, wie auf dieser Bühne im 1. Akt die Staatchefs Frankreichs, Englands und auch Deutschlands vor der Luxussuite Putins antichambrieren und ihre Geschenke für den Zaren in hohem Schillerschen Pathos rechtfertigen und untereinander besprechen. Natürlich sind inoffizieller Weise auch elegante und sehr gut geschulte Damen dabei, die die drückende Atmosphäre im Vorzimmerbereich der Macht beleben und erleichtern h… Helfen, mir fällt gerade auf, ich gebrauche jetzt schon zum dritten Mal das Wort helfen. Was ist geschehen? Sind wir eine Gesellschaft der Helfer geworden?
Im Drama auf der politischen Bühne aber geht es um den Sturz des bösen Schurken. Assad muss stürzen oder meinetwegen fliehen in ein bequemes sicheres Exil. Wer spricht das Schlusswort im Epilog im Waffenstillstand. Natürlich, die Deutschen helfen sofort beim Aufbau neuer Verwaltungsstrukturen. Staaten werden neu aufgerichtet. Flüchtlingsmassen kehren zurück in ihre einstige Heimat. Bei uns stellt sich nach und nach der alte Konsens wieder ein, die vielen Redner verschwinden wieder und gehen ihren alten privaten Steckenpferden nach. Aber wer spricht auf der politischen Bühne das Schlusswort im Völker-Drama? An diesem Text arbeiten sehr viele Experten zur Zeit. Religiöse Symbole sind zu vermeiden, auch soll keinem Gott gedankt werden, wegen der Empfindlichkeiten und äußersten Vulnerabilität der Konfessionen und religiösen Fanatiker.
Wenn wir dieses utopische Ziel erreichen, brauchen wir nicht mehr viel über uns reden, sondern können einfach weiter machen. Ausgehen, Rockkonzerte und Fußballstadien bevölkern. Darum geht es, das sind unsere Werte. Geschichte ist die Lüge, auf die man sich einigen kann, sagt Voltaire sinngemäß. Hat er schon wieder recht?

Bloggersorgen

Eine Bloggerin erzählt mir: „ Literatur, ( die sie übrigens E-Literatur nennt,) sei viel zu sehr Nischenthema“, mit dem man kein Geld verdienen kann. Außerdem: käme Geld ins Spiel, begännen sofort die Zwänge. Solche will sie bei ihrem Bloggen nicht verspüren. Bloggen ist für sie Free-Style. Andererseits versteht sie ihre Blogs als ihre Visitenkarte, sagt sie, ohne die Zwänge zu erwähnen, die doch gerade bei einer Visitenkarte sehr deutlich zum Vorschein kommen. Ständig muss man in den Spiegel schauen, ob man augenblicklich noch so aussieht und schreibt, wie man nach außen hin im Blog erscheinen will. Ist das nicht auch ein Kreuz?
Ein anderer Blogger sagt mir, dass ein Problem des Literaturblogs das Entertainment sei. „Unter den Literaturbloggern dürften sich nur wenige geborene Entertainer finden, dafür weit mehr Talente zum Dozieren. Doch wer als Blogger erfolgreich sein will, muss primär unterhalten können, muss überraschend und amüsant sein, nicht belehrend und idealerweise telegen. – Die Ausnahme des „unterhaltsamen Dozenten“ kann es geben. Ein paar Literatur-Blogger könnten über Videoformate und ihren persönlichen Stil so unterhaltsam sein, dass sie eine ausreichend große Fangemeinde aufbauen, die ihnen diverse Einnahmen ermöglicht. „ Die Literatur müsste als Blog also in das Glitzer-Format Entertainment eingebunden werden. Oder die Blogger müssten sich als Spaßverkäufer coachen lassen. Nein, der Kulturraum sei für Literaturblogs viel zu eng, sagt dieser Blogger Brasch. Im Englischen wäre das eher möglich, mit Blogs Geld zu verdienen. Doch auch unter englischen Blogs sei das bisher selten. Auch ihm dient der Blog also einzig als Visitenkarte, „um sich in der Literaturbranche für manch honorierte Aufgabe zu empfehlen“.
Der Blog ist also eine Passform der Werbebranche. Ich ahnte das schon, gerade weil ich seit langem mein Augenmerk auf die Übergänge richte, zwischen Medienjargon und Werbespeech. Auch in jene seriöse Firmen, die ständig ihre sog. Kommunikation hochalten, dringt unversehens viel semantischer Abfall aus jener Speech ein. Ich gebe ein Beispiel, soeben kündigt mir der Zsolnay Verlag eine ungeheuer schöne Autorin an, die auf dem Foto, mit der Hand schreibend, sogar noch raucht. Gut, sie ist 2003 bereits gestorben, und konnte sich zuletzt an das Rauchertabu von heute nicht mehr gewöhnen, wahrscheinlich. Aber ihr autobiografischer Roman trägt dafür den topaktuellen Titel: „ Ich bin eine freie Frau“. Klingt das nicht irre zeitlos? Und sie hat es anscheinend geschafft. Das hören, außer dem Neid vielleicht, alle Menschen gerne. Ein Menschheitsziel. Der Verlag behauptet nun auch noch: Der Text sei ein Text, „ der durch seine stilistische Brillanz ebenso besticht wie durch absolute Klarheit und Ehrlichkeit.“ Damit ist alles gesagt, man braucht das Buch kaum noch zu lesen, denn welche Kleinigkeit in dem Buch könnte es mit dieser Aussage, diesem dreifachen Rittberger der Klarheit, der Brillanz und der Ehrlichkeit noch aufnehmen? Aber vielleicht? – fällt mir gerade ein: Für die BRIGITTE könnte ich einen Blog schreiben, in dem ich (unter weiblichem Pseudonym natürlich) diese Hammerqualität eines Buches direkt in die Geschichte der allgemeinen Frauenbefreiung einordne und ganz oben, ganz hoch bewerte. Dann hätte ich einen Literaturblog verkauft und nicht nur als Visitenkarte missbraucht. Aber lohnt sich der Aufwand in weiblicher Tarnung in die BRIGITTE einzubrechen? Ich geh mal nachsehen, was die für 200 Zeilen etwa bezahlen.

Vor dem Kriege- Stimmungen und Sprüche

Wir haben ein Problem, die deutsche Regierung sieht sich gezwungen, ihren starken Worten Handlungen folgen zu lassen. Sie genießt das Privileg als deutsche Repräsentantin auf ihre immerzu jüngsten Geschichtswunden hinzuweisen und sich die scheinbar noch erträglichste Rolle für das Massaker auszusuchen. Sie übernimmt die technologisch modernste Aufklärung mit den Tornados. Man weiß ja, wie die Berserker des IS mit besiegten Piloten verfahren. Die Orgien ihrer Grausamkeiten kennen keine Schamgrenzen. Sie müssen ausgerottet werden, sie tun es nicht anders.
In Frankreich weht inzwischen an jedem Haus die Nationalflagge. Das „ewige Frankreich“ darf nicht untergehen, wo es in Wahrheit doch längst mitten in der Jetztzeit gelandet ist. In Amerika brüllt das Trampeltier, das der nächste Präsident werden will, schon seinen garstigen Traum ins Land. Er will den Islam ganz verbieten und vertreiben, also alle Moscheen sofort schließen. Obama aber will die mörderische Stimmung mit Geduld durchwachen. Die Stimmung schwankt noch in Amerika, indessen Marine Le Pen sich siegesgewiss fühlt. Die Software der Regierung Hollands sei überholt, das zeige die Situation jetzt jedem Franzosen. Klar: Die französischen Rechten waren schon immer kriegsbereit.
In der Bundesrepublik dagegen führen noch die Bedenkenträgerinnen und –Träger die Gespräche an. Jürgen Todenhöfer läuft zur Hochform eines Propheten auf. Seiner Vision nach haben wir das ganze Problem allein den Amerikanern zuzuschieben. Sie hätten den ganzen Terror erschaffen? Andere fordern wiederum, die Saudis endlich auf die Anklagebank zu setzen. Sie, die dicken Ölscheichs, seien die wahren Verursacher. Sie hätten den schönen märchenhaften Koran zur Kriegs-und Hinrichtungsfibel umfunktioniert und gefälscht. Sie seien die Wurzel des islamistischen Terrors in der Welt. Die Welt-Deutungen überschlagen sich zur Zeit. Der Orientkenner und Kriegsexperte Peter Scholl Latour fehlt, er ist zu früh gestorben. Er hätte uns jetzt einiges erklären können. Schade.
Dennoch: Leichte, schüttere Erleichterung ist bei uns noch spürbar, denn wir sind zwar klar dafür, auch werden wir mitmachen sogar im sog. Krieg gegen das Böse, aber es ist gut, dass wir wenigstens nicht direkt Bomben abwerfen müssen. Man erkennt, Verachtung ist nicht Hass. Wir können diesen Feind IS noch nicht genügend hassen. Wir sind noch nicht kriegsmotiviert. Unser Feuilleton hat die passende Tonart noch nicht gefunden. Wir verachten diese Schweinerei der Barbaren vollkommen. Natürlich. Vollkommen, aber man kann nicht sagen von Herzen, denn die Verachtung drängt nicht nach Ausdruck. Sie schweigt nur. Aber diese Stimmung wird nicht lange halten, bald werden wir erfahren, wie barbarisch sich der IS verteidigen will. Wie grausig er angreift, haben wir gesehen. Wie er sich verteidigt, wird noch grausiger sein. Ich kann das Bild nicht vergessen, wie die Elitesoldaten Saddam Husseins, die jetzt beim IS sind, die Tapferkeitsaufgabe bestehen mussten, einen großen, scharfen Hund in Stücke zu reißen und diese anschließend zu verspeisen. Mit dieser Sippe möchte sich kein zivilisierter Mensch bekannt machen. Genau das aber ist nun die quälende Drecks-Aufgabe der französischen und britischen Piloten und Soldaten. Denn es geht nicht mehr nur um Abwehr, sondern um Angriff auf die Sadisten, ja, um ihre Vernichtung. Man sieht, an diesem Krieg ist kein religiöser Opfer-Funke mehr erkennbar, Humanität scheint überflüssig. Es ist jetzt schon furchtbar in der Vorstellung, was auch uns noch blühen wird. Der harte gordische Knoten der Geschichte wird wieder sichtbar.

Es droht Krieg

Sobald eine große Gefahr droht, bringen sie, die zur Abwehr bestellt sind, kein echtes Ereignis hervor, das die Gefahr bannte. Wie damals Oberst Wegener von der GSG 9, der Held von Mogadischu. Nein, sie erschrecken jetzt wieder und ziehen sich auf alte Regeln und Gesetze zurück, die sie verstärken noch und verschärfen. Sie greifen in die Mottenkiste geschichtlicher Erfahrung im kalten Krieg, dessen historische Qualität sie anpreisen. Das ist Rückzug, sind Ausreden, ist Zurückweichen vor der Gefahr; und man sieht es ja auch. Sie beißen auf die Zähne und geloben, wir leben weiter wie gewohnt, unsere freie Lebensart dürfen wir niemals aufgeben. Treueschwüre für eine Lebensart, deren Wesensmerkmale niemand so recht kennt. Tatsache ist, die Züge nach Brüssel waren heute nicht einmal halb voll. Auch der Flughafen wie verwaist. Auch in den Straßen von Paris, kein Hochbetrieb wie sonst üblich. Es ist augenscheinlich, dass der Staat zurückweicht, dass er kein Konzept für einen Angriff im Ärmel hat. Nicht nur im Militärischen, auch sonst kein Konzept, keine Kriegslist, kein Angriff im Internet. Auch da nur Verteidigung. Unserer Abwehrleute, die unser stürmisches Temperament verhungern lassen. Vorsicht, jetzt bloß keinen Fehler machen, so hören sie sich an. Als ob ein Krieg nicht eine ganze Fehlerkette wäre, die hoffentlich in einen anderen Zustand führte. Die Abwehrleute der Politik und der Justiz mauern, sie rechtfertigen sich. Sie betonen die historische Brennschärfe der Situation, die Einmaligkeit der Gefahr, die so bisher niemals bestanden hätte. Ein forscher Trugschluss. Die Medien verstehen es indessen, aus dieser Farce der müden Leute viel,viel Wind zu machen. Es ist auffällig, wie theatralisch der Ernst mehr gespielt scheint, denn begriffen wird. Präsident Gauck wirkt wie in einem alten Schwarzweiß-Film. Mit Hans Albers als bbetrunkener Matrose im Hintergrund. Das ist die größte Gefahr. Wir posiern, als wäre heute wieder gestern. Das ist Kapitulation vor dem Krieg und gegen den Krieg. Uniformierte überall, sie zeigen sich betont bürgerfreundlich, bürgernah, wie man sagt. Soldaten und Bürger grübeln darüber, wo die nächste Explosion ungefähr stattfinden könnte. Die Gefahr ist zu abstrakt, als dass sie sofort Panik auslöste, aber sie zermürbt, erschüttert die Nächte, der Alptraum, Du könntest das nächste Opfer sein. Solche Sorge verfinstert die Gemüter, auch den Alltag, den hoch gelobten. Der doch als Krone unsere Lebensart getragen hatte. Welch ein Kitsch, Leute, es ist doch Krieg.