Die Kunst des Schneiders

Es hat immer Schneidermeister von hohem Rang gegeben, die ganz genau wussten, wie sie die Leute anzukleiden hatten, was dem kleinen teuren Frollein stehen könnte und wie der breit grinsende Geschäftsmann am besten sich verkleide. Ein Beruf von großem Edelmut und Geschmack. Sicher gibt es diesen Typus auch noch heute, hier und da, nur, wo verbirgt er sich für gewöhnlich? Kann er von seiner superben Handwerkskunst noch leben, oder schuftet er auch schon für eine Massenschneiderei, deren Maße so grob und all-gemein sind, dass sie jedem angepasst werden müssen, auch Leuten, die weder einen Sinn für schöne Stunden, noch überhaupt Stil und Höheres in sich fühlen. Ist es nicht ein Jammer, dass dieser Meister der Kostümkunst im Untergrund leben muss heutzutage, auf keine solvente Kundschaft mehr rechnen kann, von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen.
In dieser Situation kam ein Marketingmann auf die Idee, den Schneidermeister von Rang wieder auf die Weltbühne zu bringen und ihn mit einem anderen Künstler zu verbünden, nämlich dem Coach für Auftritte, der die Frage lösen muss, wie trete ich am besten auf? Wie bewege ich meinen Körper, wie lächle ich marktkonform genug, ohne in ein allzu vulgäres breites Grinsen auszuarten jedes Mal? Oder mit den Händen herumfuchtele, dass niemand mehr auf meine Stimme hört? Solche Dinge haben heute die größte Bedeutung, wo an jeder Ecke ein Amateurfotograf abschießberiet steht, wo überall kleine Bühnen und Podien aufgestellt sind für die Kameras der Medien. Denn Selbstdarstellung ist alles, und weil sich viele damit sehr schwer tun, ist der alte Schneidermeister der Mann der Stunde, der den köperunbegabten das richtig geschnittene Textil über die Glieder wirft und die präzise Hülle entwirft, dass darunter die gröbsten Schnitzer und plumpesten Sprachfehler verschwinden, als wären sie gar nie da gewesen. Im Grunde gilt der alte Kalauer heute mehr denn je, den Wedekind einmal seinen Marquis von Keith sagen lässt, nachdem er seine kleine Hure namens Anna Huber, ihr einen falschen Adelsnamen verleihend, dazu nötigt in der großen Oper Münchens aufzutreten und als diese empört aufschreit, ja aber ich kann doch gar nicht singen, kurz entgegnet: Macht nichts, wir stecken dich in das schönste Kleid von Paris, dann wird niemand mehr ahnen können, dass du nicht singen kannst.

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