Hölderlins Vers von der Rettung

Noch immer bezaubert uns das Hölderlinzitat aus seiner Hymne Patmos:
“Nah ist. Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
Gewaltig ertönt der Vers und was er verheißt. Noch immer. Doch verlieren wir nicht längst den Glauben daran, als an das, was wir halt wünschen, es sei so, es bewahrheite sich eines Tages, wenn das Wünschen wieder wie ein Wunder plötzlich hilft. Man weiß nicht, wie. Als wäre die Hoffnung ein sicherer Halt. Vielleicht aber ist sie auch ein Selbstbetrug, ein vom Dichter erklügelter Beschiss. Einspruch, sagen die anderen sofort. Einspruch, er war ein Seher, ein Visionär von Weltrang. Was aber bedeutet: der Gott? Hat er nur Weltrang, sonst keinen Namen? Was versteht er unter das Rettende?
Warum sagt der Dichter nicht einfacher: Rettung? Erlösung? Weil das Rettende klanglich schöner, unerhörter, einmaliger sich ins Gedächtnis einprägt? Weil es den Vers weicher, biegsamer erscheinen lässt?
Worte, nur Worte, nur Worte sang einst die schöne Dalida. Ja, sehr schöne Worte, helfen sie uns tatsächlich immer noch?

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6 Gedanken zu “Hölderlins Vers von der Rettung

  1. aha…
    andere schruben..das leben ist zu kurz um schlechten wein zu trinken…
    ich liebe ja eher…
    am brunnen vor dem tore
    da steht ein lindenbaum
    der hängt ganz voller äpfel
    die pflaumen sieht man kaum
    verphilosophierend im galopp verlierend
    letztendlich gilt…
    kaum wo was wächst
    schon ist wer da
    ders frisst

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  2. Guten Tag,

    pardon, aber der Gott ist: Dionysos. Darum heißt es: der Gott und nicht Gott. Dieser Gott, Dionysos, ist der Gott der Epiphanien, zu dessen Wesen es gehört, nah zu sein, aber schwer zu fassen. Der darauffolgende Vers bleibt genau in dieser Dialektik.

    Was sie,Herr Popanz, betrifft. Über ihr Badrigal habe ich mich sehr geärgert: Ihr Tanz mit unverbindlichen Worten (und im Vers kommt es auf Bindung an, formal wie gehaltlich), ihre Klangleiereien und Reimspielchen (die wesentliche Bedeutung des Reims dürfen sie bei A. W. Schlegel nachlesen), haben sich schnell aufgezehrt, eben weil sie beliebig sind, genauer, nicht jene kryptischen Winke und nebligen, nicht: vernebelnden, Sprachgesten enthalten, die uns zum Gedicht, zu Hölderlins Gedicht, immer wieder zurückkehren lassen.

    Ich muss Hölderlin nicht verteidigen, sein Werk hat das nicht nötig. Aber von einem Verphilosophieren im Sinne eines angeblich unanschaulichen Ver-Dichtens kann nicht ernsthaft die Rede sein. Dass sein Werk allerdings Dichtung und Denken vereinigt, ist richtig und begründet seinen uns immer noch ergreifenden Nachklang, von dem Heidegger sagte, das er unser Schicksal sei, eine Schickung, der wir schicklich entsprechen können, wenn wir hörender hören, also nachdichtend dichten.

    Das Rettende, denke ich, sind personifizierte und damit konkretisierte Abstrakta, hier die Personifikation von Rettung in das Rettende. In der Tat hat das auch klangliche Gründe, weil der Trochäus Rettung beinahe eine schwache Nebenbetonung akzentuiert und damit deutlich plumper ausfällt.

    LG

    Phileos

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  3. mir ist sehr bewusst, dass meine Zeilen zu Hölderlins Vers etwas profan, um nicht zu sagen pietätlos klingen. Ich kenne die weihevolle Atmosphäre der Hölderlinseminare und ihrer hohen Priester in den 70ern noch gut. Der zitierte Spruch aber ist inzwischen von vielen Köchen und Ideologen vereinnahmt worden, nicht nur von Heidegger, sodass er in seiner Bedeutung beschädigt wurde, vergleichbar gewissen Sentenzen von Schillers Glocke,und mir mein etwas asphaltiger Ton beinah gerechtfertigt scheint. Zum anderen steht das Gedicht einzeln und niemand kann dem einzelnen Leser verbieten, den Text frei zu deuten und zu verstehen.
    Selbst dann nicht, wenn er weiß wie ich und Sie natürlich, dass mit „der Gott“ wahrscheinlich Dionysos gemeint ist oder Christus, denn die beiden denkt er oft zusammen. Dennoch ist eine Belehrung in der Richtung, einzelne Verse dürfe man bei Hölderlin nur in der Zusammenschau verschiedener und maßgebender Gedichte und Verse deuten, ganz unangebracht. Denn ein Afrikaner wird bei der Formulierung „der Gott“ an den seinen denken. Und dabei wollen wir ihn gar nicht stören und ihn auf einen Deutschlehrer verweisen, der ihn wie ein Deutungspolizist zurechtweist. Zumal wir doch wissen, Sie auch wahrscheinlich wie ich,welches Unheil gerade die Deutschlehrer -von 33 bis 68- angerichtet haben hierzulande.

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  4. Guten Tag,

    es ist nicht ganz unrichtig: Beim nochmaligen Lesen meines Kommentars ist mir aufgefallen, dass er auch als Zurechtweisung verstanden werden kann, was ich im Grunde nicht wollte, aber ich bin wohl der Versuchung durch meinen Ärger erlegen.

    Es stimmt, dass Hölderlins Dichtung von vielen Seiten vereinnahmt und von diesen vereinseitigt verstanden und darum auch missverstanden wurde. Zuletzt vom sogenannten Kritikerpapst, der die Vaterländischen Gesänge wörtlich als nationalpolitische Formeln nahm.

    Ich habe auch nichts gegen die freie Deutung: Jeder soll seine eigene Deutungshoheit haben, im Sinne von Novalis auch hier thronfähig werden. Ich bin mir nur nicht sicher, wie weit diese Freiheit gehen soll. Ist sie nicht dennoch an die begrenzte Bedeutungsvielfalt der Dichtung gebunden? Ziemlich nah am Text ist, denke ich, genauso falsch wie so weit vom Text, dass er nicht mal mehr als Reminiszenz erkennbar ist. Aber richtig, das sollten wir nicht als allgemeine Regel der Interpretation aufstellen, sondern im konkreten Deutungszwist können wir einfach sagen: Da gehe ich nicht mehr mit.

    Noch einen schönen Tag

    Phileos

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  5. schön, einverstanden mit Ihrer neuen Version.Ich denke noch nach über Ihre Formulierung: „Begrenzte Bedeutungsvielfalt der Dichtung.“ Da steckt wohl eine Lektüreerfahrung dahinter, die Sie näher erläutern sollten. Ich weiß nicht genau,was Sie damit meinen, welches Dunkel, welche semantische Enge Sie hier beklagen?
    schöner Gruß
    Q.

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  6. Hallo,

    tatsächlich ist das etwas wolkig bzw. ungenau formuliert. Vielleicht so: Das Gedicht, von dem wir ja ausgegangen sind, ist deutungsoffen, weshalb es nicht eins zu eins rationalisiert, also auf den Begriff reduziert werden kann, sonst wäre es ja keine Dichtung. Aber ähnlich dem Begriff, denke ich, hat es, das Gedicht, einen gewissen Deutungsumfang. Wenn ich jetzt allzu textfremde Deutungen an die Binnensprache des Textes herantrage, sprenge ich diesen derart, dass ich dem Gedicht nicht gerecht werde, das heißt, das aus der Deutungsfreiheit eine Deutungswillkür wird.

    Vielleicht ein Beispiel: Die Pianisten verstehen sich ja als Interpreten von Kompositionen. Sie spielen ein und das selbe Werk nicht nur technisch korrekt, sondern auch im Hinblick auf Expression und Deutung und prägen ihm den Stil auf, der sie, wie sie schon einmal in einem ihrer Texte sagten, selber sind. Wenn ein Pianist jetzt aus einem Walzer von Chopin einen Ragtime machte, das ginge nicht (allenfalls vor Freunden als Scherz im engen Kreis)Das würde dem Werk nicht gerecht. Sie merken, wie ich begrifflich zwischen Offenheit und Begrenztheit herumeiere, um ja nicht die Freiheit allzu einzuschränken. Aber die Kunst der Interpretation ist ja die entlassene Phantasie, die sich trotzdem anbindet, damit ihre Deutung nicht phantastisch wird.

    Aber ich war ja zu dem Ergebnis gekommen, dass das die Deutungsfreiheit nicht einschränkt. Ich würde einfach bei Interpretationen, die in den Text hineinlesen, was ich dort nicht sehe, nicht mehr mitgehen. Aber was dort hineingelesen wird, kann trotzdem, dank und außerhalb des Werks, der Anreiz für neue Überlegungen sein. Deswegen bin ich ganz einverstanden damit, dass eine Zeile eines Gedichtes verwandte Reflexionen freisetzt, hier über die Fragwürdigkeit des Hoffens.

    Abschließend läuft mir noch folgender Gedanke durch den Kopf : Da ich ständig als ein Anderer an den Text herantrete, wird auch der Text ein anderer. Vielleicht ließe sich deshalb sagen, dass der Text eine begrenzte Deutungsoffenheit innerhalb seines Themas hat und eine unbegrenzte Bedeutungsvielfalt für den, der ihn immer wieder anders liest.

    Phileos

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