Tanzmassaker für die Bürgergesellschaft

Das bürgerliche Feuilleton der FAZ, vertreten durch die furchtlose Irene Bazinger, würdigt heute den 75 jährigen Bürgerschreck und Alt- Revoluzzer Johann Kresnik, der wieder einmal die Barbarei der realen Welt auf die Tanzbühne holte, in seiner Fassung der 120 Tage von Sodom, nach dem Maquis de Sade und Pier Paolo Pasolini. Wieder werden auf offener Bühne nackte Sexsklaven sodomisiert, gefoltert, vergewaltigt und kastriert aus Protest gegen die reale Welt, wo Kapitalisten, Klerus, Justiz und Militär nach wie vor ein namenloses Grauen anrichten, wie es hier in diesem abgebildeten Schreckenstheater von Kresnik wie schier 1 zu 1 nachgebildet wird. Das bürgerliche Publikum mag sich so bei der eigenen Lust an der Grausamkeit ertappen. Doch das gelinge nicht ganz durch die drastische Kunst, meint die Bazinger, denn man schotte sich durch die permanente Brutalität und Gewaltdarstellung vor der Erschütterung schon bald ab und es stumpfe das Publikum auch ab, wenn eine der widerlichsten Perversionsszenen etwa darin gipfele, dass ein Bischof sich von einer ordinären Puffmutter ins Gesicht furzen lasse. Doch erkenne und würdige das bürgerliche Publikum am Ende doch die hehre Absicht Kresniks, über all die Schweinereien und Sadismen nicht etwa den Vorhang des Verdrängens, sondern das grelle Blendlicht der Aufklärung walten zu lassen. Kresnik  füge  sich nicht ins System ein, er will es erledigen, schreibt die Bazinger. Das Publikum nehme bereitwillig das Leiden auf sich, das ihm Kresnik aus aufklärerischer Mission und für einen guten Zweck auferlege. „Kein einziges Buh war zu hören“, an der Berliner Volksbühne, „nur Applaus- das hätte der Regisseur sich vermutlich anders gewünscht.“ Das klingt dann doch wie Schadenfreude oder gehört diese Schlusspointe noch zur mitleidigen Würdigung Kresniks durch Frau Bazinger? Ich gestehe, ich bin mir gar nicht sicher. Doch wollte ich das Tanzmassaker natürlich nicht sehen.

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