Ruhm und Kritik

In den Notizen und Tagebüchern Hermann Bahrs, eines berühmt-berüchtigten Wiener Kritikers und Autors um 1900, blätternd und herum lesend, finde ich nicht eine Stelle, die heute noch eine besondere Brisanz oder Gültigkeit hätte. Nur preziöses Getratsche. Dabei trifft er sich mit allem, was damals Rang und Namen hatte, mit Schnitzler, mit Reinhardt, mit Moissi, Hofmannsthal, mit Harden. Er schreibt Stücke für die größten Bühnen, Kritiken und Feuilletons in allen großen Blättern, vornehmlich in der Neuen Freien Presse. Er steigt in den nobelsten Herbergen ab, er gibt überall den Ton an. Man hört auf ihn, schätzt ihn, verehrt ihn. Doch seine Schrift, nach 100 Jahren geprüft, enthält nichts, was außer für Biografen vielleicht, heute noch interessant sein könnte. Dabei scheint er kein bewusster Blender zu sein, er tradiert durchaus in einem schlichteren Stil als manch anderer, was damals alle glaubten, was traditionell als gut und recht empfunden ward.
Man erkennt, gerade an den erfolgreichsten Trägern und Zugpferden des Zeitgeistes hängen die größten Dolden der Banalität und der Selbstherrlichkeit. Bei Rock-oder Schlagersängern, bei Romanciers ist das weniger schlimm oder schädlich, als wenn Kritiker statt gegen die Zeit für diese einstehen und in deren Sold sich wohl und äußerst erfolgreich dünken. Wie das damals bei Bahr und heute in der Nachhaltigkeit von den Fehlurteilen eines Reich Ranicki, eines Raddatz und eines W. Jens der verdrießlichste Fall ist. Der Kritiker hat eigentlich keinen Platz, den ihm irgendeine Gesellschaftsmacht, eine Institution oder ein mächtiges Medium einräumen könnte, um sich damit selbst zu erhöhen. Aber das genau geschieht natürlich und macht die Kritik oft ranzig und mitschuldig am Un-Geist, dem sie letztlich zu dienen hat, will sie materiell so abgesichert sein wie die Stars, die sie macht und nach ganz oben bringt. Das ist eine Paradoxie, ein Widerspruch in der Sache, mit der nur die allergrößten Persönlichkeiten, die keine Genieansprüche für sich reklamieren, umgehen können. Bei aller Empathie und Begeisterung ihres Berufs müssen sie gleichzeitig Distanz wahren, statt wie üblich jetzt mit dem Marketingpeople gemeinsame Sache zu machen. Korruption trägt heute ganz neue Namen. Die Figuren, die dem widersteten, sind selten und im Medienlärm von heute wohl kaum mehr zu erfinden.

Advertisements

2 Gedanken zu “Ruhm und Kritik

  1. das würde ich so generall nicht sagen. Liebe und Hass spielen immer mit, müssen aber bei der Kritik möglichst zurückgedrängt bzw. ausgeschlossen werden. Denn dabei geht es um etwas anderes, um Sprachkritik, die alle etwas angeht, nicht nur die betreffnden Autoren.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s