Giorgio Agamben zum Überleben Europas

Der italienische Philosoph sieht die Reduktion Europas auf einen fantasielosen Wirtschaftsbegriff, wie ihn die Deutschen zur Zeit mit ihrem Austeritätsdogma vertreten, als Anfang unseres sicheren Endes, als Verkennung unserer Stärken und Möglichkeiten der Identitätsfindung:

„Im Unterschied zu Asiaten und Amerikanern, für die Geschichte etwas ganz anderes bedeutet, begegnen Europäer ihrer Wahrheit immer im Dialog mit ihrer Vergangenheit. Vergangenheit bedeutet für uns nicht nur Kulturgut und Tradition, sondern eine anthropologische Grundbedingung. Wir können zur Gegenwart nur archäologisch vordringen, indem wir mit unserer Geschichte ins Reine kommen. So wurde die Vergangenheit für uns eine Art Lebensform. Europa hat zu seinen Städten, seinen Kunstschätzen, seiner Landschaft einfach eine besondere Beziehung. Hieraus besteht Europa recht eigentlich. Und hierin liegt das Überleben Europas.“

Advertisements

Gabrauch des Mythos

Es stellt einen großen Unterschied dar, ob man eine mythische Geschichte nur von ihrem symbolischen Kapital her nimmt und darin einiges verändert, reduziert und parodiert oder ob man an den Goldgrund des mythischen Wortlauts anknüpft , wie er in der Nibelungensage in edelstem Mittelhochdeutsch bis heute erklingt. Es ist der Unterschied zwischen Hölderlins Arbeit an den alten Griechen und der Antikenrezeption, wie sie gewisse ehemalige DDR-Dichter mit ihrer Weltanschauung für die Bühnenkanzel vornahmen.
Bei Feridun Zaimoglus und seines deutschen Kumpels Verwendung der alten Siegfriedsage für ihre Uraufführung am Münchner Volsktheater steht es wieder anders. Es kostet sie kaum einen vernehmlichen Schmerz, den urdeutschen Nibelungen-Stoff auf pure Machtgeilheit und plumpe Lottersitten herunterzuwirtschaften, da ihnen eh an der alten Geschichte nichts liegt und sie sie nur als Maske brauchen, hinter welcher sie und Regisseur Stückl den hiesigen vulgären Gesellschafts-und Medien-Umtrieben ein paar kräftige und treffliche Hiebe versetzen. Das ist zum Teil vergnüglich und auch der redliche Sinn, der durch den Spott hindurch scheint hin und wieder, hat gute Eltern. Am Ende aber reicht es doch nicht hin, lohnt der Umweg über die alte Mär nicht sehr. Dem Publikum scheint das egal zu sein, es vergnügte sich an den groben Scherzen und den großartigen Komödianten und applaudierte ihnen darum großzügig. Das Drama war für eine Saison gewiss gebrauchsfähig und gut genug, mehr wird an ihm indes kaum hängen bleiben.

Hölderlins Vers von der Rettung

Noch immer bezaubert uns das Hölderlinzitat aus seiner Hymne Patmos:
“Nah ist. Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
Gewaltig ertönt der Vers und was er verheißt. Noch immer. Doch verlieren wir nicht längst den Glauben daran, als an das, was wir halt wünschen, es sei so, es bewahrheite sich eines Tages, wenn das Wünschen wieder wie ein Wunder plötzlich hilft. Man weiß nicht, wie. Als wäre die Hoffnung ein sicherer Halt. Vielleicht aber ist sie auch ein Selbstbetrug, ein vom Dichter erklügelter Beschiss. Einspruch, sagen die anderen sofort. Einspruch, er war ein Seher, ein Visionär von Weltrang. Was aber bedeutet: der Gott? Hat er nur Weltrang, sonst keinen Namen? Was versteht er unter das Rettende?
Warum sagt der Dichter nicht einfacher: Rettung? Erlösung? Weil das Rettende klanglich schöner, unerhörter, einmaliger sich ins Gedächtnis einprägt? Weil es den Vers weicher, biegsamer erscheinen lässt?
Worte, nur Worte, nur Worte sang einst die schöne Dalida. Ja, sehr schöne Worte, helfen sie uns tatsächlich immer noch?

Vom Unsinn der Sprache

Natürlich foppt uns alle die Sprache, der Wortaberglaube. Wer die öffentlichen Diskurse beobachtet, spürt schnell, dass dort Begriffe handlungsanleitend zu sein beanspruchen, die nicht an die Wirklichkeit heranführen, an die wahre Wirklichkeit jenseits der Sprache, sondern nur in das einschüchternde Begriffs-und Balkengebirge der Logokratie. Wer an letztere nicht glaubt, riskiert ausgeschieden zu werden. Von einem herabstürzenden Balken erschlagen zu werden. Beispiele dafür? Täglich unzählige, neue. Nur eines, hier kurz ins Spiel geworfen: die aktuell so häufig benutzte Meinung zur Depression. Niemand vermag das Wort zu definieren, die Wirklichkeit zu schildern, die hinter dem medizinischen Voodoogebrauch dieser Nebelkrähe lauert. Schwarzer Hund nennen sie die Erkrankten auch gerne. Vielleicht ist es auch nur eine Laune des Zeitgeistes, der sich durch Pathologisierung eines häufig auftretenden rätselvollen Leidens Vorteile verschafft. Niemand, auch die Ärzte nicht, will sich hier festlegen und außerhalb seines terminologischen Rüstzeuges allgemeinverständlich darüber reden.
Mit anderen Begriffen, die sie morgen schon zu amokmäßigem Handeln überreden werden, steht es nicht rechtmäßiger, nicht legitimer und wir sehen, um überhaupt handeln zu können, ohne dafür vor Gericht zu kommen, brauchen wir logokratische Tricks und Krücken, die uns akademische Ehren verschaffen und höhere Positionen, wie etwa die- sagen wir- eines Marketingleiters. Nichts ist weniger auf den Wolken der Spekulation errichtet als eben diese Position. Aber so könnte man den ganzen Gesellschafts-und Staatsbau anzweifeln, von Schein zu Rang den Paternoster rauf und runter benutzend. Es fände sich wenig Substanz, doch jede Menge Sand und heiße Luft, viel heiße Luft.
Überlassen wir die Beschreibung der chaotischen Unrechtsverhältnisse also getrost den Komödienschreibern. Sie verwirren die Reden der Sprecher zur Kenntlichkeit einer heillos verdrehten Welt, die von der irren Hoffnung getragen ist, eines Tages durch einen einfachen Purzelbaum gerettet zu werden.

Siegfried im Volkstheater München

Das Theaterstück zum deutschen Siegfriedmythos, das der Deutsch-Türke Feridun Zaimoglu zusammen mit seinem deutschen Kumpel Günter Senkel im Auftrag des Volkstheaters München verfasst hat, war gewiss keine ideelle Feinkost, aber vielleicht doch eine Antwort auf die Frage: wie erzählt man einer heutigen Spaßgesellschaft erfolgreich diese mythische Geschichte, sodass diese Gesellschaft aufmerksam und amüsiert bei der Sache bleibt, die immerhin 3 Stunden Erzählzeit in Anspruch nimmt.
Christian Stückl , der Oberammergauer Passionsspielleiter und Intendant am Volkstheater, der viele Theatereffekte kennt und beherrscht, weiß, dafür braucht man viel Sex, Zoten, Grobes und Vulgäres, also eben jenes Material an Reizstoffen , das dieses Publikum von heute selber repräsentiert und wertschätzt. Die beiden Autoren reduzierten deshalb die wesentlichen Macht–und Intrigenfragen des Dramas auf die Alternativen: Schlappe oder starke, große Schwänze, frivole oder eiserne Jungfrauen. Das ergab genügend Spaß und Quietsch- Vergnügen, dazu spielte und groovte am Rand der Bühne eine Poppband zu den entsprechenden Melodien von AC-DC bis Richard Wagner und Edith Piaf. Auch der riesige Drache, der auf die Bühne kam, war wie im Kindertheater effektvoll schnaubend in Szene gesetzt und so zwinkerte der Regisseur Stückl die grotesk-obszöne Heldenstory wieder auf ein kindliches Märchenniveau hinunter. Alles nicht ganz ernst gemeint. Alles hing dann wieder lustig niedriger ab, das ganze Nibelungenpersonal: der stockschwule Giselher, der doofe Gunter, die geile Krimhild, die hässliche Barbarin Brunhild, der gespenstig lächerliche Hagen und der widerwärtige Zwerg Alberich — alles Freaks und mitten unter ihnen der starke tumbe Siegfried. Ja, es stimmt schon, das Personal der Uraufführung erinnerte einen fatal gut an das deutsche Fernsehprogramm mit seinen moralischen Schwarzweißzeichnungen, seinen Papierdialogen und gleichzeitig war das alles nur einen imaginären Katzensprung entfernt von möglichen Fetisch und S-M-Inszenierungen in den rot beleuchteten Puffs überall im Lande.
Ja, unter dem sack-grob nacherzählten Siegfriedmythos spürte man überall eine unterbewusste Pornografie und deren dirty talk am Werke, die gerade immer noch unterdrückt werden konnte aufgrund des Anstands, der in den hochkulturell definierten Theatertempeln noch notdürftig gewahrt werden muss.
Dafür dass das Theater auf das Publikum der Spaßgesellschaft nicht verzichten kann, muss es Opfer bringen und seine Stoffe dem Geschmack der vulgären Kundschaft anpassen, will es nicht bald vollends untergehen.

John Cleese

wenn ich irgendwo ein Interview sehe mit John Cleese, wie heute im neuen Spiegel, dann ist das immer wie die helle Vorfreude auf ein Fest. Und tatsächlich sagt er auch heute Bedenkenswertes: Die Muslime, die bei uns leben, sagt er, haben das Recht, ausgelacht zu werden.
Sie sind gleichberechtigt,natürlich. Bravo, da capo.

Cleese lernt jetzt mit 75 endlich Deutsch, das wird wunderbar. Endlich mal wieder einer, der Deutsch können wird.

Wer kannte den Amok-Piloten?

Wer trank mit ihm zufällig mal ein Bier oder traf mit ihm in der Lounge eines Flughafens zu einem Smalltalk zusammen? .
Eigentlich habe ich es gestern schon erwartet, heute aber war es endlich soweit, ich kaufte drum die Bild und das Blatt hat tatsächlich eine Freundin des Amok-Piloten aufgetrieben, die ein paar Hinweise geben kann. In Wahrheit sind es aber nur Fakes rundum eines Geschwätzes, aber immerhin, die Lücke füllt es. Besser wäre natürlich ein Interview mit der Mutter oder mit einer Tante gewesen, aber die winkten ab, genauso wie der Vater. Die Freundin war auch nur die verflossene, nicht die aktuelle, wie man im Laufe ihres Geredes erfährt, die aktuelle stand noch nicht bereit, oder sie verhandelt inzwischen schon um höheres Honorar mit dem Stern oder mit RTL?
So versuchen die Leute über Wut und Trauer hinwegzukommen, nachdem die berühmtesten Talkshows des Fernsehens leider nur heiße Luft einbrachten.
Bild weiß, ganz top war das noch nicht, das Blatt stromert weiter durch das Unterholz der Gerüchte und feisten Beziehungen. Vielleicht plaudert einer der Ärzte ja noch was aus, incoginto naturgemäß.
Vorers t tröstet uns das Blatt mit frischen Trennungsnews über die Misere des Halbwissens hinweg. Gerd Schröder und Doris Köpf trennen sich. Nun ja, wen überrascht das noch, schließlich war es bereits die 4. Ehe Gerds, die platzte jetzt. Also wer traut ihm nicht noch ein flotte fünfte zu, vielleicht mit einer blutjungen nächstes Mal? Sonst wird’s eh keine Nachricht mehr.
Ja, zugegeben, es ist nur Ersatz, der Leser und seine Frau sind gespannt wen Bild morgen am Sonntag bringt, der etwas über den Amok Piloten