Mutterbindung

Lange, ja schier bis heute glaubte man mit der berühmten Mutterbindung den General-Schüssel gefunden zu haben, für die Menschwerdung, für Glück und Unglück auf Erden, für Erfolg und Karriere, Krankheit und Perversion. Im einen Falle war diese Bindung zum Muttertier zu stark, im anderen zu schwach und defizitär.
Psychotherapie und Sozialwissenschaft, Erziehung und Gesellschaftstheorie sahen in der Beobachtung und empirischen Erforschung dieser entscheidenden Relaisstation menschlichen Lebens viele Chancen der Korrektur und Heilung. Jetzt aber höre ich, wie der weltberühmte Psychiater Borwin Bandelow diesen modernen Urglauben vom Tisch wischt und sagt, das sei eine grobe Übertreibung, die Mutterbindung, ob krank oder überaus gesund, habe allenfalls in 4 % aller schweren psychiatrischen Erkrankungen eine erkennbare Bedeutung. Überhaupt überschätze man die Bedeutung der Erziehung maßlos, die Vererbung von Angst und anderen krank machenden Erscheinungen habe einen weitaus größeren Anteil an dem Verlauf der Biografien als die Erziehung. Auch den ständigen Neuauflagen soziologischer Diagnosen, die sich in verkaufsträchtigen Titeln wie Angstgesellschaft, Stressgesellschaft, Erlebnisgesellschaft ad infinitum über uns ergössen, erteilt er eine herbe Abfuhr. Alles mehr oder minder Geschäftemacherei, die Gesellschaften änderten sich nicht so sehr, wie man so gerne glaube, sie seien fast überall gleich, ob in Afrika, Europa oder sonstwo. Auch Stress heute sei nicht größer als im 16. Jahrhundert, die Tatsachen und Bedingungen klar, die änderten sich, aber die Phänomene von Angst, Panik und Stress seien nicht sehr unterschiedlich. Es käme den Leuten so vor, das ja, aber was beduete das schon. Soviel wie die Unglückszahl 13, auf die sich niemand setzen wolle im Flugzeug, auch rationale Menschen wie er übrigens nicht. Er lacht völlig überraschend und ein inneres Licht überschüttet für eine Blitzsekunde sein ganzes Gesicht.
Im Übrigen, kehrt er sogleich in den seriösen Ton zurück, sei er natürlich froh, dass wir in einer relativ freien Gesellschaft leben können. In einer solchen könne man besser an sich selbst arbeiten, zweifellos, aber sonst glaube er nicht daran, dass an Gesellschaften viel geändert werden könne. Wir hätten gewisse Gehirnsysteme, etwa das Belohnungssystem und das Vernunft-System, die seit Jahrtausenden miteinander streiten, darin stecke das ganze Rätsel. Zum Beispiel die Xenophobie, die Angst vor Fremden, die stecke ansatzweise in jedem, sie käme von weit her aus der Zeit, in der wir alle noch in Stämmen lebten und von anderen Stämmen angegriffen und ausgeraubt wurden. Diese Angst lebe ewig in uns fort, sie könne aber bearbeitet und gemildert werden und vor allem müsse man aufpassen, dass diese menschliche Anlage nicht von geschickten Demagogen ausgenutzt werde, die damit wieder einen Weltbrand entzünden wollten wie jener deutsche Hitler damals, dem auch Menschen aus allen Schichten, Arbeiter, Arbeitslose und Hochschulprofessoren zujubelten. Solche Gefahr sie nie endgültig zu verbannen, sie bestehe fort.
Der Experte für Angst-Panikstörungen und Angsttherapeut Bandelow, der in der ganzen Welt zu seinen Vorträgen unterwegs ist, äußerte sich auch zur Religion. Man habe einmal religiöse Psychiater, die gäbe es ja auch noch immer, gefragt, was sie denn bei Angststörungen eher empfehlen würden, Medikamente oder das Beten. 95 % dieser religiösen Psychiater- Kollegen antworteten: Medikamente. Dann lachte er, dieses Lachen muss man gehört haben, es klingt wie ein ins heitere Milieu verlegter, kurzer Husten. Dabei verschränkt er seine Handflächen, mit welchen er Duck auf seine ins Umgangsdeutsche übersetzten psychiatrischen Termini ausübt. Gelingt ihm die Übersetzung ohne großes Suchen, sozusagen auf Anhieb, erhellt sich seine Augenpartie, wie wenn hinter der Brille ein Licht angeknipst werden könnte und der Mund öffnet sich zu einem breiten, ganz kurzen Lächeln, bei dem eine tadellose Zahnreihe sichtbar wird. Ein Bonmot bot er auch zum Fall des dänischen Philosophen Kierkegaardh noch, der bekanntlich weltberühmte Schriften über Angst und Verzweiflung verfasst hat. Ja, den Fall hat er auch genau studiert und er sagt, Kierkegaard wäre sicher sein Lieblingspatient gewesen. Man weiß nicht, hat er mit dieser süffisanten Bemerkung andeuten wollen, noch ein eigene Philosophie in der Hinterhand zu haben oder glaubt er nach der Behandlung Kierkegaards durch ihn, Borwin Bandelow, hätte sich die Philosophie des Dänen aus der Zerrissenheit in eine geglücktere, harmonischere Prosa auflösen lassen.

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Ein Gedanke zu “Mutterbindung

  1. auf die Muttermilch kommts an ! Ehrlich – nicht jetzt lachen !
    Wer Muttermilch erhielt, und dies nicht nur ein paar Täglein…der ist zufriedener
    erfolgreicher im späteren Leben und vor allem gesünder !

    Nun ist es das so eine Sache mit der Muttermilch, viele Mütter lehnen ihr Kind ab,
    dann wird die Muttermilch sauer, welches Kind will schon saure Milch trinken ?

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