Dichter im Cafe

Hermann Kesten saß im Cafe Flore in Paris, als plötzlich eine Erscheinung aus dem 18.Jahrhundert vor ihm auftauchte:Madame Geoffrin:

„Sie sehen in der Tat wie eine Zarin aus, sagte ich zu ihr und küsste ihre
Hand.
Ich eine Zarin?, rief Madame, mit einer charmanten lustigen Empörung.
Ich war immer eine anständige Frau. An der Wiege hat man es mir
nicht gesungen, dass Genies und Potentaten in meinen Salon kommen
würden. Mein Vater war ein Diener und ich ein Waisenkind. Meine Grossmutter,
die mich aufzog, erklarte, ein Madchen brauche nichts zu wissen.
Mit vierzehn heiratete ich einen reichen Mann von achtundvierzig Jahren,
mit dem ich eine Tochter und sechzehn ruhige Jahre hatte,ohne Toiletten,
ohne die gute Gesellschaft.
Eines Tages lud mich unsere Nachbarin, in der Rue St. Honore, zu einem
ihrer Diners. Sie hieß Madame de Tencin. Bei ihr traf ich einige der
klügsten Manner. Ich werde berauscht, wenn ein gescheiter Mann spricht.
Da begriff ich sozusagen zum ersten Mal, warum ein Gott uns Sprache
verliehen hat. Ich merkte, dass die Sprache nicht ein Behelf, nicht nur eine
akustische Maschinerie ist, sondern in der Tat auch einen göttlichen Atem
hat, inspiriert wie grose Kunst ist, ein Triumph der menschlichen Vernunft.
Ich horte Montesquieu sprechen. In den Büchern der geistreichen
Manner sieht man nur ihren Schatten, hört man nur ihr Echo. Was fur ein
Genuss ist es, in einem gescheiten Gesicht die Gedanken kommen zu sehn,
das Widerspiel ausgesprochener und unausgesprochener Gedanken, den
Kampf von Witz und Höflichkeit, Güte und Bosheit, den Austausch von
Hören und Sprechen, das Lächeln bei einem schneidenden Wort zu sehen,
das alle Schärfe abbittet, die Handbewegung, die unterstreicht, kommentiert
oder ableugnet, die ganze Erscheinung, die alles und nichts erklart,
die Musik der Stimme, die direkte sinnliche Gegenwart einer großartigen
geistigen Erscheinung. Ich bete Bücher an, aber welch ein zweifelhafter Ersatz fur einen wahren Menschen ist ein Buch. Ach, ich bete Menschen an!
Ich sprach mit Marivaux. Mir war, als hörte ich in zehn oder zwanzig
Minuten zehn Komödien und die Essenz von zehn Romanen. Wenn der
Abbe Charles Irenee de Saint-Pierre, Rousseaus Freund, sprach, vernahm
ich neben seinem begeisterten Vortrag über den ≫Ewigen Frieden≪ oder
den Volkerbund den Hymnus einer vom Krieg erlösten Menschheit.
Dort traf ich denkende Künstler und beredte Priester, gutmütige Politiker
und aufrührerische Finanziers. Sie amüsierten mich mehr als die Frommen
meines Viertels, die zu meinem Mann ins Haus zu kommen pflegten.
Mir war, als lebte ich zum ersten Mal. Ein Vorhang hatte sich geteilt,
und die Welt war nicht so grau, die Menschen waren nicht so gewöhnlich,
ich selber war nicht so wenig, wie ich bisher gedacht hatte.
Schüchtern lud ich den einen und andern großen Mann in mein Haus
zum Essen ein, und der und jener kam, schlieslich kamen sie jeden Mittwoch
um ein Uhr. (…)
Mein Gatte machte mir schreckliche Szenen. Er liebte weder den Geist
und seinen Lärm noch die Kosten der Bewirtung. Aber meine Tochter sagte
mit halbem Recht (das meiste, was wir übereinander sagen, ist halbwahr),
ich hatte die Seele eines Eroberers und die Manieren eines Alexander von
Makedonien. Mein guter Mann gab nach. Er starb fast gleichzeitig mit Madame
de Tencin. Mit fünfzig Jahren war ich eine reiche Witwe und hatte den
berühmtesten Salon Europas. Die alten Gäste der Tencin kamen zu mir, es
kamen meine neuen Gäste, Kaiserinnen, Könige, Voltaire und Rousseau.
Madame Geoffrin lächelte triumphierend. Ich hob schon die Hand,
um ihr etwas Hübsches zu sagen, da unterbrach mich der Herr mit dem
italienischen Akzent und fragte: Warum kamen eigentlich so viele große
Männer zu Ihnen, Madame Geoffrin? Und so viele der Großen dieser Welt?
Sogar ich kam mehrmals zu Ihnen. Sie erinnern sich? Ich gehörte nicht zu
den Gästen, die man übersah. Mein Bruder Francesco, der Schlachtenmaler,
der mit seinen Bildern eine Million verdient hat, nahm mich zu Ihren
Diners am Montag mit, da kamen Architekten, Archäologen, Bildhauer
und Ihre Maler, Boucher, der die graziöse Begierde der Liebe, Vernet, der
Seehafen und Wasser gemalt hat, Bouchardon, der das Wasser aus Pariser
Brunnen springen ließ, und Quentin de Latour, der Pastellmaler. Sie haben
entdeckt, Madame, dass auch ein bildender Künstler etwas zu sagen hat
und sagen kann. Sie teilten nicht die sozialen Vorurteile des Jahrhunderts.
Sie kamen aus dem Volk wie ich. Meine Eltern waren Komödianten.
Aber die Marquise de Rambouillet, erwiderte Madame Geoffrin, die
auf ihrem Schloss den ersten literarischen Salon gehalten, kam nicht aus
dem Volk. Catherine de Vivonne, eine halbe Italienerin, hatte als junges
Mädchen in Rom die Reize einer gebildeten Gesellschaft empfunden, sie
heiratete den Marquis de Rambouillet, und müde der martialischen Säufer,
Fechter und Hurer am Hof von Henri IV. und in der Stadt versammelte sie
geistreiche Damen und gebildete Herren in ihrem Haus, in Erinnerung an
die italienischen Hofe der Renaissance oder an den Hof der Valois, insbesondere an den Hof von Marguerite, der Königin von Navarra.
In ihrem Salon konnten Madame de Rambouillet und ihre Freundinnen
eine würdige Rolle spielen. Sie wollte den jungen Leuten von Adel, die
verroht aus den Kriegen heimgekehrt waren, eine freie und feine Lebensart
schenken.“
Quelle:Hermann Kesten: Dichter im Cafe, Ars vivendi 2014

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