Großes ewiges Kino

Eigentlich ist es Zeitverschwendung, sich mit den vielen deutschen Film-und Fernsehproduktionen kritisch zu beschäftigen. Nachdem ich am Osterwochenende einige Klassiker wie den Hitchcock „Berüchtigt“ mit der ewig begehrenswerten Schönheit Ingrid Bergmann gesehen habe, deren aufrechten Partner Gary Grant wieder bewundern konnte und das spannende Drehbuch Ben Hechts, kommt mir das aktuelle Spiegelgespräch zwischen Wem Wenders und Till Schweiger wie ein rührender Beitrag einer Schülerzeitung vor. Auch der Nachruf auf Helmut Dietl im selben Spiegelheft, mein Gott, welche vollmundigen Dummheiten stehen da nicht alle Spalier. Z.B.: „ Es bleiben die Haltung und sein Können, die Dietl zu einem herausragenden Künstler werden ließen. Der Chronist eines hedonistischen Deutschland. Cool wie der junge Böll, von einer Musikalität wie Thomas Bernhard, lässig wie Wolfgang Herrendorf, gegenwärtig und unterhaltsam wie die großen Amerikaner Jonathan Franzen und Philip Roth.“ Von allem etwas und in einem Aufwasch, ein übler Marketingtext, den Dietl nun auch wieder nicht verdient hat. Denn seine Münchner Fernsehgeschichten waren charmant erzählt und von herrlichem Operettengeist. Aber natürlich, vergleicht man seine missglücktem Großkinoversuche etwa seinen „Rossini „ mit dem Film Clint Eastwoods: „Die Brücken am Fluss“, mit diesem grandios zarten Liebesfilm, dann ist man im Handumdrehen darüber belehrt, wie es mit dem Gros des deutschen Films und der Filmkritik hierzulande steht. Man gibt sich zufrieden mit dem, was da ist,was man halt kriegt. Der Film Eastwoods mit ihm als Hauptdarsteller und der fabelhaften Meryl Streep ist eine stille Sensation. Man glaubt einer Echtzeithandlung, keinem Film mit Schauspielern, zu folgen, jede Geste, jedes Wort sitzt und sobald ein Wortunglück geschieht, ist es den Darstellern so peinlich, dass sich ihr Schmerz auf den Zuschauer überträgt, der genau mitgeht, jede Faser und Gefühlsregung mitfühlt in dem allmählichen Tempo, in dem sich die Liebe der beiden von dem ersten Staunen über das zarte Lachen und die Verliebtheit bis zur Leidenschaft diskret und spannend steigert. Dann bricht sie aus, denn gleich wird alles wieder vorbei sein, wenn ihr Mann mit den Kindern von ihrem Ausflug zurückkehren werden. Die Liaison entzündete und steigerte sich bis zur alle inneren Dämme niederreißenden Leidenschaft in nur 4 Tagen und jetzt droht das Ende. Jetzt wird sie zum ersten mal beinah wütend, doch wie sie ihre aggressiven Gefühle letztlich wieder im Zaum hält, wie sehr sich die schlimmsten Ängste, die sie heimsuchen, wieder beruhigen, als sie spürt, dass auch er unter der beginnenden Trennung leidet wie ein erkrankendes Tier, das ist unvergesslich, das hat man so hinreißend noch nie gesehen und miterlebt. Die beiden großartigen Darsteller enthüllen das Geheimnis der Liebe, ihr grandioser Dialog enthält es, ohne dass so etwas wie ein Nenner oder ein fester neuer Begriff dabei herauskäme. Man möchte den Film nur sogleich wieder und wieder sehen, jede Szene genau studieren, um auf sein Glücksrezept zu kommen. Der äußere Spiel-Raum, das schrecklich provinzielle Iowa, die hässlichen Landkreaturen mit ihren plumpen überlauten Manieren in ihren hässlichen Kleidern, bilden den Kontrast dazu, denn das Wunder dieser schönen Liebe geschieht mittendrin im hässlichen, tristen Alltag und lässt diesen vergessen und wegschieben. Doch dann kehrt dieser Alltag mit Wucht zurück, als die Familie von ihrer Reise zurückkehrt. Das Paar trennt sich, sie kann ihren Mann nicht verlassen, der weder sie noch sonst jemand in ihrem Leben verletzt hat und der zu Grunde ginge, verließe sie ihn. Er verstünde es nie und so oft diese Vorstellung im Umlauf ist, fast jeder hat sie schon einmal vernommen und kennt sie, das Erscheinen dieses vierschrötigen ehrlichen Mannes macht die Wahrheit der empfindsamen Frau anschaulich, vollkommen anschaulich. Ein großartiger Film, der über seine konkrete Handlung hinaus evident macht, welche hohe Kunst und welche Wahrheit in einem Film auch in unserer schäbigen Zeit zu erreichen ist.

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2 Gedanken zu “Großes ewiges Kino

  1. Bei Eriskirch unten am Bodensee stehen die Urahnen jener Brücken am Fluß,erbaut im frühen 19.Jahrhundert.Ich war nicht wenig gerührt,als ich sie vor einigen Jahren entdeckte und auch sogleich nach Robert Kincaid Ausschau hielt.
    Vielen Dank für ihren Eintrag!Dieser Gang entlang der Schussen lohnt…

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  2. „Auch der Nachruf auf Helmut Dietl im selben Spiegelheft“
    Lieber Peter Zwey, auch ich habe Jahre damit verbracht, montags die hanseatische Neocon-Postille von hinten nach vorn zu lesen. Das war „gestern“. Ewig bin ich nicht und übermorgen ist heute vorgestern. Spiegelleser sind demgemäss Zeitunkundige. Wobei, um Missvertändnissen vorzubeugen, die ZEIT – da wo sie gedruckt wird – ewiggestrig stehengeblieben ist.

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