Siegfried im Volkstheater München

Das Theaterstück zum deutschen Siegfriedmythos, das der Deutsch-Türke Feridun Zaimoglu zusammen mit seinem deutschen Kumpel Günter Senkel im Auftrag des Volkstheaters München verfasst hat, war gewiss keine ideelle Feinkost, aber vielleicht doch eine Antwort auf die Frage: wie erzählt man einer heutigen Spaßgesellschaft erfolgreich diese mythische Geschichte, sodass diese Gesellschaft aufmerksam und amüsiert bei der Sache bleibt, die immerhin 3 Stunden Erzählzeit in Anspruch nimmt.
Christian Stückl , der Oberammergauer Passionsspielleiter und Intendant am Volkstheater, der viele Theatereffekte kennt und beherrscht, weiß, dafür braucht man viel Sex, Zoten, Grobes und Vulgäres, also eben jenes Material an Reizstoffen , das dieses Publikum von heute selber repräsentiert und wertschätzt. Die beiden Autoren reduzierten deshalb die wesentlichen Macht–und Intrigenfragen des Dramas auf die Alternativen: Schlappe oder starke, große Schwänze, frivole oder eiserne Jungfrauen. Das ergab genügend Spaß und Quietsch- Vergnügen, dazu spielte und groovte am Rand der Bühne eine Poppband zu den entsprechenden Melodien von AC-DC bis Richard Wagner und Edith Piaf. Auch der riesige Drache, der auf die Bühne kam, war wie im Kindertheater effektvoll schnaubend in Szene gesetzt und so zwinkerte der Regisseur Stückl die grotesk-obszöne Heldenstory wieder auf ein kindliches Märchenniveau hinunter. Alles nicht ganz ernst gemeint. Alles hing dann wieder lustig niedriger ab, das ganze Nibelungenpersonal: der stockschwule Giselher, der doofe Gunter, die geile Krimhild, die hässliche Barbarin Brunhild, der gespenstig lächerliche Hagen und der widerwärtige Zwerg Alberich — alles Freaks und mitten unter ihnen der starke tumbe Siegfried. Ja, es stimmt schon, das Personal der Uraufführung erinnerte einen fatal gut an das deutsche Fernsehprogramm mit seinen moralischen Schwarzweißzeichnungen, seinen Papierdialogen und gleichzeitig war das alles nur einen imaginären Katzensprung entfernt von möglichen Fetisch und S-M-Inszenierungen in den rot beleuchteten Puffs überall im Lande.
Ja, unter dem sack-grob nacherzählten Siegfriedmythos spürte man überall eine unterbewusste Pornografie und deren dirty talk am Werke, die gerade immer noch unterdrückt werden konnte aufgrund des Anstands, der in den hochkulturell definierten Theatertempeln noch notdürftig gewahrt werden muss.
Dafür dass das Theater auf das Publikum der Spaßgesellschaft nicht verzichten kann, muss es Opfer bringen und seine Stoffe dem Geschmack der vulgären Kundschaft anpassen, will es nicht bald vollends untergehen.

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