Dietls Rossinifilm

Jetzt hab ich auch den vorletzten Dietlfilm ein zweites Mal noch angeschaut und weiß jetzt, nicht der Film, die Fernsehserie war sein Medium. Dort konnte er an der Oberfläche bleiben, die er klug und witzig beobachtet hat. Diese selbstverliebte Oberfläche, das Leuchten Münchens, wie im Monaco Franzl oder Kir Royal. Diese Episoden waren seine künstlerischen Höhepunkte. Im Rossinifilm will er zuviel, will er in philosophische Tiefen über das Weibliche und Geschlechtliche eintauchen, das andere längst vor ihm schon viel witziger und auch klüger erforschten und bebilderten.
Dietl möchte die Wahrheit über sich erfinden, das geht für geniale Playboys und Feschaks, die mit charmanten, schönen Lügen eine Menge Sympathie und Geld verdienen, meistens leicht daneben. Wozu das Beichten, wer will das hören? Ohne dass sich dabei ein religiöser Hintergrund auftäte, wie bei Dostojewski und anderen berühmten Gottsuchern?
Hätte er, wie er bei seinem Leisten bleiben sollte, nicht bei Fellini, seinem heimlichen Vorbild, viel genauer studieren können? Nein, denn das Studium war seine Sache auch nicht, darum betonte er immer so ausdrücklich, wie ihm das Drehbuchschreiben doch soviel Zeit und Mühe gekostet habe. Der Bohemien wollte unbedingt, dass man auch bei ihm nichts als harte Arbeit im Hintergrunde vermuten sollte.
Schlimm und voll daneben die Szene , in der ausgerechnet eine frivole Halbweltdame, gespielt von der bekannten Gudrun Landgrebe, ihren zwei geilen Liebhabern , der eine (Liefers) stellt den Dichter Wondratschek dar, der andere (Lauterbach) wohl den Eichinger oder einen anderen Filmmacho dieses Kalibers, eine Moralpredigt hält. Gespickt mit den üblichen Klischees, die die beiden Womanizer wie zwei auf frischer Tat ertappte Schulbunden reumütig verstummen lässt. Das ist absurd und abgeschmackt wie manches andere auch. Wie die Szene in deren verbaler Radikalität Dietl wohl glaubte, auf eine wahre Goldmine der Beziehungskistenwelt gestoßen zu sein. Die wilde Dame im Bett, Hanelore Hoger muss sich das antun, ist mit ihrem unbefriedigten Zustand nicht einverstanden, in der sie Götz George, der geniale Regisseur im Film, in den Schlaf schicken will. „Ich will jetzt meinen Orgasmus“, schreit sie wütend, „sonst hab ich morgen wieder den ganzen Tag Migräne. Gib jetzt deinen Schwanz her, los, ich bring ihn schon wieder hoch.“ Das mag sich so abspielen täglich,allnächtlich. Auch Helmut Dietl wird das so ähnlich erlebt haben, aber enthüllt das etwas mehr als diese Oberfläche, die damit angibt, endlich Klartext auch im Sexuellen zu sprechen? Der dirty talk, jahrhundertelang unter der Anstandsdecke gehalten, ist weniger neu als Dietl glaubte und schafft kaum viel öffentliches Vergnügen, das er sonst doch immerzu suchte, wenn ihn sein Ehrgeiz nicht gerade dazu drängte, ein Wahrheitsapostel bzw. gefürchteter Gesellschaftskritiker in der Filmgeschichte zu werden. Geliebt haben ihn doch sehr viele, wieso sollte man ihn jetzt auch noch fürchten?
Er konnte verzaubern mit Charme und mit leichtem Witz. Kritik war nicht sein Metier, sie fiel ab, nebenher, bei seinen spielerischen Einfällen, sie wirkt kitschig und lächerlich, wenn er auf ihr wie auf scharfer Munition bestehen will. Wir wussten immer, seine Waffen waren Teil der Faschingsdekoration. Er gehört zur leichten Muse, nicht zur Oper.
Darum zündet auch die Hintergrundgeschichte nicht, mit dem scheuen Erfolgsautor Patrick Süskind, der seinen Weltbestseller-Roman „das Parfüm“ lange nicht den Kinohaien opfern wollte. Der keusche altfränkisch und ungelenk sich bewegende Windisch im Rossinistreifen wird gleich von zwei sexwütigen Frauen schier vergewaltigt, doch auch diese Episode verbindet sich nur notdürftigst mit dem übrigen Geschehen, das eine diffuse sexsüchtige Gesellschaft schildert, die sich immer wieder im italienischen Restaurant Rossini trifft, das passenderweise dem Mario Adorf als fiktivem Besitzer gehört. In einem anderen Strang der Story wird eine Darstellerin für den Film Loreley, nach dem gleichnamigen Roman Jakob Windischs, wie gesagt des Doubles des Süskindvorbilds, gesucht. Doch die weiblichen Models fallen alle durch die Geschmacksraster der Filmchefs, dargestellt durch Götz George und Heiner Lauterbach, bis plötzlich die schöne, damals noch blutjunge Veronica Ferres mit langen blonden Haaren auftaucht und sich die Superrolle erschläft.
Wir wissen, die Ferres war damals noch die Geliebte Helmut Dietls und er wollte sie aller Welt zeigen, und zwar mit allem, was sie an weiblichen Reizen zu bieten hat. Auch das ist eine nette Seitengeschichte, die verdeutlicht, der Film enthüllt nicht nur manche süße Erotik-und Bett-Geschichte, sondern manche dieser Enthüllungen reicht auch direkt aus dem Realen in das begehrte Zelluloid hinein.
Nein, diese Rossinihandlung ist ein arges Durcheinander, in dem zwar kühn und unverschämt sexistisch geredet und gehandelt wird, aber wozu und warum das Ganze so aufwendig erzählt wird, bleibt ganz unklar. Sicher manche Kritiker reden in diesem Falle gleich wieder von Aufklärung. Diese müsste aber schon einem sozialeren Zweck dienlich sein, als nur den exotischen Selbstdarstellungswünschen einer neureichen Clique.

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