Aus meinem Tagebuch

Es schneit, ich erinnere mich an meine Jugend, als wir Fußball spielen wollten im April und hofften, dass es zu schneien aufhört. Der Vater des Torwarts stand bei uns in der Stube und rauchte. Fußball war Ablenkung von der Beunruhigung meines jungen Blutes, dass die weite Welt so unbekannt und abenteuerlich vor mir lag. Bald würde ich losziehen, noch hinderte mich die blöde enge Schule. Ach, wie groß waren meine Erwartungen. Heute richten sich diese weniger auf die Welt, die mir nicht mehr so unbekannt ist, obschon ich nicht allzu viel von ihr sah und doch soviel, dass ich weniger Sehnsucht nach dem unbekannten Äußeren, wenngleich sicher Großartigen, hege als nach dem anderen Ziele, wo ich ankommen werde als in dem endlich geoffenbarten Sinn meines Verhängnisses. Ich weiß, der Ausdruck Verhängnis ist zu hoch, zu wuchtig und doch stimmt er, da ich für die nicht weichende Ungewissheit, die immer größer wird, keinen treffenderen Ausdruck finden kann. Ich war von Anfang an, auch als ich noch Fußball spielte in meiner Jugend ein Grenzgänger, einer, der außer beim Fußball weder mitmachen durfte bei den anderen, noch das je unbedingt und genug fordernd auch wollte. Die anderen entdeckten mich nie und ich wollte mich ihnen nicht aufdrängen, sie kamen immer ohne mich aus, fanden leicht einen anderen statt meiner. Ich war darüber oft traurig, aber bald auch und immer öfter spürte ich eine Erleichterung, denn die anderen, was sie trieben und wollten, überzeugten mich eigentlich nie ganz, nie vollkommen. Natürlich ließ ich vieles gelten, was mir geglückt schien, doch schwärmen konnte ich eher über die Werke und Taten der älteren Generation. Das hat sich noch verstärkt, wen ich heute immer schärfer erkenne, wer alles im höchsten Range zu Unrecht in Vergessenheit geriet, trotz oder vielleicht auch wegen größter Anstrengung und wundervollen Könnens. Und immer mehr sehe ich, wen sie statt ihrer hochlobten und priesen, aber natürlich ist daran die Erschöpfung schuldig und die Politik, die es plötzlich billiger haben wollte. Statt billiger sagten sie oft auch einfach „ moderner“. Schlaue Ausrede? Aber der Schwindel wird auffliegen, dessen bin ich gewiss, auch wenn ich es nicht mehr erleben werde, wahrscheinlich. Denn fest gemauerte Irrtümer, an denen viele hangen samt ihren Pensionen und Privilegien, sind zählebig. Man sah es ja an der Berliner Mauer, wie lange lebte ich unmittelbar an ihr dran, im damaligen Westberlin. Und doch wie tapfer fühlte sich das Lebensgefühl dort zeitweise an, ich spüre es heute noch, wenn ich die Clay-Allee entlang fahre, zur krummen Lanke und zum U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. Und wie grauenhaft waren die Tages-Ausflüge damals in den Osten, den sie heute wieder schön färben und lügen. Das empörte mich vor Jahren noch. Diese Empörung verstand hier im Süden damals ohnehin niemand und heute ist sie allmählich verflogen. Wenn ich sage: Ich bin Deutscher geworden, dann weiß ich mehr denn je, was das heißen könnte. Doch fühle ich mich dergestalt auch heute, wo wir doch wieder jemand sind, scheinbar, nicht besonders wohl.

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