Moliere – Premiere im Landestheater Memmingen

Graziös leicht erz-komödiantisch

Wenn Literaturkritiker wie der große Josef Hofmiller an Moliere bemängeln, dass er zu wenig Dichter, sondern vor allem Schauspieler sei, dann leuchtet dieser Einwand immer dann ein, wenn die Schauspieler nicht auf Moliers Darstellungshöhe sind und ihre Einfälle zu schwerlastig, den Text mit viel zu vergrübeltem Sinn befrachten, der gar nicht aus ihm herrührt. Wenn allerdings wie gestern bei der Premiere in Memmingen am Landestheater die Einfälle sprühend und federleicht über die Bühne purzeln und springen, wenn nicht nur der moralisch inkriminierte Heuchler Tartuffe, sondern auch die übrigen Figuren, die ihm zu wenig Widerstand entgegenbringen, komische Figuren sind, und das ganze Spiel nur in einem Utopien der Heiterkeit als lösbar scheint, dann lacht und jubelt nicht nur der belehrte Kopf des Zuschauers, sondern auch sein Herz begeistert voran. Es ist ein Vergnügen aus der Distanz von Jahrhunderten zuzusehen, wie schwer sich der Mensch damit tut, seinesgleichen gerecht und klug einzuschätzen, sich von ihm nicht nur täuschen und hinters Licht führen zu lassen. Freilich, das macht die Aufführung an jeder Stelle klar, das volle Licht der Aufklärung ist wohl nie zu haben. Was richtig ist, erkennen wir bloß ex negativo am Falschen, am maßlos Überzogenen. Die Aufführung setzt statt der alten religiösen Suada des Heuchlers den zeitgemäßen Sport als Ideologie ein. Da wird auf der Bühne von schier allen herumgeturnt, gehantelt, im Seil gehüpft, und eine Heil-und wellnessidiotie gepredigt, dass es eine Lust und eine groteske Qual zugleich ist. Auch die Sex-und Verführungsszene, wenn der Heuchler Tartuffe sich von Elmire,der Dame des Hauses, der Ehefrau Orgons bedienen lässt und sie schließlich begattet, ahnt der Betrüger nicht, dass sie des Opfers dringend nur bedarf, um ihren geblendeten Mann, der dem Ganzen aus dem sicheren Versteck eines kleinen grotesken Kinder-Schwimmbands aus zusehen soll, vor seinem Irrglauben an Tartuffe, den Betrüger als Tugendguru, zu retten. Die Anspielungen in der historischen Heuchelei auf deren Spielarten von heute, wo Sport und Gesundheit alle besseren Gedanken übertölpeln und übertreiben, sind vergnüglich und ohne eifernden Moralinsound gesetzt. Der Zuschauer kann ihnen nachgehen, sie werden ihm aber nicht aufgedrängt.
Das Ganze ist so leicht gemacht, so graziös und heiter- dazu stimmen alle Bewegung der sorgsam einstudierten Choreographie, dazu passen die Kostüme und auch der Einsatz der Medienmittel ist maßvoll und präzise. Das Ganze ist eine spielend amouröse Schauspielübung, die aus Spaß dem Ernst daneben den Zeugen macht. Darum gilt es, neben der Würdigung der meisterhaften, diskreten Regie Peter Kestens und seiner Helfer in Kostüm und Bühne, auch noch die Komödianten eigens und als Gruppe zu feiern. Keiner von ihnen fällt ab, fällt heraus aus dem schönen Glanz, den sie als Ensemble dem ganzen Stück verleihen. Anke Fonferek ist das Dienstmädchen mit dem ganz gesunden Menschenverstand und einem Witz, der beglückend ist. Marianne, die Tochter des Hausherrn Orgon,Barbara Weiß, zeichnet ihre Rolle des naiven einfältigen Mädchens mit der Meisterschaft des grotesken Spiels. In derselben Art und Kunst bezaubert uns Michaela Fent als Elmire, erotisch-attraktive Frau des Orgon. Dieser ist der Dummkopf und Opfer des Intriganten Tartuffe par excellence, unbelehrbar, auch als Geretteter am Schluss noch einmal. Er erinnert an den dummen August im Zirkus und an den störrischen Pantalone in der comedia del arte. Schließlich Tartuffe, der Leisetreter und Schlaumeier von Haus aus, der schlechte Charakter aus Natur- Jan Arne Looss bildet in seiner getürkten Ernsthaftigkeit den genauen Kontrast, den blinden Passagier auf dem Narrenschiff der Komödie, die die Welt bedeutet. Ein voller Erfolg im Ganzen, ein schauspielerischer Glanzevent inmitten der Provinz.

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