Helmut und Sandra

Es muss irgendeinen Gönner der Frau Maischberger im ARD-Machtzentrum geben, der Sandras Liebe zu den alten, einst mächtigen Männern dauernd füttern will. Ist das nicht süß wie sie ihn verehrt, wie sie aus seiner Hand alles frisst, jeden Kalauer, jede schlechte Laune und jede sogenannte Weisheit. Dem Schmidt tut das immer noch gut, er inszeniert seine letzten Tage, er überlebt sie beinah widerwillig und doch können seine milchigen Augen nicht verbergen, wie seine Eitelkeit immer noch glimmt, wenn Sandra ihn als Staatsmann anspricht. Übrigens finde ich: Schmidt kann mit dem alten Mädchen besser umgehen als der Weizsäcker, der konnte kurz vor seinem Tode noch leicht pampig werden, wenn Sandra ihn kokett nach seinem Glauben an Gott abfragen wollte. Ich glaube, Sandra liebt Helmut noch mehr als den Richard und sogar als den Peter Scholl.Mal sehn, wenn der letzte Greis stirbt,wen sie dann ins Schlepptau nimmt. Ganz sicher nicht den Kohl, aber vielleicht den Dohnany, der wäre doch schick oder den Schröder Gerd, aber der und der Joschka werden ihr noch viel zu jung sein. Auf solches Gemüse springt ihre Libido nicht an. Und der Gauck hat ihr zu wenig Macht. Sandra liebt den Sexappeal der alten Mächtigen.

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Deutsche Quadratlatschendenker

Immer wieder bleib ich Stunden lang bei meiner Lieblingslektüre der französischen Moralisten hängen. Sie kommen alle von Montaigne her. Sie kennen wie er die Denksysteme, aber verhalten sich skeptisch gegen sie. Allmählich erkenne ich auch, wer alles bei diesen eleganten und gescheiten Essayisten genascht und studiert hat. Es sind die feineren Geister. Heute früh las ich bei Joubert schon, mit welchem Vergnügen er beobachtete, wie gewisse Gedanken sich der sprachlichen Form anschmiegen. Da würden die Quadratlatschendenker unter uns Deutschen sofort einwenden: „Falsch, umgekehrt, die Sprache ist doch der Umschlag, der sich dem Inhalt anpassen muss.“ Ja, das Spiel mit den Paradoxien der Form ist den meisten Deutschen bis heute ein Geheimnis, das sie von außen nicht einmal als Geheimnis wahrzunehmen imstande sind. Das macht das Geistesleben hierzulande so oberlehrerhaft schwerfällig und verschwitzt.

Ein Weltmarktführer

Es ist nicht so, dass ich die Themen bewusst auswähle. Oft kommen sie zu mir und bitten darum, dass ich sie ansehe und behandele. Da es immer meistens zu viele sind, ziele ich spontan auf ihr Innerstes und kürze meine zunächst immer zu weitschweifige Art, Kommentare dazu abzuliefern. Da geht es mir manchmal wie dem Nestroyschen „Schneidergsell, der in der Werkstatt der Ewigkeit alles zum Ändern kriegt.Da nutzt amal nix, g’ändert wird alls.“

Manchmal geht es mir mit einer meiner Figuren so, die plötzlich loslegt.Ich lasse sie meistens ausreden und falle ihnen erst später,wenn ich mit ihnen ausgehe,ins Wort. Neulich meint z.B. der Karl, als ich im Lexikon das Wort global nachschlug, im breitesten Dialekt: “ Wenn ich heit denk, passiert es zmol,was direkt um mich rum isch, global isch, total global. Frieher war des no andersch.“
Ich bat ihn mir das näher zu erklären, aber er winkte nur ab. “ Des isch kaum zum glaube.“ Er denke daran, dass es noch nie in unserem Dorf einen Weltmarktführer gegeben habe,jetzt aber sei einer da, der nicht von weit her, nur vom Nachbardorf zugezogen sei,erst vor ein paar Jahren. Da dürfe man sich doch wundern, ohne gleich für verrückt erklärt zu werden. Oder?
Der hat Verbindungen weltweit.
Oh, ich habe ihn mit meinem Lachen wohl verletzt und entschuldigte mich dafür. Natürlich, auch ich habe von dem unscheinbaren Mann gehört, der ein Weltmarktführer sei. Dort oben auf der Anhöhe wohnt er mit seiner Familie in der hochmodernen Villa.

Schrecken und Hoffnung -giftiger Balsam

Das schreckliche Erdbeben in Nepal hat jetzt mit noch mehr Toten die andere Katastrophe im Mittelmeer schon wieder verdeckt und verdunkelt. Die Medien kommen mit ihren Brennpunkt-Sendern nicht mehr nach, denn die Krimis müssen ja auch noch laufen, also packt man die Katastrophen wie Contenthappen in die Talkshows und plant mit Johannes B.Kerner, dem Böhmersatz, neue Spenden-und Helfershows mit sämtlichen Prominenten an den Telefonen.-Natürlich müssen auch gute Nachrichten erfunden werden, zusätzlich zum spannungsgeladenen Fußball,wegen der zunehmenden Depressionsgefahren auch im Inland, also man hat alle Hände voll zu tun, die Leute mit Gemütsstimmungen und kollektiven Gefühlen zu versorgen. Die Welt ist ein Tollhaus, in dem wir in einem schönen Keller im Nebenflügel, mit Zugang zur Gartenterasse, noch realtiv sicher wohnen und zum Leben haben. Freilich wie lange noch? ein Tsunami droht uns als Landratten natürlich nicht, doch wer weiß, wann der Terror einfliegt und Horror-Massaker auch unter uns anrichtet?

Massendemokratie

In den blumigen Reden für Demokratie und unbedingte Liebe zum Dialog und der „Bürgernähe“ wird immerzu die Qual in der Tyrannei der Mehrheit verschwiegen und trickreich in den Hintergrund gespielt. Nehmt nur die Okkupation der öffentlichen Programme mit Fußball, Krimis und kurzgebratenem Talkshowgeschwätz. (“ Was macht das alles mit Ihnen?“ „Was war das für ein Gefühl als…“) Wo wäre da noch etwas zu bemerken von einem Auftrag der Bildung und der Aufklärung? Man wusste es schon immer: Masse und Demokratie gehen sehr schlecht zusammen, bilden einen schreienden Widerspruch. Also muss man den Missstand schlicht schön reden und öffentlich verdrängen. Gut bezahlte Schwätzer finden sich dafür immer genug. Ãœberall, nicht nur in Werbeagenturen und Chefredaktionen. Auch die Hochschulen bilden jede Menge Massendiener und Funktionäre für Pöbelzwecke aus.

Intelligenz

Wenn gewisse Landsleute einem anderen Menschen das bürgerliche Adelsprädikat der Intelligenz bescheinigen, zeichnen sie sich vor allem selbst damit aus. Denn sie teilen uns doch mit, dass sie die herausragende Fähigkeit zu diesem Urteil besitzen.
Außerdem kommt es mir immer so vor, als wollten sie damit sagen: dieser Mensch hat ein großes Messer, das er mit Stolz trägt, denn er pflegt und führt es in Gesten aus, die ihn sogar zu Handlungen jenseits der üblichen Moral berechtigen. Sie übersehen dabei, dass die Intelligenz in ganz verschiedenen Gewändern auftritt, nicht als separate Größe allein erfass-oder gar messbar ist. Es sei denn, man betrachtet die Eigenschaft als kaltes technisches Vermögen im Sinne der neumodischen skills. Dann trennt man sie künstlich von allen anderen Eigenschaften, als deren Reflexion und erhellende Kraft sie doch von größter sozialer Bedeutung sein kann.

Unsere ruhmreichen Helden

Die Leute schimpfen immer auf die Geschichte, dass diese vorübergehe und die besten Ideale des Menschen wieder verschüttete oder eben nicht nutzen wollte, als wäre die Geschichte Subjekt des Handelns. Als walte in ihr ein verborgener finsterer Gott, der gegen einen anderen stritte, der sozusagen als Anwalt der besseren Menschheit dann oft ungerecht unterliege. Auch Atheisten glauben an solchen Hokuspokus. Andere wieder wie Helmut Kohl, Beckenbauer und Iris Berben sehen in der Geschichte eine Art höherer Heimat, in die nur die rein-gelassen werden, die sich große Verdienste in der Demokratie, im Fußball oder auch in der Mediengeschichte erwerben konnten. Manchmal denke ich, ach, das glauben die doch nicht tatsächlich, obwohl ich dann schon sehe, wie sie stets von den Tatsachen ihres Ruhmes ausgehen und dabei ganz optimistisch dreinschauen. Auch die Theaterleute reden solch ein Zeug, wie der alte Peymann neulich auf einmal meinte, Berlin die Theaterstadt habe eine große Tradition. Statt dass er sich schämte, mein Gott, wenn das der Thomas Bernhard noch hören könnte, für den er doch scheinbar immer so sehr und vehement eingetreten ist. Diese linken Traditionszerstörer von damals haben alle klammheimlich umgesattelt inzwischen. Der Ruhm und die staatlichen Privilegien haben sie fromm werden lassen. Selbst der Joschka Fischer redet jetzt nicht weiter und noch länger von Bob Dylan und der Panzer Knacker Bande bei Walt Disney, nein, er thematisiert mit brüchiger Stimme noble Dinge wie das Vermächtnis Europas oder das Ende des Posthistoire. Er tritt in der Maske des Privatgelehrten auf, dass die Haschischbrüder aus der Spontiszene ihn kaum mehr wieder erkennen. Es ging alles so schnell. Aus den 68er Flegeln, mit denen Größen wie der Theatermann Boleslaw Barlog oder der Sozialphilosoph Arnold Gehlen einst sich noch mühsam herumstreiten mussten, wurden im Handumdrehen elegante Managertypen und Toskana-Hedonisten, die heute mit einem Schmunzeln auf ihre wilden Anarchozeiten, da sie noch Mao Tse Dong nachbeteten, zurückschauen.
Sie haben alle, wie sie sagen, Geschichte gemacht und Geschichte erlebt, kein Wunder also, dass sie an den Spuk nun glauben. Ich aber kann mir nicht erklären wie sie ihre Niederlagen immerzu als Siege feiern wollen, wie sie ihr Scheitern verdrängen, statt aus ihm endlich bessere Schlüsse zu ziehen. Ich habe bei aller Gegnerschaft mehr von ihnen gehalten als sie selbst. Das war wohl mein Fehler.